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Von Kornelius Purps - 23. Februar 2011

Guten Morgen, heute ist Mittwoch, der 23. Februar 2011 !

  • Alles rauf: EZB-Äußerungen treiben Renditen und den Euro nach oben
  • Alles runter: Entwicklungen in Libyen wirken genau in die entgegengesetzte Richtung
  • Alles offen: Kurzfristig dürften die Märkte von Angst und Unsicherheit geprägt bleiben

Heute Nachmittag habe ich einen Termin mit einem Herrn Doktor. Nein, nicht irgendein Arzt, ich meine, einen akademischen Doktor. Schon seit Stunden frage ich mich: Wie trete ich diesem Herrn gegenüber? Soll ich ihn begrüßen mit den Worten "Moin, moin, Professor Plagiat!"? Oder soll ich ihm gleich zu Beginn die Chance geben, sich zu rechtfertigen? "Ich verstehe dich, du warst jung und brauchtest das Geld…". Jeder Titelträger steht mit einem Mal unter Generalverdacht. Wir sind so weit, dass wir diejenigen Zeitgenossen, von denen abgekupfert wurde, als Helden verehren. "Guttenberg hat auch von uns abgeschrieben" jubelte gestern die Zeit, und meinte damit wahrscheinlich die Passage "Es gibt noch viele Herausforderungen." auf Seite 399 in Guttis Werk. Was zählt ein akademischer Titel noch? Heute braucht’s ehrlich erworbene Qualifikationen. Letztens war ich kurz davor, eine Art Ehren-Bären für mein Lebenswerk zu erhalten. "Purps, du bekommst eine Lastenaufzugsberechtigung!" hieß es. Yes! Die Lastenaufzugsberechtigung. Endlich ein exklusives und schmückendes Merkmal auf meiner Visitenkarte: "Dipl.-Vw. Kornelius Purps, Lastenaufzugsberechtigter". Na gut, der Dipl.-Vw. ist ja fast ein Dr. phil., den gebe ich freiwillig her, macht nix, davon gibt’s viele. Aber fragen Sie doch mal in Ihrem Bekanntenkreis, insbesondere bei ehemaligen Doktoranden, wer von denen mit einer Lastenaufzugsberechtigung ausgezeichnet wurde? Na also.

Kurz vor der feierlichen Übergabe des Goldenen Fahrstuhlschlüssels kam leider etwas dazwischen, und so warte ich bis heute auf meine hochverdiente Auszeichnung. Aber ich werde weiterhin hart arbeiten, vielleicht klappts ja dann irgendwann mit meiner Beförderung. Innerhalb der Europäischen Zentralbank ist ein erbitterter Wettstreit um die Verleihung des Goldenen Zinsfußes entbrannt. Nachdem Axel Weber freiwillig auf seine Ehrung verzichtet hat, versuchen nun zahlreiche Ratsmitglieder, in Webers viel zu große Fußstapfen zu treten. Es qualifiziert sich derjenige für die Ehrung, der, wie man auf neudeutsch sagt, sich am hawkischsten gibt. Aktuell klarer Topfavorit: Yves Mersch aus Luxemburg, nachdem er gestern aus dem Nähkästchen plauderte: "Ich wäre nicht überrascht, wenn [auf der EZB Ratssitzung] nächste Woche die Mehrzahl meiner Kollegen nach oben gerichtete Inflationsrisiken sehen würde." Dann holt er zum Rundumschlag aus: Die Wachstumsprojektionen müssten angehoben werden, die Wachstumsrisiken müssten abgeschwächt werden, die Inflationsprojektionen müssten angehoben werden, und natürlich die Inflationsrisiken, die seien wohl nicht mehr "balanced", sondern nach oben gerichtet. Doch damit nicht genug: Nächste Woche ist auch wieder Zeit, über die außerordentlichen Liquiditätsoperationen der EZB zu befinden (Stichwort: Vollzuteilung). Hierzu meinte Mersch in einem Anfall von Diplomatie: "Ich kann nicht bestätigen, dass das Ergebnis [der Diskussionen] nächste Woche ausschließlich den Preis [für Liquidität] betrifft. Wir können durchaus auch im Bereich der Menge [an Liquidität] aktiv werden." Die EZB hat im Prinzip fünf Stellschrauben, an denen sie drehen und ihre geldpolitische Straffungsneigung zum Ausdruck bringen kann: BIP- und CPI-Projektionen, BIP- und CPI-Risiken und Liquiditätsverknappung. Mersch schlägt vor, gleich an allen fünf Schrauben zu drehen.

Der Markt hat Trichet verstanden. Die 2jährige Bundrendite und der Euro machten einen großen Satz nach oben. Und das ist die Crux an der aktuellen Marktsituation: Mit Blick auf das Ratstreffen der EZB nächste Woche müssten wir eigentlich steigende Renditen und einen festeren Euro sehen. Die Marktkräfte aufgrund der Unruhen in Libyen wirken dem jedoch diametral entgegen. Es gibt Meldungen, wonach am morgigen Donnerstag auch in Saudi-Arabien eine Protestbewegung losgetreten werden soll. Man muss wohl befürchten, dass die Angst im Markt kurzfristig noch die Erwartungen an die EZB nächste Woche dominieren wird. Die Unsicherheit ist groß, denn um die möglichen Entwicklungen in der Krisenregion antizipieren zu können, braucht’s einen mit richtig Ahnung, einen Doktor der Islamwissenschaften zum Beispiel. Mit einer Lastenaufzugsberechtigung kommt man da nicht weit…

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Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie im Disclaimer.
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Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

 

Foto von spxChromewww.istockphoto.de
Foto Purps und Logo UniCredit Bank von UniCredit Bank AG

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