Jetzt Mitglied werden

Quo vadis MiFID II? Anlegerschutz oder das Ende der Anlageberatung?

MiFID II wird auf Anfang 2018 verschoben, und alle atmen auf. Die ambitionierte zweite Auflage der Finanzmarktrichtlinie hat sich zum Ziel gesetzt, den Anlegerschutz weiter zu verbessern, Märkte transparenter zu machen und den bilateralen Handel in sogenannten Dark Pools auszutrocknen. Von Andreas Gehrke

Von Andreas Gehrke - 14. April 2016

Christian Lambiotte/European Communities

Doch hält MiFID 2.0, was sich Aufsichtsbehörden davon versprechen? Im Moment sind es gerade diese, die mit dem von ihnen selbst vorgegebenen Tempo nicht Schritt halten können und den Aufschub benötigen. Die Banken hingegen rüsten sich derzeit für all das Neue, das da in Sachen Anlegerschutz auf sie zukommt.

Neue Regeln – alte Sorgen

So fordert MiFID II einen völlig neu konzipierten Product Governance Prozess, welcher neben der Produktgenehmigung unter Abklärung von potenziellen Interessenkonflikten und der Definition eines sogenannten Zielmarktes für das Produkt eine regelmäßige Nachschau fordert, ob das Produkt auch in späteren Stationen seines Lebenszyklus den Anforderungen noch gerecht wird.

Anleger sind fortan über die genauen Kosten ihrer Anlage aufzuklären, und zwar vor Tätigung von Geschäften sowie mindestens einmal jährlich über die Gesamtkosten im Zusammenhang mit ihren Investments.

In einer Geeignetheitserklärung muss mindestens einmal jährlich die Geeignetheit von Anlagen für den Anleger überprüft werden – dies zusätzlich zu Geeignetheitsprüfungen, welche bereits vor Erbringung einer Dienstleistung und vor dem Erwerb von Finanzprodukten zu erfolgen haben.

Schöne neue Welt der Regulierung – der neue Schutz und die neue Transparenz an den Finanzmärkten werden Anleger sicherlich begeistern. Was sie allerdings weniger begeistern dürfte sind die Kosten der Anlage, die mit den neuen Verpflichtungen der Banken und Finanzdienstleister steigen werden. Diese steigen ggf.noch weiter an, im Falle eines Falles, dass die Aufsichtsbehörden einem Produkt ihr Placet entziehen, es zu sogenannten Produktinterventionen kommt, also dazu, dass Produkte vom Markt genommen bzw. ihr Vertrieb untersagt wird. In einem solchen Fall hätte sich die betroffene Bank mit dem Produkt deutlich verkalkuliert und würde das in die Produktentwicklung und Marketing investierte Geld vollständig abschreiben müssen. Zudem wäre sie dann auch noch dem Reputationsrisiko durch „Blaming and Shaming“ ausgeliefert, also dass die Aufsichtsbehörde die Produktintervention öffentlich macht. Solche Eventualkosten werden die Banken in ihren Preismodellen eventuell berücksichtigen müssen.

Das Für und Wider der neuen Regulierung

Es ergibt sich für Anleger also viel Positives aus der MiFID II, wie etwa deutlich detailliertere Produkt- und Risikoaufklärung der Kunden, bessere Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse, höhere Transparenz an den Märkten, die Einführung von „Qualitätssiegeln“ für angebotene Produkte durch ausgefeilte Product Governance, ausreichende Vielfalt der angebotenen Produkte und Sicherheit durch periodische Rückschau statt Einmal-Betrachtung beim Verkauf (höhere Verantwortung der Banken). Zudem kann es sicherlich nicht schaden, dass Banken ihr Geschäftskonzept und Produktangebot sinnvoll überdenken. Somit könnte auch der unabhängigen Anlageberatung – in Deutschland bekannt durch das Honoraranlageberatungsgesetz – neues Leben eingehaucht werden.

Dagegen sprechen höhere Kosten für die Banken (und letztlich für die Kunden), mehr administrativer Aufwand, der sowohl Banken als auch Kunden trifft sowie eine mögliche „Bevormundung“ der Kunden. Dazu kommt, dass bei der immer stärker postulierten Abkehr von Rückvergütungen durch Produktproduzenten das hehre Ziel der „Zahlung durch denjenigen, der die Leistung erhält statt durch den, der das Produkt erstellt“ konterkariert wird durch die ungleiche steuerliche Behandlung von an Kunden ausgekehrten – und somit zu versteuernden – Rückvergütungen gegenüber der nur hälftig anrechenbaren Bankgebühren, welche unweigerlich steigen werden.

MiFID II – regulatorischer Quälgeist oder Chance?

