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„Was ist das für eine komische Bank?“

Die Silicon Valley Bank (SVB) vergibt Kredite, bei denen andere Banken erst einmal mit dem Kopf schütteln. Ein Gespräch mit Oscar Jazdowski über Start-up-Finanzierung, Venture Capital, Hidden Champions, Wachstumsbranchen und den German Mittelstand.

Von Thorsten Hahn - 13. September 2019
Oscar Jazdowski, Co-General Manager der Silicon Valley Bank Germany

„Wir lieben Hidden Champions“ – Oscar Jazdowski baut die deutsche Niederlassung der Silicon Valley Bank auf.


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BANKINGNEWS: Herr Jazdowski, 2018 eröffnete die Silicon Valley Bank ihre erste Niederlassung in Deutschland. Warum so spät?

Oscar Jazdowski: Wir folgen dem Wagniskapital. Es muss eine bestimmte Masse an Venture Capital und Private Equity vorhanden sein. Vor ein paar Jahren hatte der deutsche Venture-Capital-Markt diese Größe noch nicht erreicht. Deutschland hat eine lange Geschichte der Innovationen, des Handwerks und des Ingenieurwesens sowie im Bereich Gesundheit und Medizintechnik. Als wir sahen, wie schnell der Venture-Capital-Markt in den vergangenen sechs Jahren wuchs und wie viel Geld in neue Firmen investiert wurde, wussten wir, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen war.

Es gibt Kritik, dass in Deutschland immer noch zu wenig Wagniskapital vergeben wird.

In ganz Europa wächst der Markt sehr stark: 7,5 Milliarden Euro im Vereinigten Königreich, 4,5 Milliarden in Deutschland, 4,1 Milliarden in Frankreich. Aber ja, es ist kein Vergleich zu den USA oder China.

„Der größte Unterschied zwischen Amerika und Deutschland ist der Risikoappetit“

Der deutsche Bankenmarkt ist sehr speziell. Was hat Sie als Mitarbeiter einer amerikanischen Bank am meisten überrascht?

Ja, für europäische Verhältnisse ist Deutschland sehr speziell. Aber auch in den USA gibt es viele kleine Community Banks. Sie ähneln mit ihrer lokalen Ausrichtung dem Geschäftsmodell der deutschen Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Was ich an Deutschland sehr interessant finde, ist, dass die Regionalinstitute eine Schlüsselrolle in der Finanzierung des Mittelstands und der Hidden Champions einnehmen. Sie machen es möglich, dass deutsche Firmen wachsen. Und diese bleiben ihrer Sparkasse oder Volksbank vor Ort häufig treu.

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Wie passt die SVB in diesen Markt hinein?

Wir sind eine sehr spezielle Bank. Wir begleiten Unternehmen aller Entwicklungsstufen – vom Early-Stage-Start-up bis hin zu großen privaten und öffentlichen Einrichtungen. Im Frühphasenbereich ist Kreditvergabe sehr ungewöhnlich, weil die Gefahr besteht, dass das Start-up sein Kapital verliert, und es über wenige Assets verfügt.

Und weil der Regulator einen Riegel vorschiebt.

Ja, der Regulator sieht die Risiken für das Kreditbuch. Die Federal Reserve kennt unser Vorgehen bei Frühphasenfinanzierung und hat erkannt, dass unsere Art der Kreditvergabe ziemlich sicher ist. Als wir Lizenzen in UK und Deutschland beantragt haben, hat sich sowohl die FCA als auch die BaFin bei der Fed über uns erkundigt: „Was ist das für eine komische Bank, die Kredite an Unternehmen vergibt, die Geld verlieren?“ Und die Fed erwiderte: „Keine Sorge. Wir kennen diese Bank seit 35 Jahren. Sie weiß, was sie tut.“

„Wir hatten in den ersten 20 Jahren kaum Wettbewerber“

Was sind die größten Unterschiede zwischen Amerika und Deutschland in diesem Markt?

Der Risikoappetit. Viele Leute halten uns für verrückt und unsere Kredite für sehr riskant. Aber das angenommene Risiko ist viel höher als das reelle, wenn man es mit Start-ups zu tun hat, die Geld von sehr erfahrenen und erfolgreichen VCs eingesammelt haben. In den ersten zwanzig Jahren unserer Existenz hatten wir kaum Wettbewerber, da andere Banken diese Kredite als zu riskant eingestuft haben. In den vergangenen zehn Jahren wurde ihnen klar, dass der Technologiesektor eine Wachstumsbranche und weit weniger riskant als angenommen ist. Daher widmen sich die großen amerikanischen Banken, wie Wells Fargo, Bank of America oder J.P. Morgan, der Innovations- und Technologiebranche. Man kann diesen Sektor nicht mehr ignorieren.

„Die Zukunft des Bankings könnte über Social Media ablaufen“

Bleiben wir beim Thema Wettbewerb: Wie gefährlich können Google, Apple, Facebook und Amazon den Banken werden?

