Das Thema Gender ist oben auf der Agenda: Sowohl international als auch in Deutschland wird viel fรผr die Gleichberechtigung von Frauen und Mรคnnern getan. 1985 wurde zum Beispiel das รbereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau von der Bundesregierung anerkannt. Es wird international unter dem Kรผrzel CEDAW fรผr Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women gefรผhrt.
Mit der Unterzeichnung sprach sich die Regierung รถffentlich gegen Diskriminierung in allen Lebensbereichen aus โ also auch beim Gehalt. Ebenso verpflichtete sie sich damit zu einer Vielzahl von Maรnahmen, die rechtliche und die tatsรคchliche Gleichstellung von Frauen umzusetzen.
Auch von der Europรคischen Union wurden verschiedene Gleichstellungsmaรnahmen und Richtlinien durchgesetzt. Mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) erhielten sie Einzug ins deutsche Recht. Das AGG soll Benachteiligungen aller Art verhindern. Ebenso wurde die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ins Leben gerufen, um die Realisierung des Gleichbehandlungsgesetzes sicherzustellen. Auรerdem setzen sich verschiedene Frauennetzwerke fรผr die Wertschรคtzung des weiblichen Teils der Gesellschaft ein.
Global Gender Gap Report: Es gibt noch viel zu tun
Also eigentlich halb so schlimm, oder? Doch greifen noch lรคngst nicht alle Schritte auch in der Praxis. Ersichtlich wird das im โGlobal Gender Gap Reportโ (GGGR), den das Davoser Weltwirtschaftsforum seit 2006 verรถffentlicht. Ziel des Reports ist es, die Vielzahl an geschlechtsspezifischen Ungleichheiten festzuhalten und ihre Entwicklung zu verfolgen.
Deutlich werden die Unterschiede im Global Gender Gap Index. Er misst das Ausmaร der geschlechtsbedingten Lรผcken anhand von vier zentralen Dimensionen: Economic Participation and Opportunity, Educational Attainment, Health and Survival sowie Political Empowerment. Fรผr jedes Land wird ein Wert von 0 bis 1 ermittelt, wobei 0 vollkommene Ungleichheit und 1 vollkommene Gleichheit zwischen den Geschlechtern bedeutet.
Im GGGR 2020 wurden รผber 150 Lรคnder bewertet. Der Bericht offenbart die ernรผchternde Realitรคt: โProjecting current trends into the future, the overall global gender gap will close in 99.5 years, on average, across the 107 countries covered continuously since the first edition of the report.โ Also kรถnnen wir in erst in 100 Jahren von Gleichberechtigung auf der Welt sprechen โ vorausgesetzt die Entwicklung bleibt stabil.
Doch es gibt auch gute Nachrichten. Seit 2006 ist die Lรผcke stetig kleiner geworden und Westeuropa verzeichnet im kontinentalen Vergleich die besten Werte. Hier wรผrde es โnurโ 54 Jahre dauern. Deutschland liegt mit einem Wert von 0.787 auf Rang 10. Spitzenreiter ist zum elften Mal in Folge Island.
Insgesamt gilt es weltweit einen durchschnittlichen Gender Gap von gut 30 Prozent zu schlieรen. Es gibt also noch viel zu tun. So betont Klaus Schwab, Grรผnder des Weltwirtschaftsforums, die wachsende Dringlichkeit zum Handeln.
Gleichstellung in allen Bereichen? Der Gender Pay Gap
Groรer Handlungsbedarf besteht nach wie vor in puncto Gehalt. Die Differenz bei den Einkommen von Mรคnnern und Frauen gibt der Gender Pay Gap beziehungsweise die Entgeltlรผcke an. Dieser Gap definiert laut Europรคischer Kommission die relative Differenz in den Durchschnittsgehรคltern von Frauen und Mรคnnern.
Unterschieden wird zwischen bereinigtem und unbereinigtem Gender Pay Gap. Um den unbereinigten Gender Pay Gap zu ermitteln, mรผssen die absoluten Bruttostundenverdienste ins Verhรคltnis zueinander gesetzt werden. Hier werden bewusst die ursรคchlichen Faktoren fรผr den Gender Pay Gap auรer Acht gelassen. Die Bruttostundenverdienste aller Beschรคftigten einer Gruppe, etwa innerhalb einer Branche, werden festgestellt und daraus mit einer festgelegten Formel der Gender Pay Gap errechnet.
Im Gegensatz dazu werden im bereinigten Gender Pay Gap, der ebenfalls auf Basis der vierjรคhrlichen Verdienststrukturerhebung erhoben wird, alle Faktoren des Gehaltsunterschieds herausgerechnet, die durch strukturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtergruppen erklรคrbar sind. Dazu zรคhlen Abweichungen beim Beruf, der beruflichen Vorerfahrung, dem Arbeitsumfang, dem Bildungsniveau oder der Quote von Frauen in Fรผhrungspositionen.
โDer Gender Pay Gap liegt in Deutschland bei 21 Prozent, der Rentenunterschied liegt in Folge davon bei 53 Prozent. Das ist inakzeptabel und muss geรคndert werden. Frauen haben mehr verdientโ, betont ein Sprecher des Bundesministeriums fรผr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Und weiter: โUm mehr Gleichberechtigung zu erreichen, brauchen wir einen umfassenden Wandel in der Gesellschaft, darum setzen wir auf allen Ebenen an. Das beginnt bei der klischeefreien Berufswahl und geht bis zur Besetzung von Fรผhrungspositionen in der Wirtschaft.โ
Die Finanzbranche โ Eine Mรคnnerdomรคne?
Es gibt zum Teil groรe Unterschiede im regionalen oder im branchenspezifischen Vergleich. Bei den Bundeslรคndern schneiden Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit 16,6 beziehungsweise 16,4 Prozent beim Gender Pay Gap am besten ab. Dies geht aus dem Gehaltsatlas 2019 von gehalt.de hervor. Eine Branche, die in verschiedenen Gehaltsstudien nicht gut wegkommt, ist die Finanzbranche โ und das obwohl hier die Gehรคlter hoch sind.
Laut Xing-Gehaltsstudie 2019 verdienen Frauen im Bereich โFinanzen, Rechnungswesen und Controllingโ rund 25.000 Euro weniger als die Mรคnner. Das ist im Branchenvergleich beim Faktor โUngleichheitโ Platz drei. Im Stepstone-Gehaltsreport 2019 belegt der Sektor โFinanzen, Versicherungen und Bankingโ sogar den zweiten Rang bei der Ungleichheit. Laut dieser Studie verdienen Frauen im Durchschnitt 16.000 Euro weniger im Jahr als ihre mรคnnlichen Kollegen.
Liegt das nur daran, dass sich am Ende doch keine โklischeefreie Berufswahlโ durchgesetzt hat und nur wenig Frauen bis in die Spitzenpositionen bei Banken vordringen? Oder mรผsste man bei diesem Problem nicht eigentlich viel tiefer ansetzen?
Lesen Sie jetzt den zweiten Teil des Artikels: „Gender Pay Gap: Wie sich fรผr Frauen im Finanzsektor etwas รคndern kann„.
Laura Kracht ist ehemalige Redakteurin beim BANKINGCLUB.

