Jetzt Mitglied werden

Alles bleibt anders

Nach schwachem Jahresauftakt haben sich die Börsen zuletzt wieder erholt. Ist dies nur ein kurzes Strohfeuer oder wird sich dieser Trend fortsetzen?

Von Carsten Klude - 22. Juli 2016

Sowohl die Erholung des Ölpreises als auch die jüngste Entwicklung des US-Dollars könnten dafür sorgen, dass der Seitwärtstrend des S&P 500 einer Aufwärtsbewegung weicht. Bildnachweis: mattjeacock via istockphoto.de

Wer erinnert sich nicht an das Aktienjahr 2015? Nach fulminanten Start, der den DAX in weniger als vier Monaten um 25 Prozent in die Höhe katapultierte, stellte sich kurze Zeit später der große Katzenjammer ein. Erst der Crash am Rentenmarkt, dann das Ringen um den „Grexit“, danach Börsencrash und Konjunkturunsicherheiten in China, der VW-„Dieselgate“-Skandal und die Terroranschläge in Paris: Immer neue Negativschlagzeilen machten den Börsen zu schaffen. Dabei waren doch die meisten Kapitalmarktteilnehmer davon ausgegangen, dass nach dem guten Auftakt alles so bleiben würde. DAX-Prognosen von 13.000 Punkten und mehr machten schon die Runde, bevor es wieder ungemütlich wurde und die Kurse zeitweise deutlich unter die 10.000-Punkte-Marke rutschten.

Andere Vorzeichen als im letzten Jahr

2016 steht dagegen unter ganz anderen Vorzeichen als 2015, denn für die meisten Aktienanleger ist der Start in das Jahr mehr als unbefriedigend ausgefallen. Das Ungemach deutete sich bereits am ersten Handelstag im Januar an, als die chinesische Börse um sieben Prozent einbrach und andere Handelsplätze mit in die Tiefe riss. Bis Mitte Februar setzten sich die Kursverluste ungebremst fort, da schlechte Wirtschaftsdaten und der anhaltende Verfall des Ölpreises die Befürchtung aufkommen ließen, dass die Weltwirtschaft auf eine neue Rezession zusteuern könnte. Insbesondere in den beiden größten Volkswirtschaften der Welt, in den USA und in China, gab es eine Vielzahl von enttäuschenden Konjunkturdaten, aber auch Japan und Europa konnten sich von diesem Trend nicht abkoppeln.
Viele Aktienbörsen verzeichneten den schlechtesten Jahresbeginn seit vielen Jahrzehnten, und wenig überraschend wurden die Erwartungen an das Aktienjahr 2016 deutlich nach unten revidiert. Viele Analysten trauen dem Aktienmarkt für den Rest des Jahres nur noch wenig Positives zu. Zu Recht? Oder liegen die Marktteilnehmer wieder genauso falsch wie im vergangenen Jahr, als man nach dem Verlauf der ersten drei Monate so zuversichtlich auf die weitere Entwicklung des restlichen Jahres schaute?

Unklares Bild bezüglich Kurserholung

In den vergangenen Wochen konnten die Aktienmärkte ihre zuvor erlittenen Verluste zumindest teilweise wieder wettmachen. Die Kurserholung ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass sich viele Konjunkturdaten zuletzt stabilisiert haben. Allerdings ist das Bild keineswegs eindeutig: Während der im Januar und Februar zu beobachtende Abwärtstrend gestoppt zu sein scheint, gibt es bislang noch wenig belastbare Hinweise, die für eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung sprechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Verfassung der Weltwirtschaft im 1. Quartal 2016 ihren Tiefpunkt erreicht haben könnte, schätzen wir dennoch als vergleichsweise hoch ein. Jedoch gilt auch hier die alte Binsenweisheit, dass ein einzelner Monat noch nicht unbedingt einen neuen Trend definiert. Von daher kommt den nächsten Daten eine besondere Bedeutung zu, um die Frage beantworten zu können, ob der untere Wendepunkt beim globalen Konjunkturzyklus erreicht ist.

Entwicklung auch von Unternehmensgewinnen abhängig

Ob sich die Erholung an den internationalen Aktienmärkten fortsetzt, wird daneben auch von den Unternehmensgewinnen abhängen. Denn deren Entwicklung ist zumindest mittel- bis langfristig der wohl wichtigste singuläre Einflussfaktor für die Kurse börsennotierter Unternehmen. Dass sich die Weltleitbörse, der US-amerikanische S&P 500, seit gut einem Jahr seitwärts bewegt und die Marke von 2.000 Punkten bislang nicht nachhaltig überwinden konnte, hat sehr viel damit zu tun, dass die Unternehmensgewinne seitdem auf der Stelle treten. Der Blick auf die Gewinnerwartungen des Jahres 2016 verheißt zunächst wenig Gutes. Nach dem Minus von einem Prozent im letzten Jahr wird für dieses Jahr ein Plus von knapp zwei Prozent erwartet – immerhin. Dabei wird für das erste Quartal für den S&P 500 ein Gewinnrückgang von mehr als acht Prozent gegenüber dem Vorjahr prognostiziert. Dies liegt vor allem an den deutlich reduzierten Ertragserwartungen für die Unternehmen aus dem Energiesektor. Aber selbst wenn man diese Branche aus der Betrachtung ausklammert, bleibt es bei einem erwarteten Gewinnrückgang von rund zwei Prozent für den S&P 500 ex. Energy.

