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Handelsbilanzüberschüsse als kulturelles Phänomen

Klarer kann es ein US-Präsident kaum ausdrücken: Trump gefallen die Handelsbilanzüberschüsse anderer Länder mit den USA nicht. Er möchte verloren gegangene Arbeitsplätze zurück nach Amerika holen. Der neue amerikanische Protektionismus hilft der Weltwirtschaft zwar kaum, aber die deutsche Obsession, Handelsbilanzüberschüsse zu erwirtschaften, auch nicht. Die deutschen Überschüsse werden immer stärker kreditfinanziert – ein Kriterium, mit dem sonst häufig Finanzmarktblasen identifiziert werden.

Von Karsten Junius - 28. April 2017

Die nächsten Treffen von Angela Merkel und Donald Trump sowie die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen der beiden Staaten können mit Spannung erwartet werden. Zuletzt deutete sich bereits an, dass der amerikanische Präsident eine härtere Gangart mit seinen Handelspartnern einschlägt. Bildnachweis: The White House

Finanzmarktübertreibungen sind etwas, dem gegenüber deutsche Haushalte instinktiv wohl genauso abgeneigt sind wie Staatsdefiziten oder kreditfinanziertem Konsum. In nur wenigen Ländern dürfte es daher so populär sein wie in Deutschland, wenn der Finanzminister ankündigt, trotz hoher Einnahmen weder die Ausgaben deutlich zu erhöhen, noch die Steuern zu senken. Es mag gute ökonomische Gründe für eine „schwarze Null“ im Staatshaushalt und gegen kreditfinanzierten Konsum oder Wertpapierkäufe geben. In Deutschland kommen aber immer auch noch moralische oder kulturelle dazu. Überschüsse sind gut, Defizite sind schlecht. Dies ist bereits sprachlich in kleinen Unterschieden so angelegt: Schuld und Schulden sind sich deutlich ähnlicher als das englische „guilt“ und „debt“; oder das „trespass“, das im Englischen Vaterunser verwendet wird, wo im Deutschen schwergewichtig von Schuld und Schuldigern, im Französischen und Spanischen von „offenses“ bzw. „ofensas“ und im Italienischen wieder nahe der lateinischen Grundform von „debiti“ und „debitori“ gesprochen wird.

Die „faktische Kraft des Normativen“

Entsprechend ist in Deutschland „Sparen“ positiv belegt und zwar im normativen Sinne. Sparen ist mehr als eine volkswirtschaftliche Größe oder die Differenz von Einnahmen und Ausgaben. Es signalisiert Konsumverzicht und ist eine Tugend. Entsprechend muss es – wenn nicht vom Staat sogar gefördert – dann doch vom Markt wenigstens entlohnt werden. Die von der EZB eingeführten negativen Einlagezinsen widersprechen daher allen deutschen Gerechtigkeitsinstinkten. Dass sie schnell mit dem normativen Begriff „Strafzinsen“ gebrandmarkt wurden, ist nicht verwunderlich. Populisten nutzen dies gerne in ihrer System- und EZB-Kritik aus. Auch wenn ihnen eigentlich klar sein sollte, dass eine Zentralbank weder bestraft noch belohnt. Sie versucht leidglich, mit ihren Leitzinsen die Wirtschaft zu lenken. So senkt sie ihre Zinsen, wenn sie Investitionen und privaten Verbrauch ankurbeln möchte. Sie erhöht ihre Zinsen, wenn sie Inflationsgefahren sieht und zum Sparen anregen möchte.

Aktuell ist dies ganz klar nicht der Fall, denn gespart wird in Deutschland schon genug. Nicht dass Sparen schlecht ist. Aber wir haben in Deutschland nun mal ein höheres Angebot an Ersparnissen, als Investoren benötigen – ungefähr 250 Milliarden Euro beträgt unser jährlicher Sparüberschuss – das sind rund 8,5 Prozent des Volkseinkommens und damit mehr als doppelt so hoch wie in China. Es ist wahrscheinlich auch kein Wunder, dass es für den deutschen Begriff „Angstsparen“ in keiner anderen westlichen Sprache ein vernünftiges Äquivalent gibt. Mit dem hohen Sparvolumen bleiben entsprechend privater Verbrauch, Importe, Lohn- und Inflationsentwicklung unter den wünschenswerten Niveaus.

