Jetzt Mitglied werden

Gute Banken, miese Banken

Von Niels Pfläging - 06. Juli 2014

Es sind seit Jahren die gleichen Parolen: Filialnetze lassen sich heute nicht mehr kostendenkend betreiben. Da treffe es sich gut, dass Bankkunden keine Filialen mehr wollten: „Online kommt!“ – und allen werde es besser gehen.

Aber ist das wirklich so? Die sicheren Gewinner dieser andauernden Trendbeschwörung sind die Unternehmensberatungen und IT-Anbieter, die in regelmäßigen Zyklen einer Bank nach der anderen die immer gleichen Konzepte verkaufen. Die Verlierer in diesem Spiel indes sind die großen Banken selbst. Denn: Digitale Technologie ist leicht zu kopieren – ebenso wie die Bankprodukte selbst. So baut man keine Wettbewerbsvorteile auf. Man verspielt sie. Die bedingungslose Virtualisierung führt direkt ins virtuelle Banknirvana. Mehr noch: Die Aushöhlung der Banken und ihres Kerngeschäfts ist bereits in vollem Gang.
Indem Banken sich zunehmend über ihr vermeintlich innovatives Investmentbanking definieren, werden Kunden- und Kreditgeschäft zu Randbereichen degradiert, in denen Differenzierung oder Innovation ohnehin nicht möglich seien.
Der nüchterne Blick auf die Zahlen der letzten Jahre offenbart die fatalen Konsequenzen dieses Dogmas: Die Performance europäischer Universalbanken in der jüngeren Vergangenheit war alles andere als rosig, überwiegend sogar unterirdisch.

Banken haben verlernt, ihr Kundengeschäft profitabel zu betreiben

Eine gigantische Wertvernichtung hat stattgefunden, verursacht durch Abwendung der Banken vom Kundengeschäft, durch nahezu unbändigen Risikoappetit und schamlose Selbstbereicherung der Managementkaste. Deutsche Großbanken wie Commerzbank und Deutsche Bank machen da keine Ausnahme – sie sind am untersten Ende der Skala oder im Mittelfeld dabei. Gerade die Commerzbank war einer der führenden Wertzerstörer in der Bankenkrise.
Dass die Vorstände der Deutschen Bank Jain und Fitschen bei der Aktionärsversammlung im Mai ausgebuht wurden, ist folgerichtig: Wer bei anhaltender Wertvernichtung versucht, maßlose Boni und Gehälter zu zementieren, ohne dass interne Reform erkennbar wäre, der macht sich unmöglich. Der Vorstand der Deutschen Bank versucht weiter, Probleme mit denselben Mitteln zu lösen, die das Problem überhaupt erst erzeugt haben.
Das Gesamtbild passt einem seit den 80er Jahren anhaltenden Trend: Banken haben verlernt, ihr Kundengeschäft nachhaltig und profitabel zu betreiben. Es gibt eine kollektive Hilf- und Visionslosigkeit dahingehend, wie anständiges, wirtschaftliches Bankgeschäft heute aussehen könnte. Viele Bank-CEOs beißen sich behelfsmäßig an den von den Consultants eingeflüsterten Mythen fest. Etwa dem, dass „im Kundengeschäft kein Geld zu verdienen“ sei. Dass Filialen überflüssig werden. Dass die Kosten das Problem seien.

Lokale Präsenz macht den Unterschied

Doch die Realität sieht anders aus. Es lohnt sich, einen Blick auf den europäischen Ausnahmeperformer in der Bankenlandschaft zu werfen. Diejenige Bank, die in den letzten Jahren und in den Jahrzenten davor durchgängig mit überlegener Performance geglänzt hat – die schwedische Handelsbanken. Zeigt das Beispiel Handelsbanken eine Alternative zur der Abwärtsspirale auf, in der sich deutsche Banken heute gefangen sehen?
Zunächst die Rahmendaten: Seit unglaublichen 43 Jahren ist sie die Bank mit dem besten Return on Equity und der besten Cost-Income-Ratio in Europa. 11.000 Mitarbeiter. Maßvoller Umgang mit Risiken im Boom wie in der Krise. Verzicht auf Bonussysteme, fixierte Wachstums-, Ertrags und Umsatzziele. Keine Produktrentabilitäts-Betrachtung in der Bank, kein Produktmanagement, keine Divisionen. Starkes organisches Wachstum u.a. im stagnierenden britischen Bankenmarkt. Stark expandierendes Filialnetz. Kein zentrales Risikomanagement. Minimale Kreditverluste bei um die 0,07% – so gering, dass einer meiner österreichischen Beratungs-Kunden einmal ausrief, diese Zahl sei „vollkommen unerreichbar!“
Wie also wird das eigentlich Unmögliche möglich? Handelsbanken bietet eine Lektion in Sachen Nachhaltigkeit im Bankgeschäft. Aber auch dahingehend, wie Unternehmen in diesem Jahrhundert geführt werden können.

