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An der Schwelle zu neuen Geldformen

S√∂ren Hettler und Claus George von der DZ BANK AG stellen den Digitalen Euro der Europ√§ischen Zentralbank dem tokenisierten Giralgeld der Gesch√§ftsbanken gegen√ľber und sprechen √ľber Geld im digitalen Zeitalter.


Euro An der Schwelle zu neuen Geldformen

Der EZB-Rat, das oberste Beschlussorgan der Europ√§ischen Zentralbank, hat Mitte Juli 2021 das Projekt ‚ÄěDigitaler Euro‚Äú offiziell ins Leben gerufen. √úberraschend kam diese Entscheidung nicht. Klar ist, dass hinter dem Beschluss mehr steckt als der Wunsch, ein prestigetr√§chtiges Vorhaben voranzutreiben. Vielmehr ist der Digitale Euro eine Reaktion auf ver√§nderte Rahmenbedingungen, denen sich selbst die bedeutendsten Zentralbanken der Welt nicht verschlie√üen k√∂nnen.

Neue Erkenntnisse ändern den Blickwinkel

Es ist nicht lange her, da waren sich die hiesigen W√§hrungsh√ľter mehrheitlich einig: Eine Erg√§nzung des bestehenden Systems aus Bargeld der Zentralbanken und Giralgeld der Gesch√§ftsbanken sei auf absehbare Zeit nicht notwendig. Doch d√ľrften vor allem zwei Erkenntnisse zu einem Sinneswandel zugunsten einer digitalen Zentralbankw√§hrung beigetragen haben. Zum einen zeigt sich in vielen L√§ndern, dass Bargeld als Zahlungsmittel an Bedeutung verloren hat ‚Äď und weiter verlieren wird. Denn das analoge Zentralbankgeld ist in Zeiten von kontaktlosem Bezahlen und E-Commerce in puncto Komfort nicht mehr wettbewerbsf√§hig.

Zum anderen hat sp√§testens die Pr√§sentation des Libra-Projekts 2019 den geldpolitisch Verantwortlichen eindrucksvoll vor Augen gef√ľhrt, dass ihre Hoheit √ľber den eigenen W√§hrungsraum nicht (mehr) in Stein gemei√üelt ist. Dabei d√ľrfte den Mitgliedern des EZB-Rats egal sein, ob die Konkurrenz aus privatem Geld besteht, das von einem global agierenden Konsortium um einen Tech-Giganten emittiert wird, oder auf eine ausl√§ndische digitale Zentralbankw√§hrung zur√ľckzuf√ľhren ist.

F√ľr Vertreter der Zentralbanken steht langfristig nicht weniger als die eigene Daseinsberechtigung auf dem Spiel. Entsprechend weit gefasst sind die Ziele, die von der EZB f√ľr den Digitalen Euro aufgestellt und kommuniziert wurden. Das digitale Zentralbankgeld soll ein im gesamten Euroraum akzeptiertes, kostenlos einsetzbares Zahlungsmittel und ein Bollwerk zur Wahrung der Geld- und W√§hrungssouver√§nit√§t werden. Durch die neue Geldform sollen au√üerdem Innovationen gef√∂rdert werden und gleichzeitig das zweistufige Bankensystem erhalten bleiben. Fraglich ist jedoch, ob es gelingen kann, diese Ziele mit einer einzigen neuen Geldform zu erreichen.

Bislang jedenfalls ist keine Variante einer digitalen Zentralbankw√§hrung bekannt, die alle Ziele gleichzeitig erf√ľllen kann. So d√ľrfte eine Geldform, die sich vorrangig am Bargeld orientiert, also anonym sowie ohne Internetzugang direkt √ľbertragen werden kann, kaum Grundlage f√ľr bahnbrechende Innovationen sein. Letzteres k√∂nnte ein auf der Distributed-Ledger-Technologie basierender Digitaler Euro mit umfassenden Funktionen zwar erreichen. L√§ngerfristig w√ľrde ein so konzipiertes, risikoloses Zentralbankgeld aber wahrscheinlich das Giralgeld der Gesch√§ftsbanken verdr√§ngen. Das w√ľrde das Ende des zweistufigen Bankensystems im Euroraum bedeuten.

L√∂sen lie√üe sich dieses Dilemma am einfachsten, indem die Gleichung um die Gesch√§ftsbanken und ihre Kernkompetenzen erweitert w√ľrde. Entlang bestehender Zust√§ndigkeiten k√∂nnte der Digitale Euro der EZB so konzipiert werden, dass er das analog verf√ľgbare Zentralbankgeld mit seinen Aufgaben und Funktionen fit f√ľr das digitale Zeitalter macht. Im Zentrum muss stehen, den Zugang zu einem allgemein akzeptierten Zahlungsmittel bereitzustellen, das f√ľr jeden B√ľrger einfach sowie komfortabel einsetzbar ist.