Dies alles könnte dazu führen, dass individuelle Beratung ggf. nur noch für größere Vermögen erbracht wird und kleinere Portfolios lediglich mit Standardlösungen bedacht werden. Hier ginge dann einiges an Produktvielfalt und Diversifikationsmöglichkeiten für die Kunden verloren, weil ihnen die Berater nicht mehr jedes Produkt zumuten wollen oder können.

Ist MiFID II damit nur noch zum regulatorischen Quälgeist geworden, dessen Kosten die Finanzdienstleister letztlich auf die Kunden umwälzen? Oder  ergeben sich vielmehr Chancen durch neue bzw. überdachte  Geschäftsmodelle und mehr Fairness durch die weitest gehende Harmonisierung der Regeln innerhalb Europas? Sicher erscheint bereits jetzt, dass diejenigen Marktteilnehmer Wettbewerbsvorteile erlangen werden, denen es gelingt, die neuen Anforderungen möglichst effizient und dabei doch effektiv umzusetzen.

Andreas Gehrke ist seit 2013 Country Compliance Head der ABN Amro Gruppe in Deutschland. Zuvor leitete er die Compliance beim Schweizer Wertschriftenhändler Strukturierte Produkte Emittenten Leonteq Securities in Zürich. Von 2005 bis 2009 war er bei Barclays Capital als Head of Compliance Central Europe tätig.
Bildnachweis: Christian Lambiotte/European Communities

Lesen Sie auch

Mit offener Unternehmenskultur zu gutem Compliance-Bewusstsein

Ein gesundes Risiko- und Compliance-Bewusstsein ist elementarer Bestandteil[…]

Redaktion

Der Transparenz verpflichtet

Die regulatorische Belastung auf deutsche Finanzinstitute wächst stetig[…]

Axel Schmale

Mit Fintechs zu besserem Compliance Management

Fintech-Kooperationen sind eine beliebte Methode für Banken, ihre[…]

Dr. Silvana Gangi Chiodo

Die Compliance-Funktion nach MaRisk und ihr Compliance-Life-Cycle

Die BaFin hat mit der 4. Novelle der[…]

Markus Müller

Regulatorik: Synergien nutzen und Ressourcen sparen

Die Notwendigkeit für Banken, trotz wachsender regulatorischer Anforderungen[…]

Luise Fleischmann

Verdachtsmeldung vs. Datenschutz

Mit Inkrafttreten der DSGVO riskieren Unternehmen durch den[…]

Alexander Stehr

Neulich in der Copy-Paste-Abteilung

Fehlerhafte Marketing- und Vertriebsunterlagen führen nicht selten zu[…]

Tobias Schenkel

Datenschutzorganisation wird zur Chefsache

Die seit Ende Mai geltende DSGVO droht mit[…]

Dennis Heinemeyer

„30 Sekunden vor 12“

Regulierung kann für Banken ein wichtiger Verbündeter sein.[…]

Thorsten Hahn

Was bedeutet die EU-DSGVO für Banken und ihre Kunden?

Die EU-DSGVO (Europäische Datenschutz-Grundverordnung) wurde zunächst vor allem[…]

Jürgen P. Müller

Die besonderen Herausforderungen der GwG-Meldepflicht

Der § 43 GwG, die unverzügliche Meldepflicht von[…]

Thomas Seidel

Moral, MiFID II und Verletzungen beim Handball

Nachbericht zum Kongress COMPLIANCEforBANKS 2018

Tobias Schenkel

Ausgewählte Neuerungen zum Thema Auslagerungen in der 5. MaRisk-Novelle

Am 27. Oktober 2017 veröffentlichte die Bundesanstalt für[…]

Christian Gudat

Geschützt: Vorträge ComplianceForBanks 2018 (exklusiv für Mitglieder und Teilnehmer)

Es gibt keine Kurzfassung, da dies ein geschützter[…]

Redaktion

Der goldene Mittelweg im Spannungsfeld der Regularien

Eine der größten Herausforderungen und gleichzeitig wichtigsten Aufgaben[…]

Elfriede Jirges

Die Entourage von politisch exponierten Personen als Bankkunden

Banken müssen im Rahmen der Erfüllung ihrer gesetzlichen[…]

André Blum

Eine Revolution auf dem Markt für Identitätsprüfungen

In Zeiten der rasanten Digitalisierung können Banken und[…]

Uwe Stelzig

„APT10 greift vor allem Managed Service Provider an“

Seit etwa einem Jahr kam es vermehrt zu[…]

Philipp Scherber

Das Onlinebanking-Konto kann mehr als Zahlungen: Mit Smart Data Fraud-Risiken minimieren

Die Betrugsrisiken nehmen im Bankenumfeld weiter zu: Zahlreiche[…]

Martin Schmid

Der alte Mann und die Malware

Der Rückgang von Filialen sowie Gebühren für Überweisungen[…]

