Jetzt Mitglied werden
Artikel

Warten auf Geständnisse

Von Redaktion - 21. Januar 2011

„Halunken, Gauner, Betrüger“, brüllte die Menge, die sich vor dem Portal des Kölner Bankenhauses I. D. Herstatt versammelt hatte. Die Kunden wollten ihr Geld abheben, aber an der Glastür hing ein Schild „Geschlossen“. Der zweitgrößten Privatbank der Bundesrepublik Deutschland war 1974 wegen ruinöser Devisengeschäfte die Geschäftserlaubnis entzogen worden. Auf 480 Millionen Mark wurden die Verluste geschätzt. Der grandiose Aufstieg, den I. D. Herstatt nach dem Wegfall fester Wechselkurse dank hochriskanter Devisengeschäfte erlebte, endete mit der damals größten Bankenpleite der deutschen Geschichte. „Iwan der Große“, wie der verstorbene Bankengründer und Bonvivant Iwan David Herstatt nicht nur wegen seiner Körperlänge von fast zwei Metern im Volksmund genannt wurde, war angeblich selbst von der Pleite überrascht – ebenso wie sein Jugendfreund, der Versicherungsmagnat Hans Gerling, der Hauptaktionär des Bankenhauses und Aufsichtsratsvorsitzender. Die mächtigen Herren sahen sich als Opfer des Chefdevisenhändlers: eines jungen Mannes mit dem fantastischen Namen Dany Dattel. Dabei hatte Bankchef Herstatt Dattel zunächst als „Goldjunge“ gepriesen. Händler anderer Banken dagegen argwöhnten, bei Herstatt werde „ein zu großes Rad“ gedreht. Der Spruch hat die Herstatt-Pleite überdauert. Als Konsequenz des Debakels wurden die Bankenaufsicht verschärft und der Einlagensicherungsfonds zum Schutz von Sparern gegründet. Die strafrechtliche Aufarbeitung war dagegen ein Fiasko. Gerling wurde gar nicht erst angeklagt. Der Prozess gegen Herstatt endete nach mehr als einem Jahrzehnt mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren.

Das Verfahren gegen Dany Dattel wurde aus gesundheitlichen Gründen eingestellt. Wegen eines „frühkindlichen Verfolgungsschicksals im KZ Auschwitz“ attestieren ihm Ärzte dauernde Verhandlungsunfähigkeit. Werden wir Ähnliches erleben, wenn es in der aktuellen Finanzkrise um die strafrechtliche Aufarbeitung des Beinahekollapses von Banken wegen hochriskanter Wertpapierspekulationen geht? Werden Prozesse abermals zur Posse? Werden Banker sich wieder erfolgreich als ahnungslose Opfer stilisieren? Wird es am Ende so sein, dass Hauptakteure nicht zur Rechenschaft gezogen werden können, weil sie mittlerweile zu krank oder zu labil sind? Ein kurzer Hinweis auf den Fall Herstatt findet sich in der Strafanzeige, die der Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate im vergangenen Frühjahr gegen Verantwortliche der HSH Nordbank wie den Vorstandsvorsitzenden Dirk Jens Nonnenmacher wegen des Verdachts der Untreue in einem besonders schweren Fall erstattete. Mittlerweile bietet der Fall der norddeutschen Landesbank genügend Stoff für einen Wirtschaftsthriller. Es geht um bankinterne Machtkämpfe und Intrigen, Abhöraktionen und andere illegale Vorgänge. Selbst ein fingierter Kinderpornoskandal soll Managern der HSH Nordbank angeblich nicht zu schmutzig gewesen sein, um einen unliebsamen Kollegen los zu werden. Die Untersuchungen dieser Machenschaften haben zwar unmittelbar nichts mit den staatsanwaltlichen Ermittlungen wegen der Milliardenverluste der HSH Nordbank durch riskante Derivategeschäfte zu tun. Aber „atmosphärischen Einfluss“ auf das Verfahren, sagt Anzeigenerstatter Strate, habe es schon, wenn der Eindruck entstehe, die HSH Nordbank sei ein Augiasstall. Der Rechtsanwalt bezichtigt die Manager, die Landesbanken durch Wertpapierspekulationen an den Rand des Ruins brachten, sie hätten „nach dem Motto ,too big to fail‘ agiert“. Aber wo verlaufen die Grenzen zwischen riskantem, unmoralischem, unverantwortlichem und kriminellem Verhalten? Strate selbst bekommt von Kollegen zu hören, er habe die Seiten gewechselt und setze sich nun als Gutmensch in Szene. Denn der Hamburger Anwalt beriet auch schon Unternehmer, Millionenerben und Manager. Ein typischer Verteidiger für die „White-Collar- Crime“-Klientel ist er jedoch nie gewesen.

