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Finanzprodukte? Braucht kein Mensch!

Wie viele Finanzprodukte brauchten die Menschen vor 100 Jahren? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren viele froh, durch die Einführung der Sozialversicherungen erstmals durch den Staat bei Krankheit, Unfällen und in der Rentenzeit unterstützt zu werden. Eigene Finanzprodukte hatten die wenigsten – es gab ja auch kaum welche. Und heute?

Von Eckehard Täger - 28. Juli 2015

Bildnachweis: ATIC12 via istockphoto.de

Die Anzahl der Produkte ist geradezu explodiert. Permanent neue Produktkombinationen, Wettmöglichkeiten, Absicherungsnotwendigkeiten machen den Markt der Finanzprodukte zu einem boomenden Wirtschaftsfaktor. Komplex und kompliziert stechen einfach und transparent. Geld ist nicht mehr nur Tausch- und Zahlungsmittel, sondern durch die Transformation in völlig intransparente Finanzlösungen selbst zur Ware geworden, deren Handel jedes andere Gut auf dieser Welt um ein Vielfaches übersteigt. Fällt niemandem auf, dass sich der Lebenssinn unserer Gesellschaft in den letzten 100 Jahren um 180 Grad gedreht hat?

Oh Zeiten, oh Sitten

Geld ist nicht mehr Mittel zum Zweck, z. B. für ein besseres Leben. Geld und Geldprodukte sind zum Selbstzweck mit Suchtpotenzial geworden. Und Versicherungen sind heute nicht mehr gegenseitige Solidargemeinschaften für echte Notfälle, sondern Psychotherapeuten mit einem Ablasshandel. Wer bereit ist, jeden Monat einen immer größer werdenden Teil seines Einkommens auszugeben verspricht man, dass er sich die Sorgen, die man ihm gerade eingeredet hat, gar nicht machen muss. Banken und Versicherungen haben es geschafft, ein Selbstverständnis von der Notwendigkeit einzelner Finanzprodukte zu erzeugen, die für einen Neutralen mit dem Blick aufs Leben nur Kopfschütteln hervorrufen.
Völlig unreflektiert wird betont, dass jeder selbstverständlich eine Berufsunfähigkeitsversicherung benötigt. Diese wird  zuhauf jungen Menschen angedreht, die gutgelaunt in eine Bank gehen und sich beim Rausgehen Gedanken machen, wie das Leben im Rollstuhl wohl aussieht. Zur Beruhigung bekommen sie dann eine Versicherung, für die sie in Relation zu ihrem verfügbaren Geld viel zahlen und die ihnen bei Berufsunfähigkeit eine Rente von durchschnittlich 770 € verspricht, also ungefähr so viel, wie sie durch die staatliche Grundsicherung sowieso bekommen würden. Wirklich helfen könnte man den jungen Leuten, wenn man ihnen zeigt, wie man Rückenleiden oder psychischen Problemen vorbeugen kann, damit diese gar nicht erst entstehen.

Unwissenheit verursacht Vermögensverlust

Die zunehmende Angst vor den Lebensrisiken ist im Sinne der Anbieter von Versicherungslösungen aber gewollt, weil für den Verkauf häufig zwingend notwendig. Und so steigt mit einer gewollten Abnahme der Selbstverantwortung die Notwendigkeit, vermeidbare Schäden durch finanzielle Lösungen scheinbar zu lindern. Noch größer ist die Unwissenheit, wenn es um die Altersvorsorge geht. Wie kein anderes Volk schließen die Deutschen Renten- und Kapitallebensversicherungen ab, um damit ihre Rente aufzubessern. Bei Laufzeiten von 30 oder 40 Jahren versprechen die Versicherer Garantiezinsen und verschweigen, dass sie davon die laufenden Verwaltungskosten abziehen. Selbst aus Versicherungen mit bis zu 4 Prozent Garantiezins resultieren nach Abzug der Kosten häufig weniger als 3 Prozent. Ein Vermögensaufbau nach Abzug der Inflation ist damit nur schwer möglich.
Die meisten Finanzberater wissen nicht einmal, dass bei diesen Laufzeiten kapitalmarktorientierte Anlagen erheblich höhere Renditen bringen können und in unserem Wirtschaftssystem auch bringen müssen. Die Aussagen, dass Rentenversicherungen mit Garantiezinsen in der heutigen Zeit im Verhältnis zu Aktien zur Altersabsicherung sicherer sind, ist bei langen Laufzeiten schlichtweg falsch.

Verträge werden ad absurdum geführt

Noch immer werden Verträge abgeschlossen, die gerade einmal die Verwaltungskosten abdecken und durch Inflation langfristig entwertet werden. Zusätzlich sind die Verträge häufig mit Dynamisierungen ausgestattet, deren Beitragserhöhungen in der zweiten Hälfte der Versicherungslaufzeit durch die Abschlusskosten zu Kapitalminderung führen. Viele der Finanzberater wissen diese Tatsachen gar nicht – ihre Kunden ebenso wenig. Der originäre Sinn von Finanzprodukten, Menschen beim Erreichen Ihrer Ziele und Wünsche zu unterstützen, wird somit ad absurdum geführt. Einen Bausparvertrag braucht nur der, der weiße Wände hat und sich die Bausparurkunde zu Hause aufhängen will oder der damit etwas Konkretes erreichen möchte. Die Vielzahl der existierenden Finanzprodukte braucht heute kein Mensch; aber die Finanzindustrie – zum Geldverdienen auf Kosten ihrer Kunden.

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