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Social Banking ist eine Grundeinstellung und kein Produkt

Von Redaktion - 22. Oktober 2010

BANKINGNEWS im Interview mit Katharina Beck von Institute for Social Banking.

Frau Beck, in den vergangenen Interviews mit Georg Schürmann (Triodos Bank) und Lothar Lochmeier (freier Fachjournalist) haben wir verschiedene Definitionen und Ansichten zu Social Banking erhalten. Was verstehen Sie unter Social Banking?

Social Banking ist ein an den Bedürfnissen von Mensch und Erde orientiertes Bankwesen. Geld wird als gesellschaftliches Gestaltungsmittel und nicht als Zweck an sich gesehen.
Social Banking ist keine brandaktuelle Erfindung. Die Idee, dass Geld dem Menschen dienen soll, geht weit bis ins Mittelalter zurück.

Können Sie eine Definition für Social Banking geben?
Ich möchte gern anmerken, dass es weder zu dem Begriff noch zu dem Geschäftsmodell bisher robuste, wissenschaftliche Forschungen und Definitionen gibt. Eine Arbeitsdefinition stelle ich dennoch gern in den Raum, wie auch bereits in der ersten Frage versucht.

Welche ist das?
Social Banking ist eine Grundeinstellung und kein Produkt. Im Kern haben die heutigen Social Banks die Gestaltungsfunktion von Geld erkannt und nutzen nun das Modell Bank, um durch die Vermittlung und den gezielten Einsatz von Geld die Gesellschaft zu formen. Und zwar in sozial-ökologisch orientierten Weise. Was die Banken ebenfalls eint ist ein wahrhaftiges Verständnis dessen, dass auch Gewinne Mittel zum Zweck sind. Die Maximierung dieser ist bei keiner Social Bank Geschäftsziel und das wird auch wirklich gelebt. Eine Social Bank hat also im Kerngeschäft multi-dimensionale Ziele.
Besonders an Social Banks ist auch die Art, wie sie Bankwesen betreiben: Partizipation (viele sind genossenschaftlich organisiert), Transparenz, Dialog, gegenseitiger Respekt und Gemeinschaftlichkeit stehen im Vordergrund. Die Banken versuchen, in ihren eigenen Prozessen, die Art und Weise zu leben, die sie sich für die Gesellschaft, die sie finanzieren, wünschen.
Entscheidend ist dafür die Fähigkeit von BankerInnen, bei Ihren Entscheidungen mögliche Zielkonflikte miteinander abwägen zu können. Hier gibt es keine definierte Rangordnung zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Zielen und das macht das Spannende aus, ein(e) Social BankerIn zu sein. Immer wieder bewusst zu – manchmal auch streitbaren – Entscheidungen zu gelangen, in einem empathischen und abwägenden Prozess und dann auch dazu stehen zu können. Dass eine Social Bank ökonomisch verantwortlich handelt, ist dabei allerdings nicht verhandelbar. Sie hat allerdings kreativere Möglichkeiten, mit dem Geld umzugehen.
Die meisten Kunden stellen sich offenbar ebenfalls die Frage: In was für einer Gesellschaft möchte ich leben? Und realisieren mittlerweile, dass ihr Geld auf der Bank nicht einfach für sie arbeitet, sondern eben von realen Menschen und Firmen erwirtschaftet wird – meist an einem nicht sichtbaren anderen Ort.
Was mir wichtig ist, dass es um das Konzept der Gesellschaftsgestaltung durch Geld geht. Dabei muss man sich nicht an dem Begriff Social Banking an sich festhalten. Die Begriffe ethisches, Werte-orientiertes oder nachhaltiges Bankwesen spiegeln für mich ganz ähnliche oder den gleichen Ansatz. Wichtig ist, was mit einem solchen Begriff gemeint ist. Schließlich geht es um den Effekt, den Social Banking hat und nicht um irgendwelche Definitionsdiskussionen.

Gibt es Ihrer Meinung nach Best-Practice-Modelle im Bereich Social Banking?
Den genannten Ansatz setzen in Deutschland vor allem die GLS Bank und die Triodos Bank um, von denen wir uns in unserer Abstraktion auch inspirieren haben lassen. Hier steht explizit und de facto der Mensch im Vordergrund der Bankaktivitäten. Mit Negativlisten wird die Geldvergabe an gewisse Sektoren unterbunden und mit Positivkriterien gezielt in sozial-ökologische Projekte investiert. Im Bereich „Wie“ veröffentlicht beispielsweise die GLS Bank alle vier Monate die Kredite, die sie vergeben hat. Diese Modelle sind in jedem Fall ein spannender Untersuchungsgegenstand.

Wohin geht die zukünftige Entwicklung?
Zukunftsprognosen sind immer schwierig und eigentlich unmöglich. Ich möchte mich aber nicht drücken und gebe Ihnen gern meine Einschätzung. Zur Zeit haben die Social Banks einen starken Zulauf, da viele Bürger seit der Finanzkrise ein schlechtes Bauchgefühl in Bezug auf den Finanzsektor haben.
Social Banking bietet hier eine transparente, vertrauenswürdige und menschliche Alternative. Ich gehe stark davon aus, dass das Wachstum im Bereich der Kundenzahlen weiter anhalten wird und wohl auch weitere neue Banken in dem Bereich entstehen werden.
Das Bewusstsein in der Bevölkerung muss hierfür aber noch stärker geweckt werden. Es handelt sich meiner Einschätzung nach um ein kulturelles Problem. Auch nach der Finanzkrise muss hier dringend mehr kommuniziert werden, sonst ist der Rückfall vorprogrammiert.

Wie sehen Sie die Entwicklungen im Internet im Zusammenhang mit Web 2.0?
Die Entwicklung und Nutzung von Social Media Elementen kommt dem Social Banking sehr entgegen. Es geht dabei schließlich um die Kernpunkte Transparenz, Dialog und Partizipation. Insofern ist das Web 2.0 ein über alle Maßen der Arbeitsweise von Social Banks entgegenkommendes Kommunikationsmittel.
Die verschiedenen Online-Finanzdienstleister, die dort gerade entstehen, sind spannende Plattformen, die neue partizipative Infrastruktur im Geldwesen ermöglichen. Die Richtung der Entwicklung ist noch unklar und der bereits erwähnte ganzheitliche und aktiv gestalterische Ansatz wie er den bereits bestehenden Social Banks zugrunde liegt ist bei den Finanzdienstleistern selbst noch nicht vorhanden. Was finanziert wird, wird nicht gesteuert von den Anbietern. Wie sich dieser Bereich weiter entwickelt, werde ich sehr gespannt verfolgen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Beck!

© Foto by Stephan Fengler

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