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Vorhersageproblematik

Von Kornelius Purps - 12. April 2011

Guten Morgen, heute ist Dienstag, der 12. April 2011 !

  • Kürzere Röcke: IWF hebt Wachstumsprognose für Deutschland an
  • Längere Röcke: IWF senkt Wachstumsprognose für USA und Japan
  • Jeans & Socken: Marktstimmung wegen IWF, Alcoa und Fukushima etwas eingetrübt

"Wir empfehlen, auf die Erstellung und Veröffentlichung von Prognosen zu verzichten, die der Öffentlichkeit den Eindruck vermitteln, man könne mit dem heutigen Stand der Wissenschaft detaillierte Aussagen über die kommende Jahreszeit treffen." Tja, Sie denken, ich zitiere hier aus dem Protokoll der letzten Strategie-Sitzung des Analystencorps der UniCredit. Weit gefehlt. Nicht wir wollen auf die Erstellung von Langfristprognosen verzichten, sondern die Wetterfrösche. Der obige Satz entstammt der "Hamburger Erklärung". Die Unterzeichner dieser Erklärung, vorwiegend Meteorologen, aber wahrscheinlich auch der eine oder andere Zins- oder Währungsanalyst, verpflichten sich darin, kein Dummschwätz mehr über das vermutliche Wetter in der nächsten Jahreszeit abzugeben. Der Einsatz von Bauernregeln (13. April: "So wie Martin es will, zeigt sich der ganze April.") bleibt dabei ebenso außen vor wie ähnliche Techniken in der Marktanalyse ("Je kürzer die Röcke, desto höher steigen die Aktien.")

Zugegeben, wir Analysten und Prognostiker tun uns auch alleweil schwer, die Zukunft vorherzusagen. Aber wir vertrauen darauf, dass Sie uns vertrauen, dass wir unser Bestes geben, um Sie bei Ihren Investitions- und Anlageentscheidungen zu unterstützen. Wenn Sie mit unserer Arbeit zufrieden sind, dann erzählen Sie es weiter (zum Beispiel hier im Euromoney Fixed Income Poll 2011); sind Sie es nicht, so sagen Sie es uns (zum Beispiel hier).

Der Internationale Währungsfonds liegt mit seinen Prognosen möglicherweise keinen Deut besser als unsereiner, aber er kann seine Kristallkugelbefragungsergebnisse einfach prominenter präsentieren: Mehrere Hundertschaften hochbegabter Wirtschafts- und sonstiger Wissenschaftler verfassen zwei Mal jährlich ein fast 250 Seiten starkes Pamphlet, nennen dieses World Economic Outlook und besitzen damit sozusagen den Maybach unter den Prognosekompendien. Gestern war es wieder so weit. Der "WEO" wurde in ansonsten umsatzlosen Märkten freudig als Impulsgeber in Empfang genommen. Kernaussage: Der Anstieg des Ölpreises entwickelt sich zu einem der Kernrisiken für den globalen Wachstumsausblick. Noch seien die Auswirkungen beherrschbar, aber wehe, die alte texanische Ölbaron-Weisheit wird Realität: "Blubbert’s Osterns an der Quelle, fahr’n des Herbstens wir nach Celle." Zweites Highlight des IWF-Berichts war die Wachstumsprognose für Deutschland: Plus drei Zehntel auf 2,5% in diesem Jahr. Nur Kanada kam noch besser weg (+0,5pp). Die Deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten 2,8%, die UniCredit-Volkswirte gar 2,801%.

Die Märkte interessierten sich jedoch nicht für das Weißwurstwachstum, sondern für die Prognosen für die USA und Japan. In beiden Ländern wird, dem IWF zufolge, das BIP-Wachstum im laufenden Jahr um zwei Zehntel Prozentpunkte geringer ausfallen als noch im Januar erwartet. Offensichtlich sinkt die Ölnachfrage infolgedessen auf Null, weshalb der Ölpreis gleich mal um fünf (!) Dollar von $127 auf $122 abstürzte (aktuell: $123). Wir befinden uns jetzt mitten im Katz-und-Maus-Analysten-Spiel: Steigt der Ölpreis, fällt das Wachstum; fällt das Wachstum, fällt der Ölpreis; fällt der Ölpreis, steigt das Wachstum; steigt das Wachstum, steigt der Ölpreis…

Zwei weitere Meldungen drücken heute früh auf die Stimmung der Anleger: Alcoa eröffnete die Berichtssaison lediglich mit einem Close-To-Consensus-Quartalsbericht. Und die japanischen Behörden stufen das Atomunglück in Fukushima jetzt als genau so schwerwiegend ein wie den Reaktorunfall in Tschernobyl – Level 7. Gestern wurde die Sicherheitszone ausgeweitet, und alle Welt fragt sich: Was wissen die, was wir nicht wissen?

Entsprechend sollten wir uns heute auf eine Gegenbewegung an allen Märkten einstellen: Anleihen fester, Aktien schwächer, Dollar fester, Rohstoffe schwächer. Dabei sollten wir allerdings nicht die Makro-Daten übersehen: Deutsche Inflation (in Eurostat-Berechnung von 2,2% auf 2,3% nach oben revidiert), UK Inflation (mit 4,4% erwartet) und US Importpreise (mit 8,6% erwartet). Ich könnte ja jetzt versuchen, eine Inflationsprognose für den kommenden Herbst abzugeben, nehme davon aus Rücksicht auf die armen Wetterfrösche jedoch Abstand…

—-
Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie im Disclaimer.
—-

 

Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

 

Foto von Gunnar Pippel www.istockphoto.de
Foto Purps und Logo UniCredit Bank von UniCredit Bank AG

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