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Wir arbeiten nicht um zu leben…

Von Kornelius Purps - 12. März 2012

"Ich lebe nicht, um zu arbeiten, sondern ich arbeite, um zu leben." Dies ist ein gern vernommenes Bonmot aus Kreisen der Lifestyle-Generation des 21. Jahrhunderts. Früher hätte es das nicht gegeben. In der Schweiz auch nicht. Gestern wurde in der Alpenrepublik darüber abgestimmt, ob dem Arbeitnehmer gesetzlicherseits zwei Wochen mehr Urlaub zustehen sollen. "Wir arbeiten nicht, um zu leben, sondern wir leben, um zu arbeiten", dachten sich zwei Drittel der Urnengänger und lehnten die Volksinitiative ab. Schade eigentlich, denn genau jetzt hätten sich die Schweizer, und mit ihnen alle anderen Europäer, zwei Wochen Sonderurlaub nehmen können: Zwei Wochen, das dürfte wohl derjenige Zeitrahmen sein, in welchem wir die Worte "Griechenland" und "Krise" nicht in einem Atemzug nennen…

Der Schuldenschnitt ist durch. Die letzten Hoffnungen der Kleinsparer auf einen für sie gütlichen Ausgang wurden am Freitag um die Mittagsstund zerstört, als Bundesfinanzminister Schäuble bestätigte: "Griechenland wendet die Collective Action Clauses (CACs) an – und zwar ohne Ausnahme. Nun gut, die Ausnahmen wurden bereits im Vorfeld geregelt, als die Europäische Zentralbank (EZB) wie auch die Europäische Investitionsbank (EIB) mit einer Sonderregelung bedacht und vom Schuldenschnitt ausgenommen wurden. Alle anderen Besitzer griechischer Staatsanleihen dürfen sich jetzt auf massig Zuwachs in ihrem Depot freuen. Quasi-automatisch wird dort eine Zwangsdiversifikation epischen Ausmaßes vorgenommen: zwanzig neue Anleihen Griechenlands mit Laufzeiten zwischen zehn und dreißig Jahren, drei EFSF-Papiere mit Laufzeiten zwischen sechs Monaten und zwei Jahren sowie ein Papier ohne Nennwert, dafür mit variablem Kupon (BIP-Linker). Wie es heißt, soll die entsprechende Umbuchung im Laufe des heutigen Tages vonstatten gehen. Ihr aktueller Depotauszug ("Pos. 1: Griechenland-Anleihe, Wert: €0,00") hat daher lediglich symbolischen Charakter.

Der Internationale Derivateverband (ISDA) hat am späten Freitag Abend festgestellt, dass der teilweise Zwangsumtausch griechischer Staatsanleihen ein Kreditereignis darstellt. Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) werden damit zur Zahlung fällig (über die komplizierten Modalitäten des technischen Ablaufs hüllen wir an dieser Stelle mal das Mäntelein des Schweigens…). Der ein oder andere Kollege trat am Freitag an mich heran und rieb sich die Augen: "Hab ich da was falsch verstanden? Wurden nicht Monate lang alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Prinzip der Freiwilligkeit zu bemühen, um nämlich genau DAS zu vermeiden, nämlich ein Auslösen der CDS?" Ja. Stimmt genau. Also nein, du hast da nichts falsch verstanden. Monate lang hieß es, eine erzwungene Umschuldung sei das Ende der Finanzmärkte, das Ende der Zivilisation, das Ende aller Schweizer Arbeitshoffnungen. Und nun das: "Credit Event? Ja mei, passt scho. Wo guckst du morgen Bayern gegen Basel?" Das Wall Street Journal spricht schon vom "Credit Non-Event". In der Tat, wir haben soeben die umfangreichste Staatsaumschuldung nebst Kreditereignis und Default-Rating erlebt, aber an den Finanzmärkten herrscht Ruhe wie in der Schweizer Urlaubszeit.

Soll man deshalb jetzt argumentieren, wir hätten das ganze Umschuldungsbrimborium schon vor zwei Jahren durchziehen sollen? Ganz klar nein. Diese zwei Jahre waren erforderlich, um genau das hinzubekommen, was wir jetzt hinbekommen haben, nämlich einen nahezu geräuschlosen Schuldenschnitt. Heute gibt’s noch schnell die Freigabe des zweiten Kreditpakets durch die EU Finanzminister, und dann machen wir erst mal zwei Wochen Urlaub vom Thema Griechenland, bevor mit den Neuwahlen (vermutlich Ende April) die Diskussionen aufs Neue auflodern werden.

Werfen wir einen Blick auf die Märkte. Dort sehen wir einen relativ schwachen Euro, uninspirierte Aktienmärkte und – natürlich – feste Bundesanleihen. Irgendwie ein ganz normaler Arbeitstag also, auf dem Börsenparkett genau so wie in der Schweiz…

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