Donnerstag, 05. Mรคrz 2026
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An der Schwelle zu neuen Geldformen

Der EZB-Rat, das oberste Beschlussorgan der Europรคischen Zentralbank, hat Mitte Juli 2021 das Projekt โ€žDigitaler Euroโ€œ offiziell ins Leben gerufen. รœberraschend kam diese Entscheidung nicht. Klar ist, dass hinter dem Beschluss mehr steckt als der Wunsch, ein prestigetrรคchtiges Vorhaben voranzutreiben. Vielmehr ist der Digitale Euro eine Reaktion auf verรคnderte Rahmenbedingungen, denen sich selbst die bedeutendsten Zentralbanken der Welt nicht verschlieรŸen kรถnnen.

Neue Erkenntnisse รคndern den Blickwinkel

Es ist nicht lange her, da waren sich die hiesigen Wรคhrungshรผter mehrheitlich einig: Eine Ergรคnzung des bestehenden Systems aus Bargeld der Zentralbanken und Giralgeld der Geschรคftsbanken sei auf absehbare Zeit nicht notwendig. Doch dรผrften vor allem zwei Erkenntnisse zu einem Sinneswandel zugunsten einer digitalen Zentralbankwรคhrung beigetragen haben. Zum einen zeigt sich in vielen Lรคndern, dass Bargeld als Zahlungsmittel an Bedeutung verloren hat โ€“ und weiter verlieren wird. Denn das analoge Zentralbankgeld ist in Zeiten von kontaktlosem Bezahlen und E-Commerce in puncto Komfort nicht mehr wettbewerbsfรคhig.

Zum anderen hat spรคtestens die Prรคsentation des Libra-Projekts 2019 den geldpolitisch Verantwortlichen eindrucksvoll vor Augen gefรผhrt, dass ihre Hoheit รผber den eigenen Wรคhrungsraum nicht (mehr) in Stein gemeiรŸelt ist. Dabei dรผrfte den Mitgliedern des EZB-Rats egal sein, ob die Konkurrenz aus privatem Geld besteht, das von einem global agierenden Konsortium um einen Tech-Giganten emittiert wird, oder auf eine auslรคndische digitale Zentralbankwรคhrung zurรผckzufรผhren ist.

Fรผr Vertreter der Zentralbanken steht langfristig nicht weniger als die eigene Daseinsberechtigung auf dem Spiel. Entsprechend weit gefasst sind die Ziele, die von der EZB fรผr den Digitalen Euro aufgestellt und kommuniziert wurden. Das digitale Zentralbankgeld soll ein im gesamten Euroraum akzeptiertes, kostenlos einsetzbares Zahlungsmittel und ein Bollwerk zur Wahrung der Geld- und Wรคhrungssouverรคnitรคt werden. Durch die neue Geldform sollen auรŸerdem Innovationen gefรถrdert werden und gleichzeitig das zweistufige Bankensystem erhalten bleiben. Fraglich ist jedoch, ob es gelingen kann, diese Ziele mit einer einzigen neuen Geldform zu erreichen.

Bislang jedenfalls ist keine Variante einer digitalen Zentralbankwรคhrung bekannt, die alle Ziele gleichzeitig erfรผllen kann. So dรผrfte eine Geldform, die sich vorrangig am Bargeld orientiert, also anonym sowie ohne Internetzugang direkt รผbertragen werden kann, kaum Grundlage fรผr bahnbrechende Innovationen sein. Letzteres kรถnnte ein auf der Distributed-Ledger-Technologie basierender Digitaler Euro mit umfassenden Funktionen zwar erreichen. Lรคngerfristig wรผrde ein so konzipiertes, risikoloses Zentralbankgeld aber wahrscheinlich das Giralgeld der Geschรคftsbanken verdrรคngen. Das wรผrde das Ende des zweistufigen Bankensystems im Euroraum bedeuten.

Lรถsen lieรŸe sich dieses Dilemma am einfachsten, indem die Gleichung um die Geschรคftsbanken und ihre Kernkompetenzen erweitert wรผrde. Entlang bestehender Zustรคndigkeiten kรถnnte der Digitale Euro der EZB so konzipiert werden, dass er das analog verfรผgbare Zentralbankgeld mit seinen Aufgaben und Funktionen fit fรผr das digitale Zeitalter macht. Im Zentrum muss stehen, den Zugang zu einem allgemein akzeptierten Zahlungsmittel bereitzustellen, das fรผr jeden Bรผrger einfach sowie komfortabel einsetzbar ist.

