Tariq Fancy: „ESG täuscht die Öffentlichkeit, dass wir weitermachen können wie bisher“

Vom Chef für nachhaltiges Investieren bei BlackRock zum Kritiker der grünen Geldanlagen – für Tariq Fancy sind ESG-Investments keine Planetenretter, sondern kaum mehr als „eine bequeme Fantasie”. Im BANKINGNEWS-Interview spricht er über die Zukunft des nachhaltigen Investierens, Greenwashing und die Bedeutung von Bildung für den Kampf gegen den Klimawandel.


„ESG täuscht die Öffentlichkeit, dass wir weitermachen können wie bisher“

BANKINGNEWS: Herr Fancy, bis 2019 waren Sie Chef für nachhaltiges Investieren bei BlackRock, heute treten Sie als einer der größten Kritiker dieses Bereichs auf. Was hat Sie zu diesem Umschwung bewogen?
Tariq Fancy: Nachhaltiges Investieren, wie es heute praktiziert wird, ist nicht nur nicht hilfreich, sondern oft sogar schädlich. Denn es täuscht die Öffentlichkeit mit einer verlockenden Lösung, die es uns ermöglicht, so weiterzumachen wie bisher. Dabei hat die Gesellschaft zahlreiche dringende Probleme zu bewältigen. Und obwohl die ESG-Kriterien gut gemeint waren, sind sie in der Praxis eher PR- oder Marketing-Innovationen als substanzielle Veränderungen.

Sie haben ESG in der Vergangenheit sogar als „gefährliches Placebo“ bezeichnet. Was ist so gefährlich daran?
Die Menge an ESG-Vermögenswerten, -Begriffen und -Rahmenwerken ist in den letzten zehn Jahren stark gewachsen. Gleiches gilt aber auch für die Emissionen und Ungleichheiten, denen ESG eigentlich entgegenwirken soll. Wenn man sich mit den finanziellen Mechanismen beschäftigt, stellt man fest, dass sich unter der Oberfläche wenig verändert hat. Ich vergleiche das gerne mit der Verabreichung von Weizengrassaft an einen Krebspatienten: Der Saft wird gut vermarktet und ist „grün”, aber kein Mediziner glaubt ernsthaft, dass er tatsächlich den Krebs aufhalten kann. Nach meiner Zeit bei BlackRock habe ich mit der Toronto Metropolitan University an einer Studie gearbeitet, aus der hervorgeht, dass der Hype und das Marketing rund um die ESG-Branche die Menschen davon überzeugt, dass wir keine Regulierung brauchen. Es ist eine „bequeme Fantasie“, an etwas zu glauben, das im Kern nur eine weitere fragwürdige These über die „Selbstkorrektur der freien Märkte“ ist und durch die wir am Ende wertvolle Zeit vergeuden.

Haben Sie diese Probleme während Ihrer Zeit bei BlackRock intern angesprochen?
Ich habe meine Zweifel vertraulich mit einigen Kollegen besprochen, bevor ich das Unternehmen verließ. Es machte allerdings keinen Sinn, dieses Argument intern vorzubringen. Zunächst einmal ist das System wie bei allen Vermögensverwaltern auf die Gewinn- und Verlustrechnung ausgerichtet, nicht auf die Wirkung. Das ist aber kein Vorwurf gegen die Branche, sondern vielmehr die brutale Ehrlichkeit, die wir brauchen, um in diesen wichtigen sozialen Fragen Fortschritte zu erzielen. Zweitens, und das ist noch wichtiger, haben sich meine Ansichten nach meinem Ausscheiden auch weiterentwickelt.

