Donnerstag, 04. Juni 2026

Vom Azubi bis zum Quereinsteiger: Der Kampf um Talente

Eine Studie der Index Gruppe zeigt: Es fehlen qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Finanzbranche. Banken und Fintechs müssen Wege finden, um Bewerber von sich zu überzeugen.

Wolkenkratzer ragen in die Höhe, gläserne Fassaden spiegeln ihre Gegenüber wider und mittendrin: das Bankenviertel mit seinen Banken, Fintechs und Versicherungen. Frankfurt am Main gilt als Finanzhauptstadt Deutschlands. Die hessische Großstadt beherbergt zahlreiche wichtige Finanzinstitutionen, unter anderem die Europäische Zentralbank (EZB) und die Deutsche Bundesbank. Auch andere Finanzriesen, wie etwa die Deutsche Bank, die Commerzbank oder die DZ BANK, haben ihren Sitz in Frankfurt. Und das Bankenviertel wächst: Erst kürzlich gesellte sich mit der neuen EU-Behörde Anti-Money Laundering Authority (Anti-Geldwäsche-Behörde, AMLA) zu der BaFin eine weitere Aufsichtsbehörde in die Stadt.

Fachkräftemangel in Frankfurt und ganz Deutschland

Doch die Finanzbranche schlägt Alarm: Es fehlen qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vor allem in Frankfurt. Laut Bloomberg zeigt eine neue Studie der Index Gruppe, dass im zweiten Quartal des Jahres 3.958 Stellen bei Banken, Kreditinstituten sowie Fintechs ausgeschrieben waren – das sind etwa genauso viele wie im Jahr zuvor. Damit belegt die Finanzmetropole den ersten Platz, dicht gefolgt von Berlin mit etwa 3.000 und München mit etwa 2.000 offenen Stellen in der Branche.

Leere Büros, karge Wände und stille Pausenräume: In ganz Deutschland macht sich der Fachkräftemangel bemerkbar – mit 38.636 ausgeschriebenen Stellen gibt es sogar einen leichten Anstieg zum Vorjahresquartal. In den nächsten zwölf Jahren scheiden laut einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft rund 19,5 Millionen Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt aus. Dabei rücken bis 2036 nur etwa 12,5 Millionen jüngere Arbeitskräfte nach. Bereits Ende 2022 hatten drei Millionen Babyboomer das Rentenalter erreicht.

Wie können Banken und Fintechs hier entgegenwirken?

In einem Bloomberg-Interview betonte Gerrit Bouckaert, Leiter Recruitment beim Personalberatungsunternehmen Robert Walters, dass die Gehälter für Neueinstellungen in diesem Jahr gegenüber 2024 um rund fünf bis fünfzehn Prozent gestiegen sind. Den Anstieg führt er explizit auf den zunehmenden Mangel an qualifizierten Fachkräften und den damit verbundenen verschärften Wettbewerb zurück. Bouckaert weist darauf hin, dass diese Entwicklung nicht nur Deutschland, sondern weite Teile Europas betrifft. Besonders stark zu spüren sei der Engpass in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Regulierung, Risikomanagement und Sustainable Finance.

Neben höheren Gehältern werben viele Institute auch mit mehr Urlaubstagen. So startete die VR-Bank Südwestpfalz 2024 ein Pilotprojekt, mit dem sie ihren Mitarbeitenden 40 freie Tage im Jahr bietet. Andere, oft kleinere, Banken umwerben potenzielle neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der Vier-Tage-Woche, und treffen damit womöglich ins Schwarze: Flexibilität wird zu einem immer wichtigeren Gut für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Laut einer YouGov-Umfrage für die Deutsche Presse-Agentur aus diesem Jahr unterstützen 38 Prozent der Befragten die Pläne der Bundesregierung, eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit einzuführen. Befürworter sehen vor allem mehr Flexibilität für Arbeitnehmer (82 Prozent) und Arbeitgeber (44 Prozent) sowie Chancen auf höhere Produktivität (22 Prozent).

Die Arbeit im Homeoffice spielt hier ebenfalls eine große Rolle. Während viele Banken immer mehr verstärkt auf Büropräsenz setzen, schlägt die Commerzbank einen anderen Kurs ein. Ab dem 1. Oktober 2025 wird hybrides Arbeiten dauerhaft in einer Betriebsvereinbarung verankert. Flexible Modelle sind damit ausdrücklich gewollt, die Planung der Präsenz- und Homeoffice-Tage liegt bei den Teams.

Auch Quereinsteiger werden in der Branche immer beliebter. Die bayerischen Sparkassen verlieren in den kommenden zehn Jahren mit rund 10.000 Beschäftigten etwa ein Drittel der Belegschaft durch Ruhestand. Um diese Lücke zu schließen, wollen sie verstärkt Quereinsteiger gewinnen. Präsident des Sparkassenverbandes Bayern Matthias Dießl sprach im vergangenen Jahr bei Bloomberg von einer „großen Herausforderung“ durch Fachkräftemangel und Demografie. „Wegen des Fachkräftemangels suchen die bayerischen Sparkassen heute gezielter auch außerhalb klassischer Karrierewege“, sagte Dießl. In der Sparkassenakademie Bayern werden daher zunehmend Menschen aus anderen Berufen zu Sparkassenkaufleuten qualifiziert.

Jede zehnte ausgeschriebene Stelle ist eine Ausbildungsposition

Speziell im Bankensektor wird erwartet, dass in den nächsten zehn Jahren rund ein Drittel der Mitarbeitenden in den Ruhestand gehen wird. Vor diesem Hintergrund bemüht sich die Branche gezielt um Nachwuchs: Etwa jede zehnte öffentlich ausgeschriebene Stelle im Bankensektor im zweiten Quartal betraf eine Ausbildungsposition, wie die Index-Daten zeigen. Um dem Fachkräftemangel in der Finanzindustrie wirksam zu begegnen, müssen Unternehmen über klassische Anreizsysteme hinausdenken. Eine moderne Führung, flexible Arbeitszeitmodelle, die Förderung von Diversität und allgemein die gezielte Stärkung der Arbeitgeberattraktivität können beim War of Talents entscheidend sein.

Maria Scherban absolvierte ihr redaktionelles Volontariat beim BANKINGCLUB und arbeitet seit Mitte 2025 als Redakteurin. Zuvor schloss sie ihren Master of Arts an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ab.

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