Jetzt Mitglied werden
Bankorganisation

Mit „Systemischem Projektmanagement“ sicher durch den Sturm navigieren

„Was hat der Mars mit dem Berliner Flughafen gemeinsam? In etwa 30 Jahren sollen die ersten Menschen dort landen!“ Sie finden das nicht witzig? Ist es auch nicht! Denn die Botschaft lautet, dass im Projekt BER etwas gehörig schiefläuft. Doch nicht nur Großprojekte sehen sich ständig der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt.

Von Kurt-Walter Langer - 20. Februar 2018

Kein Steuermann segelt im Sturm streng nach Plan weiter. Genau so verhält es sich bei Störungen in einem Projekt, auf die der Projektmanager entsprechend reagieren muss. Bildnachweis: istock.com/winnond

Als Gründe für das Scheitern eines Projekts werden von Befragten meist nicht die Methoden oder Tools genannt, sondern systemische Mängel. In diesem Zusammenhang sprechen wir etwa von schlechter Kommunikation, unklaren Anforderungen und Zielen, Politik, Egoismen, Kompetenzstreit, fehlender Unterstützung durch das Topmanagement, mangelhaftem Stakeholder Management sowie einer fehlenden Qualifikation der Beteiligten. Ließe sich das Scheitern mit Hilfe systemischer Methoden vermeiden?

Professor Markus Schwaninger von der Universität St. Gallen definiert den Begriff wie folgt: „Das systemische Projektmanagement stellt eine theoretisch fundierte und gleichzeitig unmittelbar anwendbare Hilfe dar, um komplexe Veränderungs- und Entwicklungsvorhaben effektiver zu bearbeiten und zu leiten, wobei es sich der Inhalte und Methoden des klassischen Projektmanagements (DIN 69901/ISO 21500) sowie der Methoden und Inhalte der Kybernetik und der Kenntnisse der Zirkularität bedient.“

Systemische Mängel stehen an oberster Stelle

Sven Stübing, Geschäftsführer des bayerischen Projektmanagementspezialisten Antravis, sieht ein Problem im klassischen Ansatz. Am Anfang wird in der Regel das gesamte Projekt geplant. Das führe dazu, dass sich äußere Einflüsse wie eine Verschiebung des Projektziels durch neue Anforderungen oder die Nichtverfügbarkeit von wesentlichen Ressourcen, zum Beispiel durch Krankheit, stark auswirken können. In der Summe verstärke sich dieser Effekt, sodass „Projekte nur noch schwerfällig vorankommen und sich unter Umständen stark verschieben oder sogar abgebrochen werden, da kein positives Ergebnis mehr erwartet wird“. Dies wird häufig auch noch durch zeitfressende Projektmanagement-Tools verstärkt.

Niklas Spitczok von Brisinski, Leiter Projektmanagement bei adesso, hat vier Grundsätze formuliert, die sich ihm zufolge immer wieder bewährt haben: erstens eine frühe Aufgliederung des Gesamtvorhabens, um handhabbare Projekteinheiten zu schaffen – und zwar unabhängig davon, ob das Projekt agil oder im Wasserfall umgesetzt werden soll. Zweitens erstellt der Projektmanager eine Feinplanung nur für den nächsten überschaubaren Zeitraum. Die Planung wird dann rollierend fortgeführt. Drittens: eine dauerhafte Scope-Kontrolle, um Abweichungen früh berücksichtigen zu können. Scoping bedeutet seiner Ansicht nach nicht, Änderungswünsche oder neue Ideen abzuweisen, sondern ihren Effekt auf das Projekt zu bewerten. Viertens und letztens plädiert er für ein solides, aber einfaches Controlling-Fundament, das die wichtigsten Kennzahlen sammelt und aufbereitet. Damit sollen sich frühzeitig Trends erkennen lassen.

Derartige Ansätze finden sich auch in vielen Beschreibungen des sogenannten „Agilen Projektmanagements“. Systemisches Projektmanagement verwendet allerdings insbesondere die Inhalte der Kybernetik. Vom griechischen Wortstamm kybernetes (=Steuermann) abstammend hat Norbert Wiener die Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Organisationen in die deutsche Sprache übernommen. Und zweifellos handelt es sich bei Projekten um soziale Organisationen. Kein Steuermann auf einem Segelschiff würde bei aufkommendem Sturm streng nach einem Plan weitersegeln. Nein! Bei Sturm (= Störung im Projekt) heißt es, Segel reffen, Kurs neu berechnen und gegen den Wind kreuzen, manchmal den Motor anwerfen und lautstark entsprechende Kommandos an die Crew geben, um dann im sicheren Hafen anzukommen (= Projektziel).