Allerdings haben wir im Moment den Eindruck, dass sowohl die Verbesserung des makroökonomischen Umfelds, wie er in den jüngst besseren Frühindikatoren zum Ausdruck kommt, als auch die höheren Rohstoffpreise noch nicht in den Schätzungen der Mikroanalysten berücksichtigt wurden. Besonders augenscheinlich ist dies bei den Gewinnprognosen der Energieunternehmen. So zeigt sich, dass ein sehr enger Zusammenhang zwischen der Höhe des Ölpreises und den Gewinnen der Ölunternehmen besteht. Doch während sich der Ölpreis seit Mitte Februar um mehr als 50 Prozent erholt hat, wurden die Gewinnprognosen Woche für Woche weiter nach unten revidiert. Von daher halten wir es für sehr wahrscheinlich, dass viele Ölunternehmen die Ertragserwartungen übertreffen werden. Aber nicht nur die höheren Ölpreise und die besseren Frühindikatoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Gewinnerwartungen mittlerweile zu pessimistisch geworden sind. Auch der US-Dollar gehört zu den Faktoren, der bei den US-Unternehmen zu einem geringeren Gegenwind, vielleicht sogar zu Rückenwind bei den zukünftigen Ergebnissen führen kann.

Skepsis ist überzogen

Alles in allem sind wir von daher optimistisch, dass sich die derzeit zu beobachtende äußerst skeptische Erwartungshaltung hinsichtlich der Unternehmensergebnisse als übertrieben negativ herausstellen wird. Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, wäre dies ein positives Signal für die weitere Kursentwicklung und könnte dazu beitragen, dass der S&P 500 endlich aus seiner Seitwärtsbewegung nach oben ausbricht – und andere Indizes, wie den DAX, mit nach oben zieht. Dann könnte sich die derzeitige Skepsis gegenüber Aktien als genauso falsch erweisen wie die Euphorie im Frühjahr und Sommer 2015.

Lesen Sie auch

Deutsches Finanzsystem braucht stärkere Abwehrkräfte für Konjunkturwinter

Zeiten der Hochkonjunktur und niedriger Zinsen haben im[…]

Tobias Schenkel

25. Oktober 1929: Schwarzer Tag für Europa

Am Freitag, dem 25. Oktober des Jahres 1929[…]

Redaktion

Von Bullen und Bären

Ob Börsianer oder nicht, den Begriff Bullen- bzw.[…]

Redaktion

Die Legende der chinesischen Treasury-Waffe

Die chinesische Mythologie, welche in ihrer mündlichen Überlieferung[…]

Alexander Krüger

11. Oktober 2008: Einigung in der Krise

Heute vor genau 10 Jahren und ungefähr einen[…]

Redaktion

100 Milliarden

Markus Braun, Chef der Wirecard AG, hält es[…]

Redaktion

Familienangelegenheiten

Trotz guter Quartalszahlen droht der Commerzbank im September[…]

Daniel Fernandez

Handelsstreit mit USA schadet allen Beteiligten

US-Präsident Donald Trump setzt seinen Wahlspruch „America First“[…]

Marco Bargel

US-Geldpolitik: überschaubare Implikationen für Devisenkurse von Schwellenländern

Geraten die Devisenkurse von Schwellenländern mit der geldpolitischen[…]

Dr. Klaus Bauknecht

Krypto-Science-Fiction

Immer mehr Start-ups schießen sich in ferne Krypto-Galaxien,[…]

Redaktion

Deutsche Unternehmen überweisen 47 Milliarden Euro an Aktionäre

Der Blick auf die Kontoauszüge lässt viele Aktionäre[…]

Christian Kahler

Griff der Notenbanken lockert sich

Die Informationsfunktion von Marktpreisen wurde bislang durch den[…]

Ulrich Kater

Besser wird’s nicht mehr – Ausblick 2018

Die Stimmung der deutschen Unternehmen war noch nie[…]

Stefan Bielmeier

Aufklärung über die Mythen der Automatisierung

In Zeiten von selbstfahrenden Autos, Roboter-Operationen und Computern,[…]

Charles Ellis

Kryptowährungen – Technisch genial oder Blase fatal?