Handelsbanken sagt von sich selbst: „Bei uns sind die Filialen die Bank“: Digitale Technologie sei „notwendig, aber kein Unterscheidungsmerkmal“. Lokale Präsenz mache den Unterschied – nur sie führt zu besseren Ergebnissen, mehr Geschäft und geringeren Risiken. Damit das funktionieren kann, verzichtet Handelsbanken seit 1971 auf Budgets und Jahresplanung, auf Zielvorgaben, strategische Planung, Forecasts, Ratingsysteme, Boni oder Anreizsysteme.
Und kommt mit nur drei Hierarchieebenen aus. Man spricht bei Handelsbanken von „radikaler Dezentralisierung“ der Entscheidungen. Es gehe darum, den „bürokratischen Komplex“ im Zaum zu halten. Handelsbanken macht das seit 40 Jahren – und ist gerade deshalb erfolgreicher.

Vielleicht müssen Banken das Filialgeschäft neu erfinden

Das wirft die Frage auf: Sind die Filialkosten zu hoch – oder die Kosten zentraler Kontrolle? Sind Filialen und Kundenbetreuer überflüssig, weil die Kunden sie nicht brauchen? Oder haben die meisten deutschen Banken ihre Filialen und Betreuer so stark entmündigt, dass funktionierendes Bankgeschäft unmöglich wurde?
Vielleicht müssen Banken das Filialgeschäft endlich neu erfinden. Das Beispiel Handelsbanken zeigt, dass Banken doch eine Seele haben können. Und dass es nötig ist, diese Seele wieder freizuschaufeln.
Niels Pfläging ist Business-Vordenker, Autor und Berater. Sein neuestes Buch „Organisation für Komplexität. Wie Arbeit wieder lebendig wird – und Höchstleistung entsteht“ ist aktuell unter den Wirtschaftsbuch-Bestsellern.

Lesen Sie auch

Ego-Probleme: Wer hat den größten Turm?

Von überall hört man es läuten: Filialen werden[…]

Christian Grosshardt

Fusionsdruck Rot

400 Sparkassen leisten sich knapp 170 weitere Unternehmen,[…]

Thorsten Hahn

Seitenwechsel – Jain zu Fintech

Anshu Jain kehrt den Banken den Rücken und[…]

Philipp Scherber

Targo-Chef vor die Tür gesetzt

Franz Josef Nick muss am Ende des Jahres[…]

Christian Grosshardt

Banken werden EU-Marionetten

Deutliche Einschnitte in die Kundenwahl müssen Banken ab[…]

Christian Grosshardt

Telekom-Konten gehackt!

In der vergangenen Woche soll es zu mehreren[…]

Christian Grosshardt

Probleme bei Paydirekt

Probleme über Probleme. Erst erklärten viele Händler, sie[…]

Julian Achleitner

Herber Rückschlag für Paydirekt

Da haben sich deutsche Banken endlich für einen[…]

Julian Achleitner

Niedrigzins trifft Bausparkassen

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) trifft nun[…]

Julian Achleitner

Credit Suisse steht vor Einigung

Credit Suisse kann schon einmal das Scheckbuch zücken.[…]

Julian Achleitner

Cryan läutet neues Zeitalter ein

Nun ist John Cryan schon seit fünf Wochen[…]

Julian Achleitner

Welche Vorteile bietet mir der BANKINGCLUB?

BANKINGCLUB ist einer der größten Wirtschaftsclubs für Mitarbeiter[…]

Thorsten Hahn

Nach Jenkins die Sinnflut

Knapp drei Jahre nach seinem Amtsantritt musste der[…]

Christian Grosshardt

Bankgeheimnis von EuGH gelockert

Erst Euphorie, dann die Ernüchterung: Man ersteigert zu[…]

Christian Grosshardt

Volksbank will Filialen schließen

Haben die Genossenschaftler der Volks- und Raiffeisenbanken zu[…]

Julian Achleitner

Apple Pay nun auch in Europa

In den USA können Verbraucher bereits seit Oktober[…]

Julian Achleitner

Bezahlen mit Selfie

Das ist mal innovativ. Vergessen Sie Bezahlen mit[…]

Julian Achleitner

Persona non grata – Varoufakis tritt zurück

Auf seinem Twitter-Account ist zu lesen: „Minister no[…]

Christian Grosshardt

Chapeau, Herr Neske!