Powered by:

Zu Strates Mandanten gehörten auch Terrorverdächtige, Mafiosi und die verurteilte Kindsmörderin Monika Böttcher. Nun sieht er sich mit seinem juristischen Feldzug gegen Vertreter des Kapitals auf der „rechtsstaatlich richtigen Seite“. Der Rechtsstaat lebe davon, dass „persönliche Verantwortlichkeiten bezeichnet werden“. Seine Strafanzeige richtet sich auch gegen mehrere Aufsichtsratsmitglieder der HSH Nordbank. Anklagen gegen sie hält Strate jedoch für unwahrscheinlich. Schließlich sitzt in den Aufsichtsräten viel regionale Prominenz mit eher geringem Wissen über Kapitalmärkte. „Denen wird man wahrscheinlich zugutehalten, dass sie keine Fachleute sind.“ Nicht nur in Hamburg sind ehemalige und amtierende Bankvorstände ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Zu den wichtigsten Fällen bei der strafrechtlichen Aufarbeitung der Bankenkrise gehören Verfahren in München, Stuttgart, Düsseldorf und Leipzig.

Foto by Nikolay Mamluke  www.istockphoto.de
Text by Katja Gelinsky – www.cicero.de

Lesen Sie auch

Ego-Probleme: Wer hat den größten Turm?

Von überall hört man es läuten: Filialen werden[…]

Christian Grosshardt

Fusionsdruck Rot

400 Sparkassen leisten sich knapp 170 weitere Unternehmen,[…]

Thorsten Hahn

Seitenwechsel – Jain zu Fintech

Anshu Jain kehrt den Banken den Rücken und[…]

Philipp Scherber

Targo-Chef vor die Tür gesetzt

Franz Josef Nick muss am Ende des Jahres[…]

Christian Grosshardt

Banken werden EU-Marionetten

Deutliche Einschnitte in die Kundenwahl müssen Banken ab[…]

Christian Grosshardt

Telekom-Konten gehackt!

In der vergangenen Woche soll es zu mehreren[…]

Christian Grosshardt

Probleme bei Paydirekt

Probleme über Probleme. Erst erklärten viele Händler, sie[…]

Julian Achleitner

Herber Rückschlag für Paydirekt

Da haben sich deutsche Banken endlich für einen[…]

Julian Achleitner

Niedrigzins trifft Bausparkassen

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) trifft nun[…]

Julian Achleitner

Credit Suisse steht vor Einigung

Credit Suisse kann schon einmal das Scheckbuch zücken.[…]

Julian Achleitner

Cryan läutet neues Zeitalter ein

Nun ist John Cryan schon seit fünf Wochen[…]

Julian Achleitner

Welche Vorteile bietet mir der BANKINGCLUB?

BANKINGCLUB ist einer der größten Wirtschaftsclubs für Mitarbeiter[…]

Thorsten Hahn

Nach Jenkins die Sinnflut

Knapp drei Jahre nach seinem Amtsantritt musste der[…]

Christian Grosshardt

Bankgeheimnis von EuGH gelockert

Erst Euphorie, dann die Ernüchterung: Man ersteigert zu[…]

Christian Grosshardt

Volksbank will Filialen schließen

Haben die Genossenschaftler der Volks- und Raiffeisenbanken zu[…]

Julian Achleitner

Apple Pay nun auch in Europa

In den USA können Verbraucher bereits seit Oktober[…]

Julian Achleitner

Bezahlen mit Selfie

Das ist mal innovativ. Vergessen Sie Bezahlen mit[…]

Julian Achleitner

Persona non grata – Varoufakis tritt zurück

Auf seinem Twitter-Account ist zu lesen: „Minister no[…]

Christian Grosshardt

Chapeau, Herr Neske!

Was für eine Schlagzeile heute Morgen in der[…]

Thorsten Hahn

Vorstand beschließt: Postbank steht zum Verkauf

Nach Tagen des Spekulierens ist zumindest eine Vorentscheidung[…]

Christian Grosshardt

Milliarden durch EZB verloren

Die Niedrigzins-Politik der EZB ist vielen ein Dorn[…]

Christian Grosshardt

Kritik an Deutschland

Wir stehen mal wieder in der Schusslinie! Die[…]

Christian Grosshardt

400 Kunden in die Wüste geschickt

Wer nicht hören will, muss fühlen. Wie SPIEGEL[…]

Christian Grosshardt

Amtlich: Der Euro wird abgeschafft!

