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„Das Wichtigste ist der tone from the top“

Die Finanzindustrie habe inzwischen ein stärkeres Bewusstsein für ethisch-moralische Fragen als andere Branchen, behauptet Dr. Cornelia Nett, General Counsel bei TARGO Commercial Finance. Bei der Etablierung einer entsprechenden Unternehmenskultur komme es besonders auf die Bekenntnisse und die Authentizität des Vorstands an.

Von Philipp Scherber - 01. Dezember 2017

Dr. Cornelia Nett leitet als General Counsel die Rechtsabteilung des Mittelstandsfinanzierers TARGO Commercial Finance AG.

BANKINGNEWS: Braucht die Finanzbranche eine ethisch-moralische Revolution?

Cornelia Nett: Der Begriff Revolution geht in meinen Augen etwas zu weit. Aber ich bin der Meinung, dass sich die Finanzbranche mit der Frage der Ethik intensiv befassen und ein modernes Verständnis entwickeln muss. Das Vertrauen in die Branche ist nach der Finanzkrise zutiefst erschüttert. Die Ursachen sind vielfältig: Auf der einen Seite sind es die angesprochenen Skandale und Krisen, auf der anderen Seite ist der Umgang mit fremdem Geld per se ein emotionaler und höchst sensibler Bereich. Daher wird gerade dort eine moralische Verfehlung als besonders schlimm wahrgenommen.

Ethische Herausforderungen werden teilweise verleugnet

Wie sind Banken und Finanzdienstleister im Vergleich zu anderen Branchen im Hinblick auf Ethik, Verantwortung und deren Status innerhalb der Unternehmenskultur aufgestellt?

Ich glaube, die Finanzindustrie hat im Vergleich zu anderen Branchen schon einen weiten Weg in Richtung Ethik und Moral zurückgelegt. Es besteht ein Bewusstsein dafür, dass etwas im Argen liegt und daher ein Kulturwandel herbeigeführt werden muss. Der Begriff Risikokultur ist sogar in der Gesetzgebung verankert. In anderen Branchen hat man den Eindruck, dass die wahren ethischen Herausforderungen zum Teil noch verleugnet oder Schwachstellen kaschiert werden. Die Frage nach einer ethischen Unternehmensführung stellt sich jedoch in allen Industrien. Denken wir beispielsweise an autonomes Fahren oder eine Industrie 4.0. Viele Unternehmen setzen öffentlich wirksame Compliance-Programme auf oder machen sich dezidiert für Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility stark. Die eigentlichen Herausforderungen werden oftmals jedoch nicht richtig angegangen. Plötzlich bringt dann eine behördliche Untersuchung, der Besuch der Staatsanwaltschaft oder der Zufall ans Licht, dass sensible Compliance-Verstöße vorliegen.

Bei Verfehlungen und Skandalen in einer Bank liegt der öffentliche Fokus meist auf den Vorständen. Müssen wir mehr über die Aufsichtsräte sprechen?

Ja und nein. Natürlich ist an erster Stelle der Vorstand für die Unternehmensführung verantwortlich. Dem Aufsichtsrat kommt lediglich eine kontrollierende und beratende Funktion zu. Wenn er jedoch ein Problem oder eine Verfehlung identifiziert, dann muss er auch handeln. Wenn ein Vorstand gesetzeswidrig handelt oder seine unternehmerischen Kompetenzen in einer Weise überschreitet, die eine Pflichtverletzung darstellt, ist der Aufsichtsrat dazu aufgefordert, Konsequenzen zu ziehen.

Keine Lippenbekenntnisse, sondern Taten

Im September 2017 haben die European Banking Authority (EBA) und die European Securities and Markets Authority (ESMA) überarbeitete Leitlinien mit Anforderungen an Führungspersönlichkeiten vorgelegt. Wie können die darin enthaltenen sozialen Kompetenzen in der Praxis überprüft und als Entscheidungskriterien angewandt werden?

Die genannten Leitlinien wurden von der Finanzindustrie im Konsultationsprozess sehr kontrovers aufgenommen. Gerade die Umsetzung in die Praxis ist eine enorme Herausforderung. Auf der anderen Seite werden in diesen Leitlinien nur Soft-Skills gefordert, die eine Führungskraft ohnehin haben sollte – z.B. Authentizität, Weitsicht, Kritik- und Teamfähigkeit. Diese Forderungen haben auch einen moralischen Anspruch. Die Frage ist, wie man diese Fähigkeiten nachweisen und prüfungssicher dokumentieren soll. In größeren Unternehmen werden in den Performance-Management-Programmen der Personalentwicklung bereits heute Soft-Skills gemessen und dokumentiert. Papier ist jedoch geduldig. Die geforderten Aspekte müssen sich in der gesamten Kultur des Unternehmens wiederfinden und es muss spürbar sein, dass die Führungskräfte diese Fähigkeiten nicht nur auf dem Papier haben.

Welche Aspekte halten Sie persönlich für besonders wichtig im Zusammenhang mit Ethik und Moral im Finanzsektor?

Der „tone from the top“, also das Bekenntnis des Vorstands, ist das Wichtigste. Dieses muss authentisch sein – kein Lippenbekenntnis, sondern mit Taten untermauert. Dazu gehört eine konsequente Aufklärung und Sanktionierung von Compliance-Verstößen. Denn sonst leidet die Glaubwürdigkeit der gesamten Organisation. Bestehende und neue Vorstands- und Aufsichtsratsmandate müssen an der Erfüllung der entsprechenden Anforderungsprofile gemessen werden. Außerdem ist eine gewissenhafte und ergebnisoffene Nachfolgeplanung wichtig. Durch die öffentliche Diskussion über Ethik und Moral kann eine neue Generation von Führungskräften heranwachsen, für die es ganz natürlich ist, an Soft-Skills gemessen zu werden und sich mit den ethischen Fragen der Unternehmensführung auseinanderzusetzen.

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