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„Aus dem Nischenstatus in den Massenmarkt“

Im Sommer des vergangenen Jahres ging die Rocket-Internet-Tochter Lendico ein Joint Venture mit der Schweizer PostFinance ein und gründete die Lendico Schweiz AG. Deren CEO, Myriam Reinle, sowie Lendico-Gründer Clemens Paschke äußern sich im Interview über die Ziele der Kreditplattform in der Schweiz.

Von Philipp Scherber - 31. Januar 2017

Myriam Reinle, CEO der Lendico Schweiz AG; Dr. Clemens Paschke, Co-Founder und Geschäftsführer der Lendico Gruppe.

BANKINGNEWS: Sie haben ein Joint Venture mit der PostFinance geschlossen und die Lendico Schweiz AG gegründet. Welche Ziele verfolgen Sie auf dem Schweizer Markt?

Dr. Clemens Paschke ist seit September 2013 Co-Founder und Geschäftsführer der Lendico Gruppe. Hier verantwortet er unter anderem die Bereiche Marketing & Sales sowie Finanzen. Vor seiner Tätigkeit bei Lendico arbeitete er bei McKinsey & Company und spezialisierte sich auf Projekte im europäischen Bankensektor. Paschke hat an der WHU – Otto Beisheim School of Management Betriebswirtschaftslehre studiert und im Bereich Unternehmensfinanzierung promoviert.

Clemens Paschke: Der Schweizer Markt für Crowdlending ist zwar aktuell klein, aber ein Wachstumsmarkt. Letztes Jahr wurden gemäß der „Crowdfunding Monitoring 2016“-Studie der Hochschule Luzern acht Millionen Schweizer Franken über Kreditplattformen vermittelt. Im internationalen Vergleich steckt der Markt somit in den Kinderschuhen. In Deutschland waren es beispielsweise im letzten Jahr laut einer Studie des Bundesfinanzministeriums rund 270 Millionen Euro. Unser Ziel ist, zusammen mit unserem Kooperationspartner PostFinance, Crowdlending in der Schweiz aus dem Nischenstatus in den Massenmarkt zu heben. Entsprechend wollen wir mittelfristig die führende Kreditplattform in der Schweiz werden.

Eine Frage der Wirtschaftlichkeit

Werden Sie grundsätzlich bei Ihrer Strategie der Kooperationen bleiben oder streben Sie irgendwann eine eigene Banklizenz an?

CP: Je nach Land und Regulation fahren wir einen unterschiedlichen Ansatz. In Deutschland und Österreich arbeiten wir mit der Wirecard Bank in München zusammen, da in diesen Ländern nur lizensierte Banken Kredite vergeben dürfen. Dagegen haben wir zum Beispiel in der Schweiz oder den Niederlanden Lizenzen, die eine zusätzliche kreditvergebende Bank überflüssig machen. Welchen Ansatz wir schlussendlich wählen, hängt daher vor allem von den lokalen Bedingungen ab. Zugleich gehen wir strategische Kooperationen ein, wenn dies für die Marktbearbeitung sinnvoll ist. In Brasilien haben wir ein Joint-Venture mit der BMG Banco gegründet, um die Kreditvergabe an Konsumenten online zu bringen. In der Schweiz haben viele Menschen ein Konto bei der PostFinance, welche selbst aber keine Kredite vergeben darf. Strategisch ist dieser Partner ideal für Lendico.

Der Begriff „Platform Revolution“ beschreibt einen Prozess, der viele Branchen bereits prägt oder sogar bestimmt. Ist dies auch die Zukunft im Bereich Banking und Financial Services?

CP: Klar ist, dass sich die Geschäftsmodelle im Banking und in der Finanzindustrie verändern werden. Es wird zu einer Frage der Wirtschaftlichkeit, ob man alle Produkte und Services, die man anbietet, auch selber erstellen muss. Lendico profitiert ja genau davon, dass Banken sich aus der Finanzierung bestimmter Zielgruppen zurückziehen, weil es sich für sie wirtschaftlich kaum noch lohnt. Ob Banken kulturell oder technisch in einer guten Ausgangsposition sind, um sich in eine Plattform zu wandeln, sei dahingestellt.

Eine Alternative zu Banken

Es wurde auch Kritik laut: Die Neue Zürcher Zeitung sprach von einer „eleganten Gesetzesumgehung“ des Postorganisationsgesetzes, welches der Post die Kreditvergabe verbietet. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

Myriam Reinle ist CEO der Lendico Schweiz AG. Nach Masterabschluss in Management der Ecole des Hautes Etudes Commerciales in Lille war sie im Marketing der UBS tätig. Seit über 15 Jahren entwickelt und begleitet sie sowohl Start-ups als auch bestehende E-Commerce-Unternehmen in unterschiedlichen Branchen – ob bei homegate für Immobilien, bei jobup für Stellen oder für Fahrzeuge als CEO von car4you.

Myriam Reinle: Vor der Gründung des Joint-Ventures wurde dies seitens der PostFinance abgeklärt und inzwischen hat der Schweizer Bundesrat in einer Stellungnahme bestätigt, dass dies keinen Verstoß gegen das Postorganisationsgesetzes (POG) darstellt.

Warum fiel – Ihrer Einschätzung nach – die Wahl auf Lendico und nicht auf ein Schweizer Unternehmen?

MR: Als CEO der Lendico Schweiz kann ich hier nur mutmaßen. PostFinance hat einen professionellen Partner gesucht, der internationale Erfahrung mit dem Betreiben von Kreditmarktplätzen besitzt. In der Schweiz gab es kein Unternehmen mit einer vergleichbaren Erfahrung, und deshalb hatten wir mit der Lendico Gruppe eine gute Ausgangslage. Mit dem Joint Venture wurde ein Schweizer Unternehmen in Zürich gegründet, das von Schweizern für Schweizer KMU und Anleger betrieben wird. Vor allem mit Blick auf die Finanzierung von KMU sind Kreditplattformen eine attraktive Alternative zu herkömmlichen Banken. Lendico hat in diesem Segment bereits Erfahrung und verfügt über die notwendigen Strukturen und Prozesse. Im Umkehrschluss haben Schweizer Anleger in einem Negativzinsumfeld dadurch erstmals Zugang zu einer attraktiven Anlageklasse, die bisher nur Banken und institutionellen Investoren vorbehalten war, und können so am Erfolg der lokalen Wirtschaft partizipieren.

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