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Und alles nur, weil ich dich liebe

Unter dem Namen „Romance Scam“ hat sich in den letzten Jahren ein Betrugsmuster entwickelt, bei dem emotional angreifbare Personen von fingierten Verehrern um große Geldsummen betrogen werden. Finanzhäuser wehren sich teilweise mit Erfolg, können ihre Kunden aber oft nur dort unterstützen, wo die Liebe nicht hinfällt.

Von Dorothee Wirsching - 27. Juli 2018

Was würden Sie tun, wenn vor Ihrer Haustür jemand steht und Ihnen sagt: „Sie haben aber ein schönes Haus und Sie sehen so nett aus. Geben Sie mir doch bitte 1.500 Euro, ich muss das Schulgeld für meine Tochter zahlen“? Wahrscheinlich das gleiche wie ich, die Tür zumachen und überlegen, ob der Mensch vor der Tür verrückt ist.

Tatsächlich gibt es jedoch Fälle, in denen genau diese Masche funktioniert. Und damit sind wir bei einer mittlerweile weit verbreiteten Form des Internetbetrugs: dem Romance Scam oder Love Scam. Betrüger – in den meisten Fällen junge Männer aus Nigeria und Ghana oder Frauen aus Russland, Osteuropa oder Südamerika – legen sich im Internet Fake-Profile zu und melden sich in sozialen Netzwerken und auf Dating-Portalen an. In diesen Fake-Profilen stellen sie sich als äußerst hübsche junge Damen oder als erfolgreiche, mitteleuropäische Männer (der nordamerikanische General, der Ingenieur auf der Ölplattform oder der Pilot) dar. Auf diese Weise nehmen sie Kontakt mit potenziellen Opfern auf. Diese Opfer, häufig Menschen mittleren Alters, die vor nicht allzu langer Zeit einen emotionalen Verlust erlitten haben oder deren emotionales Leben generell leer ist, werden angeflirtet und umgarnt, bis eine Verliebtheit entstanden ist, die bis hin zu einer emotionalen Abhängigkeit geht. Dann kommen die Bitten um Überweisung von Geld, zum Beispiel um Reisekosten zu finanzieren, weil für die Tochter, die eine internationale Schule in Ghana besucht, Schulgeld gezahlt werden muss, oder weil ein Familienmitglied krank ist und man Geld für die Behandlungskosten benötigt.

„Die anderen gönnen uns unser Glück nicht“

Anfangs werden nur ein paar Hundert Euro verlangt. Aber wenn das Opfer zahlt, steigern sich die Bitten bzw. Forderungen so lange und so hoch wie möglich. Die Opfer überweisen als erstes ihre eigenen, ihnen zur Verfügung stehenden Mittel an die Scammer. Wenn kein Vermögen mehr vorhanden ist, werden Kredite aufgenommen, und letztlich wird das Konto zur Durchleitung von Fremdgeldern zur Verfügung gestellt. Am Ende stehen zum Teil sechsstellige Summen, die an die Betrüger fließen. Zurück bleiben Menschen, die psychisch zerstört, finanziell ruiniert und unter Umständen auch straffällig geworden sind.

Wir in der Sparkasse sind über unseren Geldwäscheresearch auf dieses Phänomen aufmerksam geworden. Eine Sensibilisierung unserer Kollegen im Markt auf bestimmte Anzeichen hat dazu geführt, dass weitere Fälle bekannt geworden sind und zum Teil auch verhindert werden konnten. Mögliche Anzeichen sind zum Beispiel Kreditanfragen von Kunden, die älter als 50 sind, keine weiteren oder offensichtlich vorgeschobenen Gründe für die Kreditaufnahme nennen, trotz entsprechender Einkünfte über keine Rücklagen verfügen, sich in den zurückliegenden zwei Jahren von einem langjährigen Partner getrennt haben oder verwitwet sind. In den Gesprächen mit unseren Kunden haben wir gelernt, dass die Scammer mit allen Mitteln zu verhindern suchen, dass sich die Opfer gegenüber Familienmitgliedern, der Hausbank oder sonstigen Dritten öffnen. Da die Opfer ihre Internetbekanntschaften als Lebenspartner betrachten und in ihrer emotionalen Abhängigkeit massiv unter Druck gesetzt werden („Die anderen gönnen uns unser Glück nicht, die wollen uns auseinanderbringen. Vertraust du mir denn nicht?“), ist ihnen eine Gegenwehr kaum noch möglich.

Die Schäden, die bei unseren Kunden entstanden sind, liegen zwischen einigen tausend bis hin zu knapp zweihunderttausend Euro. Die Weiterleitung der Gelder erfolgt überwiegend durch Zahlungsdienstleister wie Western Union. Bei uns im Haus sind jedoch auch Zahlungen direkt nach Ghana und Nigeria getätigt worden. Da die Anzahl der Überweisungen unserer Kunden in diese Länder im überschaubaren Rahmen liegt, wird zurzeit jede dieser Zahlungen daraufhin überprüft, ob uns der Hintergrund erklärlich ist. Bei Verdacht auf Romance Scam nehmen sich unsere Kollegen die Zeit für ein ausgiebiges Kundengespräch und nutzen die Unterlagen der Internetseiten der polizeilichen Kriminalprävention. Trotz der Erfolge, die wir damit erzielt haben, machten wir die Erfahrung, dass wir einen Teil der Opfer nicht von ihrem Vorhaben abbringen konnten.

Seit wir wissen, wie sich Romance Scam bemerkbar macht, haben wir festgestellt, wie verbreitet und erfolgreich diese Masche auch im Münsterland ist. Wir werden auch weiterhin unser Augenmerk auf diese Fälle richten und versuchen, unsere Kunden durch Aufklärung und Beratung vor Schäden zu bewahren.

Dorothee Wirsching

Kreissparkasse Steinfurt

Dorothee Wirsching ist Geldwäschebeauftragte der Kreissparkasse Steinfurt. Zuvor war sie als Spezialistin für das hauseigene Passivgeschäft tätig.

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