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Banking im Metaverse: Ein aussichtsloser Hype oder lohnendes Langfristprojekt? 

Befürworter des digitalen Konzeptes „Metaverse“ glauben inständig an dessen Evolutionspotenzial. Kritiker wiederum erinnern an die Gegenwartslage – und die lässt wenig von Evolution verspüren. War das Metaverse doch nur ein Hype, der nun einzufrieren droht? Innovationsexperte Dirk Elsner von der DZ Bank macht den Realitätscheck.

Von Dirk Elsner - 23. Januar 2023
Metaverse-Anwendungen: Ein aussichtsloser Hype oder lohnendes Langfristprojekt? 

Foto: Kudryavtsev Pavel via Getty Images 

Die private und professionelle Kommunikation, Interaktion und Transaktionsabwicklung zwischen Personen und Unternehmen werde sich künftig unter Nutzung verschiedener Technologien stärker in miteinander verbundene virtuelle Welten für Freizeit, Arbeit und Dienstleistungen verlagern – an diesem Narrativ arbeitet allen voran Meta (einst Facebook).

Es ist noch nicht allzu lange her, da sahen sich auch Banken mit der Frage konfrontiert, ob ihre Kunden bald über Virtual-Reality-Brillen mit den Beratern in einem virtuellen Ambiente über Aktienanlagen und Immobilienfinanzierung reden oder ob für Käufer virtueller Grundstücke im Decentraland die Finanzierung gleich in den Kaufvertrag eingebettet wird. Doch besteht überhaupt Interesse an einer solchen Welt, am „Metaverse“? Inzwischen gibt es daran immer mehr Zweifel.

Dabei gehen die Auffassungen über die konkrete Bedeutung des Metaverse weit auseinander. Für den Buchautor und Theoretiker Matthew Ball ist es „ein interoperables Netzwerk, das in Echtzeit gerenderte, virtuelle 3D-Welten umfasst, die immer online sind, synchron stattfinden und die Zahl gleichzeitig aktiver Nutzer nicht begrenzt.“

Realität ist ernüchternd

Fakt ist: Ein solches Metaverse existiert (noch) nicht. Vielmehr wird Konzepten und vernetzten Anwendungen mit Bezug zu virtuellen Realitäten dieses Etikett verpasst. Von einem „interoperablen Netzwerk“ kann da nicht die Rede sein. Auch arbeiten Unternehmen nicht wirklich an einem gemeinsamen „Metaverse-Betriebssystem“. Daher sollte man eher von Metaverse-Anwendungen sprechen.

Der Meta-Chef Mark Zuckerberg plant mithilfe von Virtual und Augmented Reality „echte“ Erlebnisse in 3D zu ermöglichen. Durch eine Verschmelzung von digitaler und analoger Welt versprechen sie eine größere Nähe, Erlebnisintensität und Spaß. Die entstehenden Metaverse-Anwendungen würden die Entwicklung von neuen Produkten, Dienstleistungen, Berufsbildern und Geschäftsmodellen ermöglichen.

Allerdings zeigt die Wirklichkeit etwas anderes: Anwendungen wie Decentraland verwaisen, die Preise virtueller „Grundstücke“ in The Sandbox stürzen rapide ab und die Horizon World begeistert niemanden mehr. Neben kostengünstiger und einfach zu bedienender Hardware mangelt es an erkennbaren Mehrwerten.

So wurden auch Teilnehmer einer „Exkursion“ am Trend LAB der DZ BANK Gruppe auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Entgegen allen Erwartungen sahen sie sich mit langen Ladezeiten, schlechter Steuerung bei Interaktionen, verzögerten Bewegungen der Avatare sowie fehlendem Zugang für mobile Endgeräte konfrontiert. Bestehende Use Cases konnten nicht vollends überzeugen und die Handhabung sei zum Teil sehr umständlich gewesen. Keiner der Teilnehmer verspürte anschließend den Wunsch, die Erlebnisse sofort zu wiederholen.

Metaverse-Anwendungen dennoch relevant?