Die deutsche „Tugend der Sparsamkeit“

Genauso unverständlich erscheint vielen Deutschen die Kritik an ihrem Handelsbilanzüberschuss. Der Titel Exportweltmeister wird schließlich mit Stolz getragen. Dabei ist dieser Überschuss rein volkswirtschaftlich gesehen lediglich die Differenz von Sparen und Investitionen. Gefühlt ist er jedoch viel mehr, nämlich das Signal, international wettbewerbsfähig zu sein – ohne exzessiven Lohnentwicklungen oder dem Müßiggang zu frönen. Mehr kann da eigentlich nicht schaden. Schließlich ist Deutschland eine alternde Gesellschaft, die irgendwann auf ihre Ersparnisse zurückgreifen möchte.

Inzwischen beträgt das deutsche Auslandsvermögen über acht Billionen Euro – das ist rund das 2,5-fache des Bruttoinlandsprodukts. Und hier liegt die Schwierigkeit. Auslandsvermögen helfen nur bei der Bewältigung der demographischen Lasten, wenn sie sich wieder liquidieren lassen. Dazu müssten ausländische Schuldner aber einmal Exportüberschüsse erwirtschaften. Wie schwierig dies ist, musste Deutschland im Falle Griechenlands erfahren. Ohne flexiblen Wechselkurs zu den Haupthandelspartnern und Kreditnehmern wie die ähnlich sparsame Schweiz ist Deutschland darauf angewiesen, dass seine internationalen Gläubiger selbst zur „Tugend der Sparsamkeit“ finden. Tun sie dies nicht, gibt es innerhalb einer Währungsunion keine marktwirtschaftlichen oder wirksamen institutionellen Mittel, sie dazu zu zwingen. Im Zweifelsfall drohen Überschuldung und Zahlungsausfall.

Anstieg der TARGET2-Guthaben

Derzeit führt der deutsche Leistungsbilanzüberschuss von rund acht Prozent des BIP zu Kapitalexporten in ähnlicher Höhe. Die Erfolge der Exportwirtschaft sind ohne diese deutschen Kredite an das Ausland nicht denkbar oder nachhaltig. Vor der Finanzkrise war dies kein Problem, da private Kapitalströme die Leistungsbilanzdefizite des europäischen Auslandes mit Deutschland finanziert haben. Eine geringere Risikoneigung hat seitdem aber dazu geführt, dass deutsche Sparer ihr Geld lieber im Inland anlegen. Ein immer größerer Anteil der Kapitalexporte wird daher über die Zentralbanken verrechnet – also den öffentlichen Sektor. Diese sogenannten Target2-Guthaben steigen in Deutschland entsprechend an, die Verbindlichkeiten anderer Länder ebenso. Aber finanziert Deutschland über diese öffentlichen Finanzierungsströme an das Ausland indirekt nicht eine Blase der eigenen Exportwirtschaft und exzessive Entwicklungen, die es kulturell selbst stark ablehnt?

Amerikas verschärfte Gangart gegenüber seinen Handelspartnern

Das erste Treffen von Trump und Merkel war nicht von übermäßiger Harmonie geprägt. Seit dem Scheitern der Gesundheitsreform scheint Donald Trump nun bei der Handelsbilanz punkten zu wollen und seine Administration auf eine härtere Gangart gegenüber den Handelspartnern einzuschwören. Die weiteren deutsch-amerikanischen Treffen dürften daher spannend werden. Für die Diskussionen der beiden Handelspartner würde es hilfreich sein, die kulturellen Eigenheiten des Anderen zu kennen – genauso wie die eigenen.

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