Der Erhalt der Wettbewerbsfรคhigkeit des Euroraums ist bei dieser Herangehensweise ebenso Aufgabe der Geschรคftsbanken wie die Schaffung von Finanzinnovationen. Dem privaten Finanzsektor muss es gelingen, das Giralgeld weiterzuentwickeln und damit die sich รคndernden Bedรผrfnisse seiner Kunden zu bedienen. Vor allem gilt es, den Euro auf die Blockchain zu bringen, um das Potenzial der Distributed-Ledger-Technologie ausschรถpfen zu kรถnnen. Durch diese Aufgabenverteilung auf Zentral- und Geschรคftsbanken dรผrfte auch den anderen von der EZB aufgestellten Zielen am besten entsprochen werden.

Weckruf fรผr europรคischen Geschรคftsbanken

Das Projekt Digitaler Euro auf die Einfรผhrung eines โ€žBargeld 2.0โ€œ zu reduzieren, greift dennoch zu kurz. Es ist vielmehr ein Weckruf fรผr die europรคischen Geschรคftsbanken. Deren Entscheidungsverantwortliche haben sich in den vergangenen Jahr(zehnt)en zu sehr auf nationale Belange und zu wenig auf gesamteuropรคische Lรถsungen fokussiert. Zwar dรผrfte das Eurosystem kein Interesse daran haben, die Geschรคftsbanken mit ihrem Giralgeld zu verdrรคngen und die mit der Kreditvergabe einhergehenden Risiken zu รผbernehmen.

Doch die Verantwortlichen haben klargestellt, dass sie vorbereitet sind. Sollten hiesige Geschรคftsbanken nicht in der Lage sein, ihren Beitrag zur Sicherstellung der Vorherrschaft des Euros in den Grenzen der Europรคischen Wรคhrungsunion (EWU) zu leisten, und auslรคndische Akteure mit ihren Lรถsungen der Gemeinschaftswรคhrung Konkurrenz machen, wรผrden sich die EZB und die nationalen Zentralbanken gezwungen sehen, das Zepter selbst in die Hand zu nehmen โ€“ trotz aller damit einhergehenden Risiken fรผr sich und das zweistufige Bankensystem.

Diese Interpretation ist nicht nur naheliegend, weil aus Sicht der Zentralbanken langfristig die eigene Existenz auf dem Spiel steht. Im Juli 2021 hat das Eurosystem Ergebnisse zu Testlรคufen fรผr die technische Basis des Digitalen Euro verรถffentlicht. Damit wurde demonstriert, dass in den Reihen der Wรคhrungshรผter die Fรคhigkeiten vorhanden sind und die nรถtige Infrastruktur aufgelegt werden kann, um die digitale Zentralbankwรคhrung je nach Bedarf auszugestalten.

Auf das Zusammenspiel kommt es an

Nicht ins Leben gerufen wurde das Projekt hingegen, um staatlichem Zugriff auf Finanztransaktionen und vorhandene Geldbestรคnde Tรผr und Tor zu รถffnen. Ebenso wenig, um den Leitzins weiter abzusenken, wie mancherorts zu lesen ist. Zum einen sind es die Bรผrger, die dem Bargeld als Zahlungsmittel den Rรผcken kehren und damit neben der auslรคndischen Konkurrenz Druck auf die Wรคhrungshรผter ausรผben. Zum anderen muss Zentralbankvertreter klar sein, dass ein Vertrauensverlust in das digitale Zentralbankgeld aufseiten der Bevรถlkerung unmittelbar auf andere Euro-denominierte Geldformen รผbergreifen wรผrde.

Die Reputation des Euros als Wรคhrung, die Glaubwรผrdigkeit der Zentralbank und die Wirksamkeit der Geldpolitik wรผrden massiv belastet. Das Eurosystem hat groรŸes Interesse daran, dass der Digitale Euro ein Erfolg wird. Noch nicht gรคnzlich geklรคrt ist hingegen, woran dieser Erfolg gemessen wird. Die von der EZB ausgegebenen Ziele kรถnnen dabei lediglich als Orientierung dienen. In jedem Fall muss das Ergebnis ein Zusammenspiel aus Digitalem Euro und tokenisiertem Giralgeld sein. Die digitale Zentralbankwรคhrung in der EWU soll in fรผnf Jahren an den Start gehen. Das Eurosystem hat im Idealfall dann alles richtig gemacht, wenn die ausgegebenen Ziele โ€ždurch das Projektโ€œ und nicht alleine โ€žmit der neuen Geldformโ€œ erreicht werden.

Claus George ist Gruppenleiter Digitalisierung und Innovationen TxB bei der DZ BANK AG.

Sรถren Hettler ist Senior-Devisenanalyst bei der DZ BANK AG.

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