Donnerstag, 05. Mรคrz 2026
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EZB auf dem Pfad der Normalisierung

Mit ihrem โ€žPfad der Normalisierungโ€œ stellt sich die Europรคische Zentralbank (EZB) der historischen Inflationsrate im Euroraum entgegen. Die Wortwahl wirkt wenig spektakulรคr, doch dahinter verbergen sich zwei weitreichende Entscheidungen. Zum einen wird der Leitzins nach einer zehnjรคhrigen Negativzinsphase vorzeitig auf ein neutrales Niveau angehoben. Zum anderen bereitet sich die EZB mit dem Transmission Protection Instrument (TPI) auf mรถgliche Spekulationen gegen einzelne Mitgliedsstaaten vor.ย 

Leitzins โ€“ Step by step

Am vorrangigen Ziel der EZB lieรŸ Prรคsidentin Christine Lagarde nicht den geringsten Zweifel. Die Zentralbank sei zuvorderst in der Pflicht, Preisstabilitรคt im gemeinsamen Wรคhrungsraum zu gewรคhrleisten. Zwar kรถnne das Ziel, die Inflation auf zwei Prozent einzudรคmmen, kurzfristig nicht erreicht werden, zu groรŸ sei die Wirkung der Energiepreise. Allerdings werde das Gremium alles Nรถtige tun, um mittelfristig wieder einen moderaten Wert einzuhalten. Aus diesem Grund fiel die Anpassung des Leitzinses mit 50 Basispunkten auch doppelt so hoch aus wie zuvor angekรผndigt. Das Ende der Negativzinsen, das ursprรผnglich fรผr September vorgesehen war, kommt dementsprechend frรผher als geplant. 

Die Entscheidung begrรผndete Lagarde mit der Realisierung von Aufwรคrtsrisiken. Damit ist gemeint, dass die Inflation im Euroraum bereits deutlicher ausfรคllt, als die EZB noch im Kontext der geldpolitischen Beschlรผsse vom Juni annahm. Demgegenรผber bewertet die Zentralbank das Abwรคrtsrisiko, also einen potenziellen Konjunktureinbruch durch die Zinserhรถhung als niedriger. Insbesondere die stabil hohe Beschรคftigungsquote spricht aus Sicht der EZB gegen dieses Szenario. 

Um kรผnftig zielgenauer auf die Volatilitรคt der Mรคrkte reagieren zu kรถnnen, wird das Governing Council seine MaรŸnahmen flexibler an die Rahmenbedingungen anpassen. Das ausgerufene Credo im Kampf gegen die Inflationskrise lautet โ€žSchritt fรผr Schritt und Monat fรผr Monatโ€œ.ย 

TPI โ€“ Capable of Going Big

Nachdem bereits die Ankรผndigung der Zinswende im Juni erhebliche Schwankungen bei Renditen von Staatsanleihen bewirkt hatte, steuert die EZB dagegen. Mit dem nun prรคsentierten Anleihekaufprogramm TPI soll verhindert werden, dass einzelne Mitglieder der Eurozone zum Ziel von Spekulationen werden. Im Wortlaut der EZB-Chefin richtet sich das Programm gegen โ€žungerechtfertigte und ungeordnete Marktdynamikenโ€œ. Dabei soll das neue Instrument den bestehenden Werkzeugkasten erweitern und nicht ersetzen:ย 

Anders als das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) ist das TPI nicht an einen inhaltlichen Anlass gebunden. Und im Gegensatz zu den Outright Monetary Transactions (OMT) sind die Hรผrden fรผr Eingriffe seitens der EZB niedriger. Allein die Zentralbank ist zustimmungspflichtig, wenngleich sie Informationen und Bewertungen der Kommission, des Internationalen Wรคhrungsfonds (IWF) und anderer Institutionen hinzuziehen wird. 

Ausschlaggebend fรผr die Aktivierung des TPIs ist neben einer Marktanalyse und der Einhaltung von vier Kriterien, dass der Kauf von Staatsanleihen โ€žin einem angemessenen Verhรคltnisโ€œ zur Erreichung der EZB-Ziele steht. In Anlehnung an das berรผhmte โ€žWhatever it takesโ€œ-Zitat des damaligen EZB-Vorsitzenden Mario Draghi unterstrich Lagarde die Bereitschaft, den gemeinsamen Wรคhrungsraum zu schรผtzen mit dem Satz โ€žWe are capable of going bigโ€œ.ย 

Gemischte Reaktionen

Grundsรคtzlich begrรผรŸen Vertreter der Wirtschafts- und Finanzwelt die von der EZB eingeschlagene Richtung. โ€žMit der Erhรถhung der Leitzinsen um 50 Basispunkte stellt sich die EZB der Inflation entschlossen entgegenโ€œ, fasst Christian Ossig, Hauptgeschรคftsfรผhrer des Bankenverbandes (BdB), die allgemeine Zustimmung zur Zinsentscheidung treffend zusammen. Helmut Schleweis, Prรคsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), merkt an โ€žDie heutige Entscheidung der EZB muss der Startschuss fรผr eine Reihe weiterer Zinserhรถhungen seinโ€œ.ย 

Hinsichtlich des Anleihekaufprogramms TPI stellt sich das Stimmungsbild differenzierter dar. Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Institut fรผr Wirtschaftsforschung (DIW), kommentiert, dass das Instrument klug, aber auch riskant sei, โ€ždenn es ist unklar, wie dieses Instrument genutzt werden wirdโ€œ. Clemens Fuest, Prรคsident des ifo Instituts, beschreibt ausfรผhrlicher, welche Folgen Fehler in der praktischen Umsetzung haben kรถnnen โ€žZinsdifferenzen gehรถren zu einem funktionierenden Kapitalmarkt, weil sie unterschiedliche Niveaus von Risiken widerspiegeln [โ€ฆ]. Es besteht die Gefahr, dass die EZB hier die Grenze zur Staatenfinanzierung รผberschreitet [โ€ฆ].โ€œ

Insgesamt sendet die EZB mit ihrem Pfad der Normalisierung ein deutliches Signal, die Inflation begrenzen zu wollen. Der vorgezogene Schlussstrich unter die Phase der Negativzinsen findet breite Anerkennung. Ob oder inwieweit das TPI dazu beitrรคgt, Mitglieder des Euroraums zu stรผtzen, ohne indirekte Staatsfinanzierung zu betreiben, werden die kommenden Monate zeigen. 

Milan Herrmann ist ehemaliger Redakteur beim BANKINGCLUB.

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