Ich würde mich eher auf Tencent konzentrieren. Sie haben den Messenger WeChat mit über einer Milliarde Nutzer zu einer mächtigen Finanzplattform entwickelt. Dort kann man Kredite oder Hypotheken aufnehmen, Geld investieren und an Freunde senden – und das alles mit wenigen Klicks.

Könnte WhatsApp den gleichen Status erlangen?

Die Zukunft des Bankings könnte tatsächlich über Social-Media-Plattformen ablaufen. Sie haben Milliarden von Nutzern. Daher wird etwa der Start von Facebooks Kryptowährung Libra sehr spannend zu beobachten sein. Allerdings betreten diese Unternehmen dann eine stark regulierte Branche. Bereits heute schaut der Gesetzgeber bei Google und Co. genau hin, ob sie zu groß und mächtig werden.

Amazon ist mit seinen Unternehmenskrediten bereits im Finanzsektor aktiv.

Richtig, und auch dazu gibt es mit Alibaba ein chinesisches Pendant. Es wird weitere Dienstleistungen geben, aber der regulatorische Druck für diese Konzerne wird steigen.

Kommen wir wieder zur SVB. An welche Kunden richten Sie sich?

In Deutschland verfügen wir aktuell nur über eine Teilbanklizenz, um Kredite zu vergeben. Das war eine bewusste Entscheidung, mit der wir an anderen Standorten gute Erfahrungen gemacht haben: Wir starten mit der Kreditvergabe und hören dann auf den Markt. Wenn die Nachfrage nach Konten, Online-Banking und Auslandszahlungsverkehr da sein sollte, werden wir über eine Vollbanklizenz nachdenken. In Deutschland konzentrieren wir uns auf vier Segmente: erstens auf mit Kapital ausgestattete Early-Stage-Start-ups. Wir vergeben Venture-Debt-Finanzierungen, statten sie mit Working Capital aus und vergeben etwa Kreditlinien für Werbemaßnahmen. Wir haben alle Arten von Krediten für wachsende Early-Stage-Start-ups. Der zweite Bereich sind Leveraged Buyouts, also fremdfinanzierte Übernahmen, für die wir mit Private-Equity-Firmen zusammenarbeiten. Damit investiert man in deutlich reifere Firmen auf einem wettbewerbsintensiveren Markt. Für uns ist dies ein sehr großer Geschäftsbereich. Drittens vergeben wir Kredite direkt an Venture-Capital- und Private-Equity-Fonds – aktuell rund 4.000 Fonds weltweit. Stellen Sie es sich als Brückenfinanzierung für Zeiträume vor, in denen der Fonds kein Geld von den Limited Partnern einsammeln, aber trotzdem investieren möchte.

Haben Sie in diesem dritten Segment schon deutsche Kunden?

Ja, zum Beispiel Cherry Ventures und e.ventures. Und wir sprechen mit vielen anderen großen Fonds.

Und das vierte Segment?

Das sind große öffentliche Träger und mittelständische Technologieunternehmen. Wir sind nicht naiv und wissen, dass der Mittelstand über das ganze Land verteilt ist. Er sitzt in Orten, von denen ich noch nie etwas gehört habe, und pflegt eine enge Beziehung zur örtlichen Sparkasse. Also kann man nicht einfach auftauchen und sie abwerben. Aber wenn diese Firmen nach Innovationen und Digitalisierung Ausschau halten oder davon ausgehen, dass ihrer Branche eine Disruption bevorsteht, dann können wir ihnen sagen: „Ihr kennt unsere Bank zwar nicht. Aber dafür kennen wir euer Business und eure Branche. Und durch unser weltweites Netzwerk helfen wir euch dabei, euch weiterzuentwickeln.“

Mittelständler haben häufig Probleme, einen Kredit von einer Sparkasse zu erhalten, die deren Business nicht versteht.

Wir sehen uns nicht als Konkurrenten der Sparkassen. Wir können unsere Kunden anderen Geschäftsführern aus derselben Branche vorstellen, die ähnliche Herausforderungen meistern mussten. Es muss keine Bankdienstleistung sein. Wenn wir unseren Kunden auf andere Art helfen können, um erfolgreich zu sein, hilft es auch uns.

Oscar Jazdowski und Thorsten Hahn
Oscar Jazdowski und Thorsten Hahn in der Frankfurter Zentrale der Silicon Valley Bank.

Fokussieren Sie besonders auf die Hidden Champions?

Wir lieben Hidden Champions. Dafür ist Deutschland bekannt. Gleichzeitig sehen wir viele Start-ups, die sehr schnell wachsen und in zwei Jahren zu einem 200-Millionen-
Euro-Unternehmen werden.

Viele verschwinden aber auch schnell wieder.

Das stimmt. Was heute jedoch anders ist als zur Zeit vor der Dotcom-Ära: Wenn ein Unternehmen heute keinen Erfolg hat, wird es nicht zwangsläufig dicht gemacht, sondern zu einem niedrigen Preis verkauft. Konzerne wie BASF oder SAP sagen sich: „Sie sind zwar mit ihrem Geschäftsmodell gescheitert, aber sie haben interessante Technologien oder Ingenieure, die wir gut gebrauchen können.“ Für einen VC heißt das, dass er selbst beim Scheitern eines Unternehmens zumindest sein Geld zurückbekommt. Das ist kein Erfolg, aber besser, als alles zu verlieren.