Daniel Fernandez

UK Bribery Act 2.0 – Erfahrungen im Umgang mit Geschäftspartnern

Seit Inkrafttreten des UK Bribery Act im Juli[…]

Johanna Duenser

Die Verschärfung des Korruptionsstrafrechts und die Auswirkungen auf Kreditinstitute

Die Verhinderung von Korruption war abseits der Schwerpunktthemen[…]

Fabian Malkoc

Der Regierungsentwurf zur Umsetzung der 4. Geldwäsche-Richtlinie der EU

Am 22. Februar 2017 legte die Bundesregierung ihren[…]

Indranil Ganguli

„Betrugsrisiken sind durch Online-Legitimation gesunken“

Auch in einer Zeit, in der immer stärker[…]

Philipp Scherber

Cybercrime-Bedrohungen im Jahr 2017

Im vergangenen Jahr wurde Cybersicherheit im Rahmen zahlreicher[…]

Michael Hagebölling

Business Judgement Rule im Privatstiftungsrecht

Nach einer kürzlich ergangenen Entscheidung des Obersten Gerichtshofs[…]

Manfred Wieland

Deutsche Bank einigt sich mit amerikanischen Behörden

Die Deutsche Bank hat sich im Streit über[…]

Daniel Fernandez

Gemeinsam gegen Betrugsversuche

Ob manipulierte Unterlagen wie Gehaltsabrechnungen bei Kreditanträgen oder[…]

Stephan R. Peters

Fraud: der menschliche Faktor

Mit betrügerischen Handlungen beschäftigt man sich im geschäftlichen[…]

Michael Leuthner

Digitalisierung = Illegalisierung?

Eine Firewall zu überwinden, stellt heute für Geübte[…]

Christian Grosshardt

Hanns Feigen

Landgericht München, 25. April 2016, Verfahren gegen fünf[…]

Philipp Scherber

Wasch mich, aber mach mich nicht nass – Vol. 2

Es kommt nicht oft vor, dass eine Bank[…]

Thorsten Hahn

Zwischen der Schulung und der Praxis liegt das Meer

Die Umsetzung von Schulungsinhalten kann Mitarbeiter vor Probleme[…]

Ronny Fuchs

„Willkommen beim Rudern“

MiFID II um ein Jahr verschoben. Aufatmen bei[…]

Philipp Scherber

Kosten- und Risikoreduzierung durch qualitativ hochwertige Kundendaten

Entity Resolution, also die Systematisierung, Verlinkung und Gruppierung[…]

Philipp Scherber

Das Ende der improvisierten IT

Immer, wenn Banken und Versicherungen versuchen, Anforderungen der[…]

Carsten Krah

Datensicherheit: Einfallstor Drucker

Cyberattacken gehören für Unternehmen mittlerweile zum Alltag. Umso[…]

Julian Achleitner

„IS-Terroristen nutzten Flüchtlings- konto zur Finanzierung der Attentate“

Die Schlagzeile ist fiktiv, doch das Risiko ist[…]

Carsten Lang

Weniger ist manchmal mehr

MiFID II steht in den Startlöchern und viele[…]

Christian Grosshardt

Compliance-Paranoia in deutschen Banken?

Eine Überlegung.

Julian Achleitner

Compliance-Vorschriften und Probleme mit der Datenaufbereitung?

Die Einhaltung regulatorischer Vorgaben wird immer komplexer. Die[…]

Chris Atkinson

Wir korrumpieren eine Welt, die uns nicht gehört.

Die Sonne ist nicht über uns. Wir werden[…]

Julian Achleitner

Des Kunden innigster Wunsch – Ein Diskurs im Elfenbeinturm

Die Chefetagen verschiedener Kreditinstitute beraten darüber, wie sie[…]

Christian Grosshardt

Geldwäscheprävention, ein reines Bankenthema?

Bei Geldwäsche denken die meisten Menschen sofort intuitiv[…]

Thomas Hensel

Datenweitergabe immer noch Grauzone

Vor gut zweieinhalb Jahren veröffentliche 3sat auf seiner[…]

Christian Grosshardt

Cyberattacke – planen Sie Ihre Kommunikationsstrategie vor dem Angriff

Anfang 2015 haben Hacker bis zu eine Milliarde[…]

Claudia Böhnert

„Der Schutz und die Sicherheit von Daten ist das wichtigste Kundeninteresse!“

Offen gestaltete Filialen sind keine Seltenheit mehr in[…]

Christian Grosshardt

Illegal geht auch digital

Bargeld hat derzeit nicht den allerbesten Ruf bei[…]

Julian Achleitner

Risikofaktor „Risikomodell“

Enterprise Governance Risc Compliance (EGRC) gehört zu den[…]

Carsten Krah

Fraud im internationalen Umfeld einer Privatbank

Der Schutz vor Wirtschaftskriminalität gewinnt auch für Privatbanken[…]

Ramon Schürer