Was raten Sie Investoren, die einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten möchten?
Wer langfristig und privat investiert, kann viel tun, um den Betrieb umweltfreundlicher zu gestalten und sich auf neue Regulierungen vorzubereiten. Investoren an den öffentlichen Märkten hingegen können wenig tun, abgesehen vom Engagement – womit ich jetzt keine „Gespräche“ mit dem Management meine. Vielmehr rate ich zu einer aggressiveren Haltung. Nur so können diejenigen, die unterdurchschnittlich abschneiden, in die richtige Richtung gedrängt werden. Das Kapital gehört letztlich den Eigentümern der Vermögenswerte und der Öffentlichkeit. Daher ist es wichtig, dass das Engagement auf der Grundlage erfolgt, dass diese Eigentümer eine langfristige Perspektive haben und die systemischen Risiken tragen werden. Das gibt ihnen im Rahmen der Verpflichtung zur treuhänderischen Verantwortung die Möglichkeit, auf substanzielle Änderungen zu drängen.

Die DWS stand erst kürzlich unter massiven Vorwürfen im Zusammenhang mit Greenwashing, die bis in die Führungsspitze reichten. Wie verbreitet ist dieses Problem Ihrer Einschätzung nach in der Finanzbranche und wie kann es effektiver verhindert werden?
Schwer zu sagen, denn im ESG-Bereich gibt es wenige klare Definitionen. Die Probleme der DWS ergaben sich aus ihren ESG-Integrationspraktiken. Das ist ein Bestreben, das aufgrund der rechtlichen Beschränkungen, die durch treuhänderische Pflichten auferlegt werden, per definitionem unverbindlich ist. Man kann nicht versprechen, immer auf ESG zu achten und gute Unternehmen zu unterstützen. In vielen Fällen könnte dies gegen die strenge rechtliche Verpflichtung verstoßen, sich in erster Linie auf Gewinne zu konzentrieren. Was bei der DWS passiert ist, könnte in der Branche weit verbreitet sein. Es hängt aber alles davon ab, wie die ESG-Integration definiert wird. „Bessere Greenwashing-Unternehmen” werden vermutlich erkennen, wie sie dieses Ergebnis vermeiden können: indem sie interne Tests einführen, von denen sie wissen, dass sie sie auch bestehen können.

Die Finanzbranche ist nichtsdestotrotz ein wichtiger Hebel im Kampf gegen den Klimawandel. Was muss getan werden, damit sie effektiver dazu eingesetzt werden kann?
Zweifellos wird der Privatsektor den größten Teil der Innovations- und Skalierungsarbeit leisten müssen, die es in den nächsten Jahrzehnten brauchen wird. Die Finanzmärkte werden dabei im Mittelpunkt stehen. Die Schlüsselfrage ist: Soll es auf freiwilliger Basis oder durch gesetzliche Verpflichtung geschehen? Als Investor, der versucht hat, ESG in den weltweit größten Pool von Vermögenswerten zu integrieren, kann ich getrost sagen: Es wäre albern, dies der freiwilligen Einhaltung zu überlassen. Der heutige Kapitalismus berücksichtigt viele negative Effekte auf die Umwelt nicht und hat eine kurzfristigere Perspektive als frühere Epochen. Folglich sind die Anreize in der Industrie heute völlig falsch ausgerichtet für das, was wir von diesem System in Bezug auf „Net Zero“ und Klimaschutz fordern. Dies erfordert teure Regulierungen und wahrscheinlich in naher Zukunft auch Opfer in Bezug auf den Lebensstil. Nichtsdestotrotz wird uns das aber auf lange Sicht zugutekommen. Genau hier hat der Staat die entscheidende Rolle, die Kluft zwischen kurzfristigen privaten Interessen und dem langfristigen öffentlichen Interesse zu überbrücken.

