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Nackte Tatsachen

Von Kornelius Purps - 16. November 2010

Guten Morgen, heute ist Dienstag, der 16. November 2010 !

  • Die Retter suchen die Verletzten: Nicht Irland muss gerettet werden, sondern nur Irlands Banken
  • Die Verletzten suchen ihre Retter: Ausverkauf am US Rentenmarkt erfolgt nach wie vor ohne wahren Grund
  • Die Wichtigen suchen nach Anerkennung: Dutzende Zentralbank-Reden auf Kongress in Frankfurt

Bielefeld gilt gemeinhin nicht als der Nabel der Welt. Oder ist es einfach nur Zufall, dass mich all die vielen Reisen mit der Deutschen Bahn von Flensburg bis nach Oberstdorf, von Aachen bis nach Cottbus, noch nie nach Bielefeld geführt haben? Fast 60% der Fläche Bielefelds sind der Land- und Forstwirtschaft zuzurechnen, klärt uns Wikipedia auf. Es gibt sechs Mal mehr Sportflächen als Wasserflächen. Und am Sonntag gab es in Bielefeld eine ganz außergewöhnliche Attraktion zu beobachten: Ein lediglich mit einer schwarzen Kette "bekleideter" Mann erschien in einer Bäckerei, bestellte "sechs Normale und zwei Körner" und verschwand unerkannt. Es ist anzunehmen, dass die gesamte lokale Westfalenblatt-Paparazzischar sich am kommenden Sonntag auf die Lauer legen wird, um einer Wiederholung dieses Schauspiels beizuwohnen. 0,46% der Fläche Bielefelds sind der "sonstigen Nutzung" vorbehalten – vielleicht sollte man dort mal nach dem Frühstücksgott von Builefeld suchen…

Einigermaßen nackt wird auch die Vertretung Irlands heute beim Ratstreffen der EWU Finanzminister (Ecofin) in Brüssel aufkreuzen. Es sieht allerdings nicht danach aus, als ob die Iren ihre Amtskollegen um "sechs Normale und zwei Körner" bitten werden. Vielmehr sind es die Schäubles dieser Währungsunion, welche in bester Bauchladenverkäufermanier ihre Produkte anpreisen werden: "Wie wär’s mit sechs Normalen und zwei Körnern, Brian?" dürfte Finanzminister Lenihan geradezu genötigt werden, sich aus dem Arsenal an lebensrettenden und lebenserhaltenden Fazilitäten der EU-DLRG zu bedienen. Die Entscheidung, ob es zu einem Semmelfrühstück kommen wird, liegt allerdings bei den Iren selbst. Denn das fehlt noch im ausufernden Regelwerk der Europäischen Union: Der erzwungene Bailout. Aber da dürfen wir wohl getrost Wetten drauf annehmen, dass ein entsprechender Vorschlag bald die Diskussion um die Stabilität der Eurozone bereichert.

Irland-Bashing ist also der neueste Hip auf dem europäischen Parkett. Wir fassen einmal die Gesamtsituation zusammen: Der Staat Irland ist durchfinanziert bis Mitte 2011 – jegliche Bailout-Diskussion wäre hier vollkommen verfrüht. Aber die irischen Banken hängen am Tropf der EZB: Mit 130 Milliarden Euro stützt die Zentralbank die kurzfristige Finanzierung der Banken in Irland, rund 95 Mrd. davon entfallen auf irische Institute. Die EZB will ihre krisenbedingt eingeführten Maßnahmen beenden ("Exit Strategie"). Eine entsprechende Ankündigung ist für den 2. Dezember geplant. Die EZB kann aber keinen Exit durchführen, wenn sie dabei den Zusammenbruch des Bankensystems eines ganzen Landes riskiert. Entsprechend drängt die EZB die irische Regierung, eine dauerhafte und EZB-unabhängige Lösung zur Finanzausstattung ihrer Institute zu finden. Das würden die Iren ja auch gerne tun, aber dafür reicht’s nun wirklich nicht. Entsprechend lautet die neueste Idee: Es gibt einen Bailout, aber nicht für den irischen Staat, sondern für die irischen Banken. Die DLRG-Vorschriften sehen jedoch keine direkte Bankenrettung durch die EU vor, also müssen wir den Staatsbailout als Vehikel für einen irischen Banken-Bailout nehmen. Damit wären am Ende alle fein heraus: Irland könnte sagen: Wir sind gar nicht pleite, wir haben nur nicht genug Geld! Die EZB könnte sagen: Wir exiten! Und die EU könnte sagen: Die Stabilität des Euro ist ab sofort gewährleistet.

Auf internationalem Parkett kommt derzeit das QE-Bashing sehr gut an. In einem offenen Brief verlangte eine Initiative hochrangiger Wall Street Manager und Volkswirte von der US Notenbank das sofortige Beenden von QE2. Folglich befassen sich die neusten Marktgerüchte mit der Möglichkeit, das 600-Mrd.-Kaufprogramm könnte schon bald wieder gestutzt werden. Dies wäre dann aber auch der einzige nachvollziehbare Grund für den monumentalen Ausverkauf am US Treasury-Markt (5J-Rendite +50 Bp seit QE2-Ankündigung). Alle anderen Erklärungsansätze ("buying the rumor, sell the fact", "stopped-out flatteners") verlaufen irgendwie im Sand der Bielefelder Senne…

Fundamentaldaten interessieren derzeit niemanden (heute ZEW, US Industrieproduktion). Alle Augen richten sich auf die Brüsseler Brötchenbande und teilweise auf den QE-Bashing-Wettbewerb während der Euro Finance Week (einer Art Vortragsmarathon) in Frankfurt. Dem Sieger winkt – Sie werden es ahnen – eine Woche Wellness-Urlaub in Bielefeld-Schröttinghausen – mit täglich reichhaltigem Frühstück…

 

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Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie im Disclaimer.
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Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

 

© Foto by Ivar Teunissen – www.istockphoto.com
© Foto Purps und Logo UniCredit Bank by UniCredit Bank AG

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