Der Erhalt der Wettbewerbsf√§higkeit des Euroraums ist bei dieser Herangehensweise ebenso Aufgabe der Gesch√§ftsbanken wie die Schaffung von Finanzinnovationen. Dem privaten Finanzsektor muss es gelingen, das Giralgeld weiterzuentwickeln und damit die sich √§ndernden Bed√ľrfnisse seiner Kunden zu bedienen. Vor allem gilt es, den Euro auf die Blockchain zu bringen, um das Potenzial der Distributed-Ledger-Technologie aussch√∂pfen zu k√∂nnen. Durch diese Aufgabenverteilung auf Zentral- und Gesch√§ftsbanken d√ľrfte auch den anderen von der EZB aufgestellten Zielen am besten entsprochen werden.

Weckruf f√ľr europ√§ischen Gesch√§ftsbanken

Das Projekt Digitaler Euro auf die Einf√ľhrung eines ‚ÄěBargeld 2.0‚Äú zu reduzieren, greift dennoch zu kurz. Es ist vielmehr ein Weckruf f√ľr die europ√§ischen Gesch√§ftsbanken. Deren Entscheidungsverantwortliche haben sich in den vergangenen Jahr(zehnt)en zu sehr auf nationale Belange und zu wenig auf gesamteurop√§ische L√∂sungen fokussiert. Zwar d√ľrfte das Eurosystem kein Interesse daran haben, die Gesch√§ftsbanken mit ihrem Giralgeld zu verdr√§ngen und die mit der Kreditvergabe einhergehenden Risiken zu √ľbernehmen.

Doch die Verantwortlichen haben klargestellt, dass sie vorbereitet sind. Sollten hiesige Gesch√§ftsbanken nicht in der Lage sein, ihren Beitrag zur Sicherstellung der Vorherrschaft des Euros in den Grenzen der Europ√§ischen W√§hrungsunion (EWU) zu leisten, und ausl√§ndische Akteure mit ihren L√∂sungen der Gemeinschaftsw√§hrung Konkurrenz machen, w√ľrden sich die EZB und die nationalen Zentralbanken gezwungen sehen, das Zepter selbst in die Hand zu nehmen ‚Äď trotz aller damit einhergehenden Risiken f√ľr sich und das zweistufige Bankensystem.

Diese Interpretation ist nicht nur naheliegend, weil aus Sicht der Zentralbanken langfristig die eigene Existenz auf dem Spiel steht. Im Juli 2021 hat das Eurosystem Ergebnisse zu Testl√§ufen f√ľr die technische Basis des Digitalen Euro ver√∂ffentlicht. Damit wurde demonstriert, dass in den Reihen der W√§hrungsh√ľter die F√§higkeiten vorhanden sind und die n√∂tige Infrastruktur aufgelegt werden kann, um die digitale Zentralbankw√§hrung je nach Bedarf auszugestalten.

Auf das Zusammenspiel kommt es an

Nicht ins Leben gerufen wurde das Projekt hingegen, um staatlichem Zugriff auf Finanztransaktionen und vorhandene Geldbest√§nde T√ľr und Tor zu √∂ffnen. Ebenso wenig, um den Leitzins weiter abzusenken, wie mancherorts zu lesen ist. Zum einen sind es die B√ľrger, die dem Bargeld als Zahlungsmittel den R√ľcken kehren und damit neben der ausl√§ndischen Konkurrenz Druck auf die W√§hrungsh√ľter aus√ľben. Zum anderen muss Zentralbankvertreter klar sein, dass ein Vertrauensverlust in das digitale Zentralbankgeld aufseiten der Bev√∂lkerung unmittelbar auf andere Euro-denominierte Geldformen √ľbergreifen w√ľrde.

Die Reputation des Euros als W√§hrung, die Glaubw√ľrdigkeit der Zentralbank und die Wirksamkeit der Geldpolitik w√ľrden massiv belastet. Das Eurosystem hat gro√ües Interesse daran, dass der Digitale Euro ein Erfolg wird. Noch nicht g√§nzlich gekl√§rt ist hingegen, woran dieser Erfolg gemessen wird. Die von der EZB ausgegebenen Ziele k√∂nnen dabei lediglich als Orientierung dienen. In jedem Fall muss das Ergebnis ein Zusammenspiel aus Digitalem Euro und tokenisiertem Giralgeld sein. Die digitale Zentralbankw√§hrung in der EWU soll in f√ľnf Jahren an den Start gehen. Das Eurosystem hat im Idealfall dann alles richtig gemacht, wenn die ausgegebenen Ziele ‚Äědurch das Projekt‚Äú und nicht alleine ‚Äěmit der neuen Geldform‚Äú erreicht werden.

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