Jetzt ist es spruchreif: Nachdem sich die führenden[…]

Christian Grosshardt

Der Dollar ist zurück

Wer hätte das gedacht? Dollar und Euro bewegen[…]

Christian Grosshardt

Gemeinsames Online-Bezahlsystem auf dem Weg

In Zeiten von Fintechs, die extern teilweise Online-Bezahldienste[…]

Christian Grosshardt

Lufthansa mit enormen Verlusten an der Börse

Der gestrige Absturz eines Airbus A320 hat viele[…]

Christian Grosshardt

Radikale Maßnahme bei der Deutschen Bank

Seit einiger Zeit berät die Deutsche Bank in[…]

Christian Grosshardt

Tag 1 nach Blockupy

Unfassbare Bilder boten sich uns gestern aus der[…]

Christian Grosshardt

Blockupy – Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei

Man rechnete mit dem Schlimmsten, aber die Befürchtungen[…]

Christian Grosshardt

Geldwäsche treibt Bank in die Pleite

Banco Madrid ist insolvent. US-Behörden werfender Bank vor[…]

Thorsten Hahn

Den Kunden dort abholen, wo er ist – im Netz

Über 28 Millionen Deutsche erledigen ihre Bankgeschäfte online:[…]

Juliane Hartmann

Turnschuhe sind zum Turnen da

Ein altes Sprichwort besagt: „Kleider machen Leute.“ Dieses[…]

Julian Achleitner

DAX 30 CFD-Trading

Experten raten in diesen harten Zeiten des Niedrigzinses[…]

Julian Achleitner

Finanzprodukte – einfach unterhaltsam

Wie Erklärfilme komplexe Finanzprodukte begreifbar machen und zu[…]

Julian Achleitner

Austerität. Politik der Sparsamkeit: Die kurze Geschichte eines großen Fehlers

Autor: Florian Schui Euro: 19,99 256 Seiten, broschiert[…]

Julian Achleitner

Die BIZ als Wahrsager?

Im Oktober mussten die Aktienkurse einen enormen Einbruch[…]

Christian Grosshardt

Mario "Two-Face" Draghis neuer Job

Auf die Europäische Zentralbank und Mario Draghi wartet[…]

Christian Grosshardt

Bevormundung erwachsener Bürger

In einer freiheitlichen Grundordnung müsste die Eigenverantwortlichkeit des[…]

Julian Achleitner

Maßnahmen gegen Steuerflucht

In drei Jahren wird mit offenen Karten gespielt:[…]

Julian Achleitner

Fintech mal anders

Die Zukunft des Zahlens hat schon längst begonnen.[…]

Julian Achleitner

Ein Tag, der die Welt veränderte

Vor 85 Jahren sorgte der berüchtigte „Black Thursday“[…]

Julian Achleitner

Algorithmen oder das vermeintliche Ende des Beraters

Kann die Maschine Menschen ersetzen? Diese Frage wird[…]

Julian Achleitner

Regionale Werbung mit internationalem Flair

Mehrere Tausend Werbebotschaften versuchen täglich, die Aufmerksamkeit der[…]

Christian Dorn

Auf Wanderschaft

Schon praktisch diese Rucksäcke. Man hat die Hände[…]

Thorsten Hahn

MaRisk-konformer Einsatz des iPads in der Bank

Der Siegeszug des iPad ist nicht aufzuahlten, auch[…]

Thorsten Jekel

„Der Fokus liegt auf der Online-Präsenz“

Im Interview mit den BANKINGNEWS spricht Kai Fürderer,[…]

Thorsten Hahn

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Über 200 Vergleichsportale gibt es heute bereits. Das[…]

Thorsten Hahn

Das Mitarbeitergespräch: Führung oder Flop?

Es ist Herbst. Die Tage werden kürzer. Zeit[…]

Niels Pfläging

„Du bist, was Du teilst!“

You are what you share! „Du bist, was[…]

Prof. Martina Dalla Vecchia

Outsourcing von Kreditanalysen

Zeiten ändern sich. Dieser berühmte Satz kann problemlos[…]

Markus Diehl