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Überflug oder nur ein Hype – wohin geht die Reise für FinTechs?

Von Christine Spietz - 11. Juni 2015

FinTech boomt! Start-ups sprießen gefühlt wie Pilze aus dem Boden. FinTechs beschränken sich nicht mehr nur auf Payment und Crowdinvesting – sie sind in Bereichen aktiv, die weit außerhalb des Radars der tradierten Finanzdienstleister liegen. Eines haben sie aber alle gemein: Sie setzen zu 100 Prozent auf den Online-Vertrieb.

Sucht man im Play Store nach Payment-Apps, erhält man 140 Treffer. Aber nicht nur im Zahlungsverkehr blasen FinTechs zum Angriff. Sie liefern z.B. auch clevere Kassensysteme und kommen mit Kreditscoring daher.

New Products

Wo in der Bankenwelt können bspw. Freiberufler, Gewerbetreibende oder mittelständische Unternehmen ihre Forderungen per Factoring sofort in Liquidität verwandeln? Diese Finanzierungsform blieb bisher großen Unternehmen vorbehalten. Einige Anbieter haben diese Marktlücke erkannt, akzeptieren Rechnungen ohne einen Mindestbetrag und zahlen bis zu 95 Prozent des Rechnungsbetrages innerhalb wenigerTagen aus.

New Look

Schon auf den ersten Blick heben sich die Webseiten der FinTechs ab: Sie wirken aufgeräumt und bieten leicht verständliche Informationen. Vorteile und Leistungen werden übersichtlich dargestellt. Und die Konditionen? Es gibt kein verstecktes Preis- und Leistungsverzeichnis – nein, die Konditionen werden direkt genannt und kommen oft mit einer einzigen Zahl aus. Transparenz und klare Kommunikation dominieren – im Bankenumfeld ein Wunschtraum!

100 Prozent digital

Kleinteilige Geschäfte mit einem niedrigen Forderungsvolumen rechnen sich nur durchgehend digitalisiert. Genau hier trumpfen FinTechs frei nach dem „KISS“-Motto („Keep it simple, stupid“) auf. Der gesamte Prozess benötigt nur wenige Schritte. Digitalisierte Kernprozesse sind der Schlüssel zum Erfolg: automatisierte intelligente Risikoprüfung anstelle aufwändiger manueller Sachbearbeitung. Alles selbtserklärend und einfach.

Kein unnötiger Ballast

Wo FinTechs auf Vorhandenes zurückgreifen können, tun sie dies auch. Das eigentliche Factoring übernimmt Pagido z.B. nicht selbst, sondern ist lediglich Vermittler. Dahinter steht ein klassisches Factoring-Institut. FinTechs bedienen sich der Infrastruktur der Etablierten, werfen ihre Innovationskraft in den Ring und setzen Produktideen schlagkräftig um. Eigenschaften, die Banken nicht haben. Diese sind aufgrund ihrer Struktur alles andere als flexibel, wenig bis kaum innovativ und können Ideen nicht schnell auf den Markt bringen. Die einstigen Hauptakteure des Finanzmarktes drohen zu reinen Abwicklern zu mutieren, die sich mit mageren Margen begnügen müssen, die ihnen die jungen Wilden als Provisionen lassen. FinTechs sind Innovatoren, die die gesamte Finanzdienstleistungsbranche verändern, ja revolutionieren könnten.

Kentern schon beim Auslaufen?

Die Revolution naht. Eine PWC-Studie prophezeit, dass bis 2020 elf Millionen Menschen mobil bezahlen werden. Wann der große Durchbruch kommt, liegt allerdings noch völlig im Trüben. Obwohl es zahlreiche Payment-Apps gibt, fehlt ein entscheidender Faktor: der Mehrwert! Ein echter Show Stopper. Bezahlen mit Debit- und Kreditkarten erfreut sich großer Beliebtheit und die Bargeldversorgung ist durch ein dichtes Geldautomatennetz gesichert. Warum also per Smartphone bezahlen? Diese Frage könnte sich schlagartig erübrigen, wenn Zusatznutzen geschaffen werden: Preisvorteile, Bonussysteme, Exklusivangebote während der Shopping Tour über Beacons – die Möglichkeiten sind zahlreich. Und wenn dann auch noch dort mit dem Smartphone bezahlt werden könnte, wo heute nur Bares akzeptiert wird, wie beim Bäcker um die Ecke? Ja, dann sähe das mit der Akzeptanz gleich ganz anders aus.
Und die ersten FinTechs beginnen bereits, das Micropayment für sich zu entdecken und bieten Händlern z.B. ein kostenloses Kassensystem, das auf jedem Tablet läuft. Auf hohe Grundgebühren und Gerätemieten verzichten sie, verlangen dafür höhere Provisionen je Zahlungstransaktion. Der Kunde zahlt mit Karte oder Smartphone. Ein Geschäftsmodell, das sich für Unternehmen mit geringen Umsätzen rechnen kann. Doch kaum etabliert, bläst Anbietern wie SumUp und Payleven Gegenwind aus Brüssel entgegen. Und zwar in Form gedeckelter Kreditkartengebühren. Künftig dürfen nur noch maximal 0,2 bzw. 0,3 Prozent (Maestro bzw. Kreditkarte) berechnet werden. Payleven z.B. verlangt mit 0,95 bzw. 2,75 Prozent deutlich mehr. Hier gerät ein Geschäftsmodell in Not, bevor es die erste Seemeile zurückgelegt hat.

Kunden vs. Ideen

Wie werden sich FinTechs und Banken künftig behaupten? FinTechs haben eine große Innovationskraft, benötigen allerdings die Infrastruktur der Banken und haben keinen Kundenstamm. Banken hingegen kranken an Innovationslosigkeit. Es bleibt spannend, wie sich diese Gemengelage entwickelt. Eines ist aber klar und wird durch aktuelle Studien bestätigt: FinTechs sind ernste Konkurrenten, sie werden den Markt verändern – wenn auch nicht im Überflug. Die Frage ist nur noch, wem und wann der große Durchbruch gelingt.

Bildnachweis: Anatolii Babii via istockphoto.de

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