In Deutschland werden Start-ups vorwiegend nicht über Kredite finanziert. Was ist der Vorteil für Start-ups, wenn sie sich bei einer Bank Geld leihen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn eine Firma zehn Millionen Euro von einem VC einsammelt, den wir gut kennen, können wir guten Gewissens zusätzlich einen Kredit von drei Millionen gewähren. Damit hat das Start-up eine höhere Liquidität und kann schneller wachsen.

Sie helfen deutschen Unternehmen auch beim Eintritt in den US-Markt. Wofür brauchen sie Ihre Unterstützung?

Technologieunternehmen und VCs sehen in uns mehr als eine Bank. Wir sind ein Konnektor, ein Teil des Ökosystems. Keine andere Bank hat solch ein großes Netzwerk bei Technologieunternehmen und VCs. Das ist unser Unterscheidungsmerkmal, von dem unsere Kunden profitieren, wenn sie ins Ausland expandieren.

„Die wichtigste Eigenschaft eines Mitarbeiters ist Neugier“

Sie lesen viele Businesspläne: Verraten Sie uns, was das „nächste große Ding“ werden könnte?

Vor allem in Life Sciences und im Gesundheitswesen erleben wir eine wahre Revolution. Im Kampf gegen Krankheiten wie Krebs und Alzheimer werden unglaubliche Fortschritte erzielt. Ein anderer großer Markt ist Mobilität. In diesem Bereich ist Deutschland traditionell sehr stark.

Worauf achten Sie bei der Kreditvergabe an Start-ups besonders?

Vor allem auf: Management, Management, Management. Wer leitet das Unternehmen? Ist die Person erfahren? Welche Investoren konnte sie gewinnen? Viele Unternehmen, die eine tolle Technologie entwickelt haben, sind trotzdem gescheitert, weil sie Fehler im Marketing, der Positionierung und im Management gemacht haben. Außerdem betrachten wir, wie groß der Markt ist und wie skalierbar das Geschäftsmodell. Wenn das alles passt, wird es die Firma auch schaffen, weiteres Kapital einzusammeln, denn Investoren achten auf genau dieselben Faktoren.

Eine Frage zum Thema Karriere: Wie sieht der optimale Bewerber für Sie aus?

Die wichtigste Eigenschaft eines Mitarbeiters ist Neugier. Er muss kein IT-Experte sein. Aber er muss verstehen wollen, was hinter der Technologie eines Unternehmens steckt und warum sich die Performance und das Business auf die eine oder andere Art entwickeln. Er muss die richtigen Fragen stellen und herausfinden wollen, was das Besondere an einem Unternehmen ist. Wir stellen viele Menschen ohne Banking-Background ein. Viel wichtiger ist, dass sie fasziniert von der Branche und lernwillig sind. Every day is a learning day.

Interview: Thorsten Hahn

Infos zur Silicon Valley Bank

Gründung: 1983 (Gruppe) | 2018 (deutsche Niederlassung)
Sitz: Santa Clara (Kalifornien) | Frankfurt a.M.
Rechtform: AG | Zweigniederlassung
Geschäftsstellen: 5
Mitarbeiter: 3.310 | 10
Bilanzsumme: 64 Mrd. USD | (noch) kein eigener Bilanzbericht veröffentlicht

Silicon Valley Bank – ein Name, an den sich unweigerlich bestimmte Erwartungen knüpfen: Innovation, Wachstum, Technologie. Und das schlägt sich im Geschäftsmodell der 1983 in Santa Clara gegründeten Bank nieder: Das Kerngeschäft ist die Kreditvergabe an Unternehmen aus innovativen Wachstumsbranchen wie IT, Life Science, Gesundheitsfürsorge, Mobilität oder Erneuerbare Energien. Die SVB stattet zudem Venture-Capital- und Private-Equity-Fonds mit Brückenfinanzierungen aus und vernetzt Unternehmer untereinander und mit Investoren. Im Jahr 2018 eröffnete die Silicon Valley Bank ihr erstes Büro in Frankfurt am Main. Weitere Niederlassungen befinden sich in China, Indien, Israel, Kanada und im Vereinigten Königreich.

Oscar Jazdowski

Silicon Valley Bank Germany (SVB)

Oscar Jazdowski ist Co-General Manager der Silicon Valley Bank Germany (SVB). Er startete seine Karriere bei der Bank of Boston in Großbritannien, wechselte 1983 in die USA und baute das Büro der Bank im Silicon Valley auf. 1996 gründete er die East Coast Technology Group der Imperial Bank und eröffnete anschließend das East Coast Office für Sand Hill Capital in Boston. 2002 stieß er zur Silicon Valley Bank und begleitete das Wachstum in London, Schanghai, Peking und Frankfurt.

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