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„Deutsche Banken sitzen auf einer Menge riskanter Kredite“

Von Christian Grosshardt - 15. September 2015

Bad clients, bad loans, bad banks? Immer mehr Investoren haben im vergangenen Jahr sukzessive ihr Interesse am Darlehensbestand europäischer Banken gesteigert. BANKINGNEWS sprach mit Matthew Kinch, Senior Consultat Compliance. Forensics and Intelligence, von der Control Risks Deutschland GmbH darüber, warum der Verkauf von nicht gedeckten Krediten nicht die einzige Lösung ist.

BANKINGNEWS: Das angemessene Management von ungedeckten Krediten ist seit der Finanzkrise eine der wichtigsten Aufgaben europäischer Banken. Im Jahr 2014 sahen wir ein gestiegenes Interesse von Investoren am Darlehensbestand europäischer Banken. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Kinch: Deutsche Banken haben im letzten Jahr milliardenschwere Pakete an so genannten „non-performing loans“ (NPLs) verkauft. Die NPLs bestehen zum größten Teil aus Gewerbe- oder Immobilienkrediten, bei denen das Risiko, dass sie nicht zurückgezahlt werden, sehr hoch ist. Trotz dieser Verkäufe sitzen deutsche und viele andere europäische Banken immer noch auf einer großen Menge an riskanten Krediten. Wir reden hier von Summen, die oft weit im zweistelligen Milliardenbereich liegen. Obwohl Banken diese verbleibenden Problemkredite ganz oder zum Teil abgeschrieben haben, verbleibt die Frage, ob die getroffenen Risikovorsorgen ausreichend sind oder ob in Zukunft noch nachgebessert werden muss. Denn: Eine signifikante Menge dieser verbleibenden Kredite wird trotz aller Bemühungen nur schwer zu verkaufen sein. Viele Banken haben nicht ausreichend eigene Kapazitäten, um festzustellen, in welchem Zustand sich diese Kredite genau befinden. Gibt es dennoch Möglichkeiten von den Darlehensnehmern einen Teil oder die volle Rückzahlung des Kredites zu erlangen? Gibt es Indizien, dass die nicht-Rückzahlung darauf zurückzuführen ist, dass bei der Vergabe des Kredites die Bank betrogen worden ist, und daher rechtliche Schritte geltend gemacht werden könnten? Diesen Fragen muss strukturiert nachgegangen werden.

Ist Ihrer Meinung nach der Wert von all diesen „no-performing-loans“ abzuschreiben?

Auf keinen Fall ist dies immer notwendig! Im Gegenteil: In vielen Fällen, vor allem wenn es sich um Gewerbekredite oder um Kredite handelt, die für größere Immobilienprojekte vergeben wurden, kann zumindest noch ein Teil des Wertes gerettet werden. Control Risks arbeitet mit vielen bekannten europäischen Finanzhäusern zusammen, um sie bei der Analyse und Auswertung ihres Restbestandes an Krediten zu unterstützen.

Was bedeutet das konkret?

In erster Linie bedeutet es, Banken bei der Identifikation derjenigen riskanten oder faulen Kredite zu unterstützen, bei denen der Darlehensnehmer möglicherweise doch über Vermögen verfügt, welches für die Rückzahlung des Kredites benutzt werden könnte. Auβerdem suchen wir nach Andeutungen, dass die Gelder auf intransparente bzw. betrügerische Weise benutzt wurden. Die Banken sind sich teilweise selber nicht bewusst, wie viele Informationen sie über die jeweiligen Darlehensnehmer bereits besitzen. Wir helfen dabei, diese Informationen zu strukturieren und zu ergänzen, so dass sie ein viel umfangreicheres Bild über den Kreditnehmer ergeben. Mit gezielten Recherchen lässt sich feststellen, ob der Kredit für die angegebenen Projekte benutzt wurde. Es ist auch feststellbar, welche Ursachen für den Teil- oder Gesamtausfall der Rückzahlungen verantwortlich sind. Im manchen Fällen gibt es Indizien, dass Teile des Geldes über komplexe Firmenstrukturen und Transaktionen abgeschöpft worden sind, welche die Bank gegebenfalls durch rechtliche Verfahren zurückerhalten könnte.

Ist eine solche Recherche nicht äuβert aufwendig?

Die Spur führt in der Tat oft durch eine Vielzahl von Ländern und Körperschaften. Mit dem richtigen Parnter muss dies aber kein Hindernis sein. Eine international aufgestellte Spezialberatung sollte für fast jede Jurisdiktion ein oder mehrere Spezialisten haben, die als virtuelles Team zusammengebracht werden können. Diese haben dann das notwendige Fachwissen, um relevante Informationen zu sammeln und deren Bedeutung zu interpretieren.

Lohnt sich denn dieser Aufwand für all die riskanten Kredite einer Bank?

Die Zahl der Kredite, die theoretisch in Frage kommen, ist meist zu groβ. Es muss daher priorisiert werden. Oft fängt man mit den größten Krediten an – wir reden hier über zwei- oder dreistellige Millionenbeträge – denn die Recherchen erfordern Zeit und kreatives Denken.

Welche Rolle spielt kreatives Denken genau?

Die Darlehensnehmer wollen natürlich meist nicht, dass die Banken erfahren, dass sie eigentlich fähig sind, ihre Kredite zu bedienen. Oder – wo betrügerische Machenschaften im Spiel sind – bemühen sie sich sogar, Informationen aktiv zu verschleiern und zu verdecken. Wir hatten z.B. einen Fall, wo ein spanisches Immobilienprojekt eines Darlehensnehmers nicht fertiggestellt wurde und deshalb auch der dazugehörende Kredit als NPL eingestuft wurde. Die Recherchen ergaben aber, dass ein anderes Projekt in Deutschland erfolgreich fertiggestellt wurde. So etwas kann darauf hindeuten, dass der Unternehmer entgegen seiner Aussagen an die Bank doch über die Mittel verfügt, um den spanischen Kredit zu bedienen. Um all diese kleinen Informationseinheiten zu einem relevanten Bild zusammenzusetzen, benötigt man viel Erfahrung und eben auch Kreativität.

Und was bringt dieser ganze Aufwand den Banken?

Drei Vorteile: Zum ersten bekommt die Bank ein sehr genaues Bild davon, ob ein Kredit wirklich so marode ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Wenn nicht, erhöhen sich die Chancen eine Rückzahlung zu erlangen oder auf anderes Vermögen des Darlehensnehmers über rechtliche Wege zurückzugreifen. Zweitens erhöhen sich dadurch Verkaufschance und -wert des Kredites, sollte die Bank ihn verkaufen wollen. Drittens kommt hinzu, dass die Analysen der Bank unabhängiges und objektives Feedback geben können, wo es gegebenfalls in ihren Kreditvergabeprozessen Schwächen gegeben hat. Dies hilft den Finanzinstituten ihre Prozesses zu verbessern oder sich zu vergewissern, dass der Prozess und die mit der Kreditvergabe verbundene Risikoauswertung doch angemessen war.

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