Wie beurteilen Sie in diesem Kontext die Effektivität der EU-Taxonomie?
Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, wie hilfreich sie ist. Sie hilft, offenes Greenwashing zu verhindern, weil sie zumindest einige klare Kriterien dafür liefert, wie man ein Produkt als nachhaltig vermarkten kann. Leider gibt es aber keinen Grund zu glauben, dass die Neueinteilung bestehender Investitionsströme in mehr oder weniger tugendhafte Kategorien die notwendigen Veränderungen bringen. Letztlich geht es im Finanzwesen um Gewinne – und so wie Profisportler nur punkten wollen, streben auch die besten Anleger nur nach Rendite und Gewinn. Wir müssen erkennen, dass Aktivitäten, die legal und profitabel sind, fast immer eine Finanzierung finden und weitergeführt werden, selbst wenn „gute Leute“ freiwillig beschließen, nicht mitzumachen. Das ist kein Fehler im System, sondern ein Feature. Es ist die Art und Weise, wie ein Marktsystem funktionieren soll. Darum wird es umso wichtiger sein, unerwünschte Aktivitäten weniger profitabel zu machen, etwa durch eine CO2-Steuer. Dann werden wir schnell beobachten, wie das Marktsystem reagiert – indem es weniger Kapital für eine Aktivität bereitstellt, die jetzt weniger profitabel ist.

Noch vor Ihrer Zeit bei BlackRock haben Sie die Rumie-Initiative gegründet. Wie kam es dazu und was sind die Ziele des Non-Profit-Unternehmens?
Ich habe Rumie 2013 gegründet, um mithilfe von Technologie das Lernen einfacher zu machen. Es soll einfach, unterhaltsam und für jeden mit einem Mobiltelefon zugänglich sein. Das ist ein Ziel, das mir schon immer wichtig war. Heute haben weltweit 6,5 Milliarden Menschen ein Smartphone. Und dank dieser Infrastruktur konnten wir Kindern weltweit kostenloses Lernen ermöglichen. Die meisten Pädagogen konzentrieren sich darauf, was die Schüler brauchen, also auf die Qualität des Lernens. Da sich die Dinge aber immer mehr ins Internet verlagert haben, arbeiten die Lernenden zunehmend selbständig an einem Gerät. Pädagogen müssen plötzlich mit Mark Zuckerberg, Tiktok-Benachrichtigungen und den ausgefeiltesten Algorithmen der Tech-Unternehmen konkurrieren. Wir haben diese Erkenntnis aufgegriffen und kombinieren Mikrolernen mit Elementen aus den sozialen Medien wie animierten GIFs und Memes. Die Zahl unserer Nutzer wächst nun exponentiell und zeigt nicht nur verbesserte Lernergebnisse, sondern scheint auch die Zeit in den sozialen Medien für die unter 29-Jährigen zu ersetzen.

Wie beurteilen Sie die Rolle von Bildung für Nachhaltigkeit und Klimaschutz?
Sie ist absolut entscheidend. Wir ertrinken aktuell in Fehlinformationen darüber, wie wir die Klimakrise angehen sollen. Sei es, dass jemand einen „kohlenstoffarmen börsengehandelten Fonds“ anpreist, der in der Realität keinerlei Auswirkungen hat, oder dass uns die Ölkonzerne sagen, wir sollten uns auf unseren persönlichen CO2-Fußabdruck konzentrieren statt auf ihre Geschäftsaktivitäten. Aus der COVID-19-Pandemie, einer systemischen Krise, bei der Experten aus der Wissenschaft uns rieten, die Infektionskurve schnell abzuflachen, wissen wir, dass es entscheidend ist, Fehlinformationen sofort zu durchbrechen, um der Öffentlichkeit Klarheit zu verschaffen: Masken und Impfstoffe ja, Entwurmungsmittel für Pferde und Bleichmittel nein. In ähnlicher Weise weiß die Finanzbranche, wie dieses System wirklich funktioniert, und sie muss lautstark darauf hinweisen, dass hier Klarheit in Bezug auf die Abflachung einer anderen systemischen Kurve dringend erforderlich ist, nämlich der von Emissionen. CO2-Steuer und Emissionsgrenzwerte für Kraftfahrzeuge sind hier sinnvoll, unverbindliche ESG-Marketingmaterialien und freiwillige Net-Zero-Versprechen auf Jahrzehnte hinaus eher nicht.

Interview: Daniel Fernandez

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