Bitcoin ist der bekannteste Vertreter unter den Kryptowährungen,[…]

Robert Halver

Vorteile aus zwei Welten für die Vermögensverwaltung

Neben der prognosebasierten Portfoliosteuerung hat sich bei der[…]

Christian Jasperneite

So kann es nicht mehr weitergehen

Der S&P 500 hat in den vergangenen dreißig[…]

Otmar Lang

Von Beruf: Liquiditätsspender

Werden Wertpapiere gehandelt, sind sie liquide. Eine Besonderheit[…]

Claus Stielenbach

Bewertung – Wachstum – Risikoaversion

Die Sommermonate waren ein unangenehmes Lehrstück, wie die[…]

Dr. Achim Hammerschmitt

Der Brexit und der Gewerbeimmobilienmarkt in Frankfurt

Der Austritt Großbritanniens aus der EU wird zu[…]

Gertrud Traud

Gebührenexzesse können nicht die Lösung sein

Eine Einführung oder Erhöhung von Gebühren ohne Verbesserung[…]

Robin Buschmann

Aktien oder Gold? Eine typisch deutsche Frage

Gold erfreut sich vor allem in Krisenzeiten großer[…]

Dr. Christoph Bruns

Soll ich jetzt noch Aktien kaufen?

Das fragen viele Kunden ihre Berater. Die deutschen[…]

Jochen Knoesel

Lehren aus der Frankreich-Wahl

Am Ende fiel der Sieg deutlicher aus als[…]

Uwe Burkert

„Es ist höchste Zeit, dass die Deutschen ihre Sparangewohnheiten ändern“

Die comdirect bank AG bietet mit cominvest ab[…]

Philipp Scherber
Erneuerbare Energien Onshore

Erneuerbare Energien – ein wachsendes Geschäftsfeld für Banken

Alle Länder der EU haben sich mit der[…]

Lars Quandel

Handelsbilanzüberschüsse als kulturelles Phänomen

Klarer kann es ein US-Präsident kaum ausdrücken: Trump[…]

Karsten Junius

Das Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten

Freud und Leid gehören bekanntermaßen schon seit eh[…]

Carsten Brzeski

Börsen am Scheideweg?

Nunmehr ist es acht Jahre her, dass die[…]

Dr. Christoph Bruns

Tipps für die Geldanlage während der Niedrigzinsphase

Anzeige Durch clevere Investments können Anleger nicht nur[…]

David Gunner

TARGOBANK startet Depoteröffnung für online-affine Kunden

Düsseldorf – Was beim Kreditangebot „Direkt-Geld“ schon lange[…]

Christian Grosshardt

Wie repräsentativ sind Indizes?

Mit der steigenden Beliebtheit von Exchange Traded Funds[…]

Thomas Kettner

Erfolgreich anlegen mit ETFs

Autor: Michael Huber u.a. Euro: 24,99 192 Seiten,[…]

Christian Grosshardt

Trump verunsichert auch weiterhin Anleger

Frankfurt – Die groß angekündigte Pressekonferenz des künftigen[…]

Daniel Fernandez

Aktien mit wenig Potenzial, Anleihen mit erheblichen Risiken

Das Börsenjahr 2016 wurde vor allem von den[…]

Carsten Mumm

Zins-Zäsur verlangt Umsteuern bei der finanziellen Altersvorsorge

Mittlerweile pfeifen es die Spatzen von den Dächern:[…]

Dr. Christoph Bruns

Anlageberatung im Nullzinsumfeld: Neue Konzepte braucht das Land

Die Tatsache, dass Staatsanleihen keine risikolose Rendite mehr[…]

Jochen Knoesel

Long live the King: Der US-Dollar regiert die Welt!

Warum ist der US-Dollar für die Entwicklung der[…]

Andreas Lesniewicz

Warum in die Ferne schweifen?

Am deutschen Aktienmarkt tummelt sich eine Vielzahl attraktiver[…]

Oliver Maslowksi

„Kampfschwadron Apache Hubschrauber“ – was hat es mit „Helikoptergeld“ auf sich?

Die geldpolitischen Maßnahmen scheinen bald ausgereizt zu sein.[…]

Florian Müller

Gute Aussichten bis ins 2. Halbjahr

Die Ankündigungen der EZB im März hatten es[…]

Dr. Harald Preißler

DAX-Analyse: Alles halb so schlimm?

Die Rückkehr der Risikofreude bei den Anlegern führte[…]

Stefan Böhm

The bear is growling!

In den Medien hört man oft, dass man[…]

Roman Kurevic

Es gibt sie doch, die Finanzexperten!

In den letzten Ausgaben der Bankingnews kritisierten André[…]

Vasily Nekrasov

Wahrsager und Kristallkugeln

Hier meine Vorhersage: Auch im kommenden Jahr werden[…]

Lucy O'Carroll

Sind die Börsenschwankungen im Jahr 2015 noch normal?

Die Schwankungen an der Börse verursachte so manchem[…]

Florian Müller

Schwein gehabt!

Das Fahrradschloss „Lock8“ schließt noch nicht. 742 Unterstützer[…]

Thorsten Hahn

Fed-Beben

Erdbeben verursachen häufig auch weit vom Epizentrum entfernt[…]

Ludovic Subran