Was für eine Schlagzeile heute Morgen in der[…]

Thorsten Hahn

Vorstand beschließt: Postbank steht zum Verkauf

Nach Tagen des Spekulierens ist zumindest eine Vorentscheidung[…]

Christian Grosshardt

Milliarden durch EZB verloren

Die Niedrigzins-Politik der EZB ist vielen ein Dorn[…]

Christian Grosshardt

Kritik an Deutschland

Wir stehen mal wieder in der Schusslinie! Die[…]

Christian Grosshardt

400 Kunden in die Wüste geschickt

Wer nicht hören will, muss fühlen. Wie SPIEGEL[…]

Christian Grosshardt

Amtlich: Der Euro wird abgeschafft!

Jetzt ist es spruchreif: Nachdem sich die führenden[…]

Christian Grosshardt

Der Dollar ist zurück

Wer hätte das gedacht? Dollar und Euro bewegen[…]

Christian Grosshardt

Gemeinsames Online-Bezahlsystem auf dem Weg

In Zeiten von Fintechs, die extern teilweise Online-Bezahldienste[…]

Christian Grosshardt

Lufthansa mit enormen Verlusten an der Börse

Der gestrige Absturz eines Airbus A320 hat viele[…]

Christian Grosshardt

Radikale Maßnahme bei der Deutschen Bank

Seit einiger Zeit berät die Deutsche Bank in[…]

Christian Grosshardt

Tag 1 nach Blockupy

Unfassbare Bilder boten sich uns gestern aus der[…]

Christian Grosshardt

Blockupy – Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei

Man rechnete mit dem Schlimmsten, aber die Befürchtungen[…]

Christian Grosshardt

Geldwäsche treibt Bank in die Pleite

Banco Madrid ist insolvent. US-Behörden werfender Bank vor[…]

Thorsten Hahn

Den Kunden dort abholen, wo er ist – im Netz

Über 28 Millionen Deutsche erledigen ihre Bankgeschäfte online:[…]

Juliane Hartmann

Turnschuhe sind zum Turnen da

Ein altes Sprichwort besagt: „Kleider machen Leute.“ Dieses[…]

Julian Achleitner

DAX 30 CFD-Trading

Experten raten in diesen harten Zeiten des Niedrigzinses[…]

Julian Achleitner

Finanzprodukte – einfach unterhaltsam

Wie Erklärfilme komplexe Finanzprodukte begreifbar machen und zu[…]

Julian Achleitner

Austerität. Politik der Sparsamkeit: Die kurze Geschichte eines großen Fehlers

Autor: Florian Schui Euro: 19,99 256 Seiten, broschiert[…]

Julian Achleitner

Die BIZ als Wahrsager?

Im Oktober mussten die Aktienkurse einen enormen Einbruch[…]

Christian Grosshardt

Mario "Two-Face" Draghis neuer Job

Auf die Europäische Zentralbank und Mario Draghi wartet[…]

Christian Grosshardt

Bevormundung erwachsener Bürger

In einer freiheitlichen Grundordnung müsste die Eigenverantwortlichkeit des[…]

Julian Achleitner

Maßnahmen gegen Steuerflucht

In drei Jahren wird mit offenen Karten gespielt:[…]

Julian Achleitner

Fintech mal anders

Die Zukunft des Zahlens hat schon längst begonnen.[…]

Julian Achleitner

Ein Tag, der die Welt veränderte

Vor 85 Jahren sorgte der berüchtigte „Black Thursday“[…]

Julian Achleitner

Algorithmen oder das vermeintliche Ende des Beraters

Kann die Maschine Menschen ersetzen? Diese Frage wird[…]

Julian Achleitner

Regionale Werbung mit internationalem Flair

Mehrere Tausend Werbebotschaften versuchen täglich, die Aufmerksamkeit der[…]

Christian Dorn

Auf Wanderschaft

Schon praktisch diese Rucksäcke. Man hat die Hände[…]

Thorsten Hahn

MaRisk-konformer Einsatz des iPads in der Bank

Der Siegeszug des iPad ist nicht aufzuahlten, auch[…]

Thorsten Jekel

„Der Fokus liegt auf der Online-Präsenz“

Im Interview mit den BANKINGNEWS spricht Kai Fürderer,[…]

Thorsten Hahn

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Über 200 Vergleichsportale gibt es heute bereits. Das[…]

Thorsten Hahn

Das Mitarbeitergespräch: Führung oder Flop?

Es ist Herbst. Die Tage werden kürzer. Zeit[…]

Niels Pfläging

„Du bist, was Du teilst!“

You are what you share! „Du bist, was[…]

Prof. Martina Dalla Vecchia

Outsourcing von Kreditanalysen

Zeiten ändern sich. Dieser berühmte Satz kann problemlos[…]

Markus Diehl