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„Der Kampf gegen Geldwäsche hat in Deutschland keine Priorität“

Obwohl Deutschland in den letzten Jahren Fortschritte bei der Geldwäschebekämpfung gemacht hat, gibt es noch immer großen Nachholbedarf. Behavioural-Detection-Lösungen können hier einen wichtigen Beitrag leisten. Wiebe Fokma von BioCatch erklärt im Interview, wie Betrüger und Geldwäscher arbeiten und mit welchen Maßnahmen Banken sich effektiv schützen können.


Geldwäsche

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BANKINGNEWS: Laut der jüngsten FATF-Prüfung gibt es in Deutschland beim Kampf gegen Geldwäsche noch deutliche Mängel. Wo sehen Sie besonders viel Nachbesserungsbedarf?

Wiebe Fokma: Die FATF (Financial Action Task Force) und andere internationale Organisationen sprechen „häufig von der Notwendigkeit der Etablierung einer Compliance-Kultur“. Diese Anmerkung richtet sich an einzelne Banken, aber in Deutschland scheint sie auch auf die FIU (Zentralstelle für Transaktionsuntersuchungen) und sogar die Regierung zuzutreffen. Zwei Beispiele:

  • Der Leiter der FIU, Christof Schulte, trat zurück, nachdem die deutsche Behörde die FATF nicht über den Rückstand bei der Bearbeitung von Verdachtsmeldung informiert hatte.
  • Zudem gab es im Jahr 2021 Durchsuchungen durch die Staatsanwaltschaft im Bundesministerium für Finanzen und im Bundesministerium der Justiz.

Das wird von einem angesehenen und zivilisierten Land wie Deutschland nicht unbedingt erwartet. Bestenfalls lässt sich sagen: Der Kampf gegen Geldwäsche (AML) hat in Deutschland keine Priorität. Es ist aber wichtig, dass die deutschen Bundes- und Aufsichtsbehörden AML ernst nehmen – insbesondere durch vorbildliches Verhalten. Doch diese Art von kulturellem Wandel braucht viel Zeit.

Deutschland wird häufig sogar als Paradies für Geldwäscher bezeichnet. Ist Deutschland besonders anfällig? Was machen andere Länder bereits besser?

Die Chance, dass ein Geldwäscher erwischt wird, ist in Deutschland gering. Ich sehe drei Punkte, die Deutschland für Geldwäscher interessant machen.

  1. Den ersten Punkt erwähnte ich bereits: Die Behörden müssen AML ernst nehmen. Tun sie das nicht, ist das Risiko einer erfolgreichen Geldwäsche höher – selbst, wenn sie entdeckt wird. Ich verweise auf den Skandal der MM Warburg, bei dem die Behörden 47 Millionen Euro nicht eintreiben konnte, die sich die Bank in Form von betrügerischen Steuerrückerstattungen auszahlen ließ.
  2. Geldwäscher lieben den Föderalismus in Deutschland: Verschiedene Regelungen und Verantwortlichkeiten der Bundesländer und die beträchtliche Anzahl von Banken sind ein gefundenes Fressen. Normalerweise verschleiern Geldwäscher die Herkunft ihrer Gelder, indem sie diese hin- und herschieben. Das erfordert oft internationale und verdächtige Transaktionen über Ländergrenzen, da es sonst einfacher wäre, den Geldfluss zu verfolgen. Aber in Deutschland haben die Geldwäscher viele Möglichkeiten, das Geld zwischen Banken und Bundesländern zu verschieben.
  3. Im Basler AML Index liegt Deutschland auf Platz 27. Das ist ein ähnlicher Score wie bei Chile, Uruguay, Taiwan und Polen. Länder, die besser abschneiden, sind zum Beispiel Finnland, Schweden, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Spanien. Von den westlichen europäischen Ländern steht nur Italien weiter unten auf der Liste.

Von einer führenden Wirtschaftsmacht wie Deutschland wird viel mehr erwartet. Und vielleicht liegt hier einer der Gründe dafür: Deutschland hat Geldwäsche zu lange als ein Problem betrachtet, das nur einige korrupte Entwicklungsländer betrifft. In Wirklichkeit lässt sich schmutziges Geld in einer Wirtschaft mit einer riesigen Anzahl von Transaktionen wie in Deutschland leichter verstecken.

