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Risikomanager zeigen sich selbstkritisch

Von Thorsten Hahn - 13. Mai 2008

Von Dr. Stefan Hirschmann

Leassons learned aus der Subprime-Krise: Rund 120 Risikomanager zeigten sich beim Branchentreff SAS RISK 08 ungewöhnlich selbstkritisch mit Hinblick auf die Ursachen und Treiber der gegenwärtigen Turbulenzen an den Finanzmärkten.

Wie war es bloß möglich, dass im Vorfeld der aktuellen Finanzkrise bei weltweit führenden Kreditinstituten elementare Grundsätze des internen Risikomanagements fahrlässig über Bord geworfen und für den schnellen Kapitalertrag geopfert wurden? Angesichts der Komplexität von Wirkungsketten, extrem kurzen Produktzyklen und immer schwieriger zu durchschauenden Geschäftsprozessen tun sich selbst ausgewiesene Risikoexperten schwer, die Interdependenzen vollständig zu verstehen und zu erklären. Zugegeben: Deutschlands Banken haben im internationalen Vergleich die Verwerfungen – mit wenigen Ausnahmen – gut weggesteckt. Das deutsche Bankensystem hat sich in der Krise abermals als relativ robust erwiesen. Nach den USA und der Schweiz belegt Deutschland mit einem Anteil von knapp 15 % an den gesamten Abschreibungen den dritten Platz hinsichtlich der absoluten Abschreibungshöhe. Die großen Probleme sind in den USA entstanden. Dort sind die Turbulenzen auch am heftigsten zu spüren. Im Verhältnis zur Größe der jeweiligen Institute (gemessen am Buchwert) führen aber die Schweizer Banken das Negativranking an. Allerdings tun auch kleine Wunden weh. Selbst wenn andere stärker bluten müssen. Insgesamt wurden nach aktuellen Erhebungen weltweit bereits 270 Mrd. USD abgeschrieben. Das gesamte Abschreibungsvolumen aus der Hypothekenkrise wird auf rund 500 Mrd. USD geschätzt. Damit wäre also die Hälfte geschafft. Aber was kommt danach? Und wie lassen sich die besten Lehren aus den jüngsten Ereignissen ziehen? „Risikomanager und Aufseher haben versagt“, so Prof. Dr. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, vor rund 120 Risikomanagern beim Branchentreff SAS RISK 08 in Königstein im Taunus. Besser wäre gewesen, öfters den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen. Und in der Tat zeigten sich die Vertreter der Risk Community ungewöhnlich einsichtig und selbstkritisch.

Klumpen- und Konzentrationsrisiken vermeiden

Sinnvoll in strukturierte Finanzierungen zu investieren, erfordert eben auch ein hohes Know-how. „Wir wussten oft gar nicht, was wir uns da eingekauft haben“, so Dirk Wilhelm Schuh mit Blick auf die US-Subprimes. Als wesentliche Ursachen und Treiber der Subprime-Krise identifiziert der Chief Credit Officer der Commerzbank AG u.a. das blinde Vertrauen auf externe Ratingeinschätzungen, Klumpenrisiken durch mangelndes Portfoliomanagement, ein unzureichendes Liquiditätsmanagement, Intransparenz, ein weit verbreitetes Misstrauen der Marktteilnehmer untereinander sowie eine Abwärtsspirale von Marktpreisen. Heute müssten Risikomanager sofort misstrauisch werden, wenn am Markt für vermeintlich gleiche Risiken bessere Preise gezahlt werden, sagt Schuh. Zudem entbinde das externe Rating nicht von eigener Portfolioanalyse. „Das Risikomanagement ist dafür da, Marktentwicklungen eng zu überwachen“, so Schuh, damit Klumpen- bzw. Konzentrationsrisiken vermieden werden könnten. „Verlassen Sie sich nicht allein auf Aussagen der Marktbereiche oder externe Quellen und tragen Sie Sorge dafür, dass analytisches Methoden- und Expertenwissen innerhalb des Risikomanagements systematisch miteinander verknüpft sind“, rät der Risikoexperte. Sich in “guten” Zeiten der Versuchung hinzugeben, die Leitlinien und Standards großzügig auszulegen, könne in „schlechten“ Zeiten schmerzhaft zurückschlagen, weiß Schuh.

Versicherungen mit Risiken und Chancen

Diese Erfahrung haben die Versicherer bereits in der Krise von 2000/2001 gemacht und daraus ihre Schlussfolgerungen gezogen, weshalb die derzeitige Finanzkrise auch in erster Linie eine Kreditkrise ist. „Die Liquiditätsprobleme einzelner Banken, wie beispielsweise Bear Stearns oder Northern Rock, sind aufgrund unterschiedlicher Geschäftsmodelle bei Versicherungen unwahrscheinlich“, sagt Versicherungsanalyst Andreas Schäfer von der WestLB AG. In erster Linie erklärt sich dieses Phänomen durch den geringeren Fokus der Assekuranz auf Subprime und CDO/CLOs. Überhaupt haben Versicherungen in den letzten fünf Jahren ihre Abhängigkeit von Erträgen aus dem Kapitalmarkt deutlich reduziert. Dies hat sich im gegenwärtigen Marktumfeld ausgezahlt. Dennoch weicht das individuelle Exposure zu kritischen Assetklassen von Unternehmen zu Unternehmen ab. „In der Regel ist das Exposure individuell stark abhängig von der geographischen Ausrichtung und dem Segment“, so Schäfer im Rahmen der RISK 08. Generell gilt, dass Versicherungen mit einem hohen Anteil an Lebensversicherung und USA-Geschäft am stärksten betroffen sind. Mit der Ausnahme Allianz und der Swiss Re sei allerdings keine Auswirkung auf das operative Geschäft zu erkennen, so Schäfer. Die im Jahr 2007 berichteten Bewertungsverluste in den kritischen Assetklassen (CDO/CLO und Subprime) beliefen sich bei den aufgeführten Versicherungen auf etwa 4,5 Mrd. EUR, die Reduktion der Neubewertungsreserve auf Aktien im ersten Quartal 2008 dagegen auf geschätzte 16 Mrd. EUR. „Obwohl das Aktiengearing in den letzten Jahren deutlich reduziert wurde, sind die möglichen Bewertungsverluste momentan deutlich höher als bei strukturierten Produkten“, sagt Schäfer. Die robuste Bilanzsituation und gut diversifizierten Erträge mildern somit die Auswirkungen der Krise ab.

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