Mit einer Kombination von Methoden des Changemanagements, Six Sigma, Moderationswerkzeugen, der Betrachtung von Kausalitäten, aber auch harten Messverfahren lassen sich die typischen Stolperfallen und Misserfolge in Projekten und Veränderungsvorhaben deutlich vermindern.

Stolperfallen und Leitfragen

Das Modell des „Systemischen Projektmanagements“ berücksichtigt nicht, wie das klassische Projektmanagement, nur zwei Ebenen, sondern ganz besonders intensiv die soziale Ebene, welche die häufigsten Stolperfallen in Projekten aufweist. Dabei gilt es, die Projekte (also die sozialen Systeme) regelmäßig zu analysieren. Diese sechs Faktoren spielen dabei eine ganz wichtige Rolle:

1) die beteiligten Menschen und ihre Eigenschaften
2) die subjektiven Gedanken der Beteiligten
3) die gelebten Regeln
4) Interaktionen mit wiederkehrendem Verhaltensmuster
5) bisherige Entwicklung und bisheriges Umfeld
6) aktuelle Umwelt, Rahmenbedingungen und vorhandene Technik

Außerdem sollte sich die Analyse immer wieder mit den Fragen „Woran liegt es?“ (Ursachen, Fehler, Hintergründe), „Was kann ich tun?“ (Maßnahmen, Verhaltensänderung) und „Was könnten die Auswirkungen meines Handels sein?“ (Antizipieren) auseinandersetzen.

Und last but not least einige Rezepte aus Großmutters Kochbuch – nicht nur für Handelnde in Projekten: „erst denken, dann handeln“, „beschaffe Dir möglichst viele Informationen, bevor Du handelst“, „lerne aus Deinen Fehlern“, „handle nicht aus Ärger oder Wut“, „frage um Rat“.

Kurt-Walter Langer

SÜDWESTBANK AG

Kurt-Walter Langer arbeitete bis Januar 2018 im Bereich Unternehmensentwicklung der SÜDWESTBANK AG als Manager für Projekte und Prozesse.

Lesen Sie auch

German Dream in der Deutschen Bank

Ein Ende zieht auch immer einen neuen Anfang[…]

Christian Grosshardt

Von Säulen, Telefonzellen und Dinosauriern

Bis zum Jahr 2030 soll es in Deutschland[…]

Christian Grosshardt

Inhouse Consulting – der kleine Unterschied

Viele Banken beschäftigen externe Unternehmensberater. In der Commerzbank[…]

Andrea Dreyer

Bänkchen, wechsel dich

Von Banken werden agile Methoden und Transformation gefordert,[…]

Thorsten Hahn

Fehler sind erlaubt – ein Scheitern nicht

Nachbericht zum Fachkongress "Zukunft der Bankorganisation" am 20.[…]

Philipp Scherber

Wie die KfW Bankengruppe die interne Kommunikation auf Dialog ausrichtet

Seit drei Jahren setzt die KfW Bankengruppe auf[…]

Christian Chua

BANK VISIT 2017 – US-Orden für Verdienste im Finanzumfeld

„For the fifth time“ – am 10. August[…]

Markus Müller

Digitale Kollaboration im Social Intranet

Die Sparda-Bank West macht sich fit für die[…]

Heike Szary-Bogdon

Die Prozesslandkarte der BayernLB

Die in der Bankbranche weit verbreitete aufbauorganisatorische Sicht[…]

Sven Trautner

Kommentieren, empfehlen, bloggen – Social Business macht’s möglich

Qualitativ hochwertiger Austausch und schlanke Prozesse sind kein[…]

Alex Bering

Geht es auch ein bisschen schlanker?

Nicht erst seit Big Analytics wissen wir, dass[…]

Barbara Laimer

Die MaRisk sind nicht alles

Vorschriften einzuhalten, ist keine Strategie!

Claudia Meier

Disruption trifft Tradition. Nicht.

Vom 5. Bis 6. April war Berlin Magnet[…]

Thorsten Hahn

„Banken wollen mehr Prozesse auslagern“

68 Prozent der deutschen Banken planen teilweise in[…]

Redaktion
Bank für Gemeinwohl

Geld mit Sinn: Die Bank für Gemeinwohl

Einen Wandel der Finanzlandschaft hin zum ethischen Banking[…]

Frederik Schorr

Banking unter sich wandelnden Wettbewerbsbedingungen

Egal, ob Privat-, Genossenschaftsbank oder Sparkasse – sowohl[…]

Jochen Ramakers

Revolution oder Evolution?

Bitcoin und Kryptowährungen sind eine Revolution des Geldwesens.[…]

Christoph Mann

Kreativität sticht Komplexität

Auf dem Weg zu Corporate Creativity.