„Der einfachste Weg, „betrügerische“ Konten zu erkennen, ist natürlich, wenn sie benutzt werden – aber es ist nicht der beste Weg

Es ist immer leicht, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die schief gelaufen sind. Aber es gibt auch positive Punkte. In den letzten Jahren hat Deutschland ernsthafte Schritte in die richtige Richtung gemacht:

  • Kurze vor Corona wurde die AFCA (Anti Financial Crime Alliance) gegründet, die den notwendigen Kulturwandel unbedingt unterstützen wird.
  • Ich habe von Initiativen zwischen den deutschen Großbanken gehört, Transaktionen für AML-Zwecke auszutauschen. Dies wird ein großer Schritt zur Aufdeckung von Geldwäsche sein, da sie die Möglichkeit bieten, die Geldströme über Banken und Länder hinweg zu verfolgen. Die Umsetzung dieses Vorhabens wird mit großen Herausforderungen verbunden sein, da es einige Probleme mit dem Datenschutz gibt. Aber für den Kampf gegen Geldwäsche ist dies die richtige Maßnahme. In den Niederlanden versuchen die fünf größten Banken dies ebenfalls im Rahmen der TMNL-Initiative (Transactie Monitoring Nederland). Aber das Gesetz hierfür scheitert immer wieder an Datenschutzfragen.
  • Bundesfinanzminister Christian Lindner hat diesen Sommer eine neue Anti-Geldwäsche-Behörde angekündigt.

Auch Kriminelle setzen neue Technologien ein und entwickeln sich ständig weiter. Wie genau gehen Geldwäscher heutzutage vor?

Geldwäscher sind Opportunisten, genau wie Betrüger. Sie werden den einfachsten Weg wählen, um ihre Arbeit zu erledigen. Da Deutschland ein wenig im Rückstand ist und Geldwäscher es für ein Paradies halten könnten, denke ich, dass sie die bekannten und leicht zu handhabenden Methoden anwenden werden. Eine gängige Methode ist beispielsweise die Deponierung von Erlösen aus Drogen- und Menschhandel. Der Gewinn wird aufgeteilt und in bargeldintensive Unternehmen „investiert“. Dass die Deutschen gerne Bargeld nutzen, ist dann von Vorteil. Eine andere beliebte Methode ist das Verschieben von Geldern über Banken und Staaten hinweg, um die Herkunft zu verschleiern. Ich erwarte keine besonders ausgeklügelten Methoden, es sei denn, sie sind Teil eines größeren internationalen Plans.

Wie können sich Banken hier effektiv schützen? Und wie lassen sich „Mule Accounts“ erkennen?

Die erste Reaktion vieler Compliance-Manager, wenn sie das Wort „Money Mule“ hören, ist, dass es sich um ein Problem für die Betrugsabteilung handelt. Mules werden benutzt, um Geld auszuzahlen, das durch Cyberkriminalität gestohlen wurde. Europol gibt an, dass dies bei 90 Prozent der Mules der Fall ist. Das ist ein großer Irrtum! Diese „Mule-Konten“ werden auch zur Geldwäsche verwendet. Sie dienen dazu, Geld einzuzahlen, es zu verschieben, auszugeben oder abzuheben. Unsere Zahlen auf Grundlage weltweiter Aufdeckungen zeigen, dass etwa 60 Prozent dieser Konten zur Geldwäsche verwendet werden. Das bedeutet, dass die Compliance-Abteilung den „Mules“ mehr Aufmerksamkeit schenken sollte, und es wäre eine gute Idee, mehr mit der Betrugsabteilung zusammenzuarbeiten. Das bedeutet, dass die Compliance-Abteilung den „Money Mules“ mehr Aufmerksamkeit schenken sollte, und es wäre eine gute Idee, übergreifend mit der Betrugsabteilung zusammenzuarbeiten.

Der einfachste Weg, „betrügerische“ Konten zu erkennen, ist natürlich, wenn sie benutzt werden. Die meisten Banken verfügen über ein angemessenes Monitoring von Aktionen zum Betrug und zur Geldwäsche. Das Schlimme ist allerdings dabei, dass der Schaden zu diesem Zeitpunkt bereits angerichtet ist. Am Verhalten erkennen wir diese Konten viel besser.