Nichtsdestotrotz weckt die Möglichkeit, finanzmarktnahe Dienstleistungen über Metaverse-Anwendungen anbieten und abwickeln zu können, das Interesse am Trend. Fachleute sehen im Metaverse ein Evolutionspotenzial für das Internet und die digitale Welt. Auch für Finanzdienstleister könnten durch diese Entwicklung neue Zugangswege zur Kundschaft entstehen. Schätzungen zufolge beläuft sich das Marktpotenzial für das Jahr 2024 bereits auf 800 Milliarden US-Dollar. Hier ist es definitionsabhängig, welche Geschäftsbereiche und Dienstleistungen dem Metaverse zugerechnet werden. Etwa prognostiziert die Unternehmensberatung McKinsey zum Jahr 2030 die Bewegung von fünf Billionen US-Dollar im und durch Metaverse-Anwendungen. Unternehmen wie Nike, Adidas, Gucci verkaufen zwar über E-Commerce erste virtuelle Gegenstände wie zum Beispiel Kleidung für Avatare. Aktivitäten beziehen sich jedoch im Wesentlichen auf Kommunikation, Events und Business-Kollaborationen.

Es braucht digitale Identitäten und Wallets, welche Assets und Zahlungstoken verwahren sowie übertragen können, um Transaktionen in Metaverse-Anwendungen ausführen zu können. Mit Krypto-Token und Non-fungible Token (NFT) als Nachweis von Besitzrechten könnten eigene Wirtschaftsräume entstehen – Räume, in denen die Verkaufsabwicklung vollzogen und gegen Entgelt gearbeitet wird. Ob diese Erwartungen je eintreffen beziehungsweise eine Massenadaption erreicht wird, ist ungewiss. Selbst bei Meta wächst mittlerweile die Anzahl interner Zweifler und auch viele Aktionäre sind nicht glücklich mit der Strategie von Mark Zuckerberg.

Die Integration des Metaverse im Finanzwesen

Dennoch wagen sich auch Banken an Metaverse-Anwendungen heran. So etablierte etwa JP Morgan eine „Filiale“ im Decentraland zur Bereitstellung allgemeiner Informationen über das Bankhaus. Neben weiteren US-Unternehmen tasten sich in Deutschland die Deka und die Deutsche Bank in das Decentraland. Die Kookmin Bank, eines der größten Finanzinstitute Südkoreas, erweist sich als noch fortschrittlicher. So wird hier mit Kunden experimentiert, ob das Tragen eines VR-Gerätes den Zugang zu Bankdienstleistungen in einem Metaverse ermöglichen kann.

Die Vision verbundener virtueller Welten befindet sich noch in einer frühen Phase. Die aktuellen Metaverse-Anwendungen fallen in den Dimensionen Usability, Technik oder Verfügbarkeit von Datenzugängen hinter den versprochenen Möglichkeiten und Erwartungen stark zurück. Da Standardisierungsansätze nicht erkennbar sind und keine Plattform mit Userzahlen glänzen kann, werden sich Finanzdienstleister schwertun, hier außer Kommunikationsmaßnahmen große Investitionsaufwendungen zu rechtfertigen.

Innovationen sind kein Übernachterfolg

Allerdings starten viele Innovationen mit Ernüchterungen, technischen Unzulänglichkeiten und schlechter Benutzerführung. Man denke nur an die ersten mobilen Telefone, die einem Aktenkoffer glichen, oder an die ersten Onlinedienste, die nur Texte darstellen konnten.

So lassen sich zwar mit Metaverse-Anwendungen heute noch keine direkten Transaktionserlöse erzielen. Dennoch beinhalten sie das Potenzial, in Zukunft relevante Kundenschnittstellen zu entwickeln. Insbesondere junge Generationen sehen in der digitalen Welt eine Orientierungsinstanz. Aus diesem Grund könnten eine kommunikative Präsenz oder auch Jobmessen zur Sichtbarkeit in ausgewählten Metaverse-Anwendungen helfen, das Branding zu sichern und Nachwuchs in die Bank zu holen.

Neben Kommunikationspräsenzen könnten in Metaverse-Anwendungen oder über selbst gehostete 3D-Oberflächen Finanzdienstleistungen aller Art angeboten und Informationen bereitgestellt werden. Außerdem hilft es, erste Erfahrungen in diesem virtuellen Neuland zu sammeln und bereit zu sein, wenn sich Standards herausbilden und Zugänge vereinfachen.

TIPP: Sie interessieren sich für das Thema Innovation? Dann lesen Sie hier, welche Trends und Neuheiten die Branche im Jahr 2023 zu erwarten hat und hier finden Sie weitere Beiträge.

Dirk Elsner

DZ BANK AG

Dirk Elsner ist Senior Manager Innovation und Digitalisierung bei der DZ BANK AG.

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