Claudia Meier
Deutsche Bank Strategie

Über die Rückkehr zur Strategie

Im Jahr 1870 wurde die Deutsche Bank in[…]

Thorsten Hahn

Prozesskultur für Banken: Organisationen sich selbst verändern lassen

Studien belegen: Prozessmanagement erzeugt Widerstände, viele Mitarbeiter bekommen[…]

Florian Hutter

„Weichen neu gestellt“ – GLS Bank zieht positive Bilanz

Wesentliche Entwicklungsschritte verzeichnete die GLS Bank für das[…]

Christian Grosshardt

Die Großprojekte kommen

Banken dürfen sich nicht verstolpern.

Claudia Meier

Erfolgreiche Digitalisierung erfordert neue Prozessmanagement-Ansätze

Meist wird das Thema Geschäftsprozessmanagement vor allem mit[…]

Thomas Allweyer

Mit Multi-Projektmanagement Risiken minimieren

In vielen Branchen ist es State-of-the-art, in anderen[…]

Norman Frischmuth

Studie: Banken wünschen sich mehr Veränderungskompetenz

Vom Schlagwort zum Programm: 62 Prozent der Fach-[…]

Ralf Heydebreck

Brexit: Großbanken wollen Mitarbeiter aus London abziehen

Die Brexit-Pläne der britischen Regierung könnten Großbanken mit[…]

Daniel Fernandez

„Investmentprozess à la nextgen“

Rund 3.100 Privatstiftungen in Österreich verfügen über ein[…]

Manfred Wieland

Digitale Verantwortung

Das digitale Universum wird die Verantwortung nicht übernehmen.[…]

Thorsten Hahn

Großprojekte: „Ohne sauberes Prozessmodell sind Sie aufgeschmissen“

Deutsche Geldhäuser blicken pessimistisch in die Zukunft: Neun[…]

Christian Grosshardt

„Bankgeschäfte machen sicher weniger Spaß als Pokémon Go“

Das Fintech N26 hat jetzt eine Banklizenz. O2[…]

Christian Grosshardt

Holacracy

Ein revolutionäres Management-System für eine volatile Welt

Anna Stötzer

Auf das Kerngeschäft besinnen

Bankorganisatoren schaffen dafür die nötige Prozesslandschaft.

Claudia Meier

Management by trial and error

Jeder fünfte Arbeitsplatz soll bei der Commerzbank wegfallen.[…]

Thorsten Hahn

Hersteller treiben Integration der Banken-Software voran

Zwei Trends bestimmen das aktuelle Marktumfeld für BPM-Software:[…]

Nick Führer

Drum prüfe, wer sich ewig bindet…

Vor Jahrhunderten konnten sich die Mächtigen noch Pyramiden[…]

Thorsten Hahn

„Wir müssen weg vom Wildwuchs der Systeme“

In den kommenden drei Jahren steigt die Bedeutung[…]

Philipp Scherber

BPM-Software richtig einsetzen

Bankorganisatoren, die Prozesse leben, brauchen nur ein gutes[…]

Claudia Meier

High Noon in Düsseldorf

Die Gewinne in die Rücklagen fließen lassen oder[…]

Thorsten Hahn

Jammern auf hohem Niveau

Oder sind die aktuellen Bank-Quartalszahlen ein alarmierendes Signal?

Thorsten Hahn

Eingriff ins IT-Räderwerk

Die MaRisk erfordert ein zentrales Auslagerungsmanagement.

Claudia Meier

IT-Outsourcing: „MaRisk stellt bewährte Rahmenverträge auf die Probe“

Kaum eine Bank stemmt IT- und Anwendungssysteme heute[…]

Philipp Scherber

Mnemotechnik für die Bankorganisation

Prozesse zu visualisieren ist wie Lernen – kinderleicht[…]

Claudia Meier

Prozessorientierte Bankorganisation: „Das schulden wir den Mitarbeitern“

Immer mehr Banken stellen das Anweisungswesen prozessorientiert um.[…]

Philipp Scherber

Information Design: Mehr Transparenz durch Prozessvisualisierung

Viele Unternehmen investieren zunehmend Zeit und Mühe darin,[…]

Gabriele Hauptmann

Problemfusion

Zunächst sah es so aus, als verlaufe die[…]

Thorsten Hahn

Milliarden zufällig entdeckt

Gibt es eine Korrelation zwischen Gehaltshöhe und Bilanzlegasthenie?

Thorsten Hahn

Martin Zielke

Die Commerzbank ist in den letzten Monaten immer[…]

Philipp Scherber

Prozesse als unternehmerisches Kulturgut

Prozessverständnis und Führungskompetenz liegen eng beieinander.

Claudia Meier

Prozessmanagement: „Unternehmen brauchen die richtige Kultur“

Der Name comdirect steht für Innovation. Das Unternehmen[…]

Philipp Scherber