„Betrüger und Geldwäscher verhalten sich anders als normale, echte Kunden“

Wie funktioniert die Behavioural-Detection-Lösung von BioCatch?

Wir sind insofern einzigartig, da wir böswillige oder betrügerische Konten erkennen können, bevor sie aktiv werden.  So verhindern wir präventiv Geldwäsche und Betrug. Wenn man keine Möglichkeiten lässt, kann so etwas einfach nicht passieren. Bei einem australischen Kunden sind Vorfälle mit Cybercrime um 70 Prozent zurückgegangen, indem er aktiv Mule-Konten aufspürte und schloss – bevor sie benutzt wurden. Natürlich gab es noch ein paar mehr Money Mules bei anderen Banken.

Wie wir das machen? Wir überwachen das „Verhalten“ auf den Konten genau. Betrüger und Geldwäscher verhalten sich anders als normale, echte Kunden. Sie kennen sich im Bankwesen besser aus, sie arbeiten viel mit Computern, sie agieren konzentrierter, um ihren Job zu erledigen. All dies führt zu einem anderen Verhalten. Es gibt Tausende von Parametern, die wir betrachten. Und auf dieser Grundlage gibt es drei Phasen während der Lebensdauer eines betrügerischen Kontos, in denen die Verhaltensanalyse den Unterschied ausmacht:

  • Bei der Kontoeröffnung: Rund 50 Prozent der betrügerischen Konten wurden mit der Absicht eröffnet, sie für Betrug und Geldwäsche zu nutzen. Wenn wir uns das Verhalten während des Kontoeröffnungsvorgangs ansehen, können wir die meisten dieser Versuche erkennen. Interessant ist, dass es derzeit nicht möglich ist, ein Konto, das später für Betrug verwendet wird, von einem Konto zu unterscheiden, das später für Geldwäsche genutzt wird. Dies erweckt den Eindruck, dass die Nutzung des Kontos erst im Nachhinein beschlossen wird: Bösartige Konten werden von darauf spezialisierten Gruppen eröffnet, um sie sowohl an Betrüger als auch Geldwäscher im Dark Web zu verkaufen. Die andere Hälfte der böswillig genutzten Konten wurde tatsächlich normal eröffnet. Meistens von Kunden, die dazu verleitet wurden, ein kleiner Teil wird durch Kontoübernahme erworben.
  • Die Spanne nach der Kontoeröffnung und bevor das Konto tatsächlich für Straftaten genutzt wird: Hier bieten wir eine einzigartige Lösung an. Wir analysieren das Entwicklungsverhalten rund um ein Konto. Man kann das mit dem Reifeprozess eines guten Weins vergleichen. Wenn ein Konto genug „gereift“ ist, um die Vertrauenswürdigkeit zu verbessern, bereiten es die Betrüger und Geldwäscher für die Nutzung vor. Dabei zeigen sie ein bestimmtes Verhalten, das wir mit einer Genauigkeit von über 95 Prozent erkennen können. Dies gilt für alle Arten von böswilligen Konten, die entweder in dieser Absicht eröffnet oder später für Geldwäsche oder Betrug ausgenutzt werden. Auf diese Weise verhindern Banken nicht nur Betrug und Geldwäsche, sondern senken auch ihre Betriebskosten – eine echte Win-Win-Situation für Banken und Kunden. Die Compliance-Abteilung hat weniger verdächtige Transaktionen zu untersuchen und zu melden, was auch das Risiko von Geldbußen der Behörden senkt.
  • Verhalten bei Transaktionen: Wir können auch aktive betrügerische und geldwäscherelevante Konten identifizieren. Dazu untersuchen wir ihr Verhalten im Zusammenhang mit Transaktionen, die dem Monitoring entgangen sind. Indem wir die Transaktionsüberwachung mit einem anderen Blickwinkel betrachten, verbessern wir die Erkennungsrate und verringern die Zahl der Fehlalarme.

Auf diese Art von Betrugsanalyse haben wir uns in den letzten zwölf Jahren spezialisiert. Aber Vorbeugen ist besser als Nachsicht, also sind die ersten beiden Optionen in jeder Hinsicht die besseren.

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