Jetzt Mitglied werden

FREITAGmittag im Interview mit Dipl.-Vw. Stefan Schilbe, Chefvolkswirt des Düsseldorfer Bankhauses H

Von Thorsten Hahn - 29. Mai 2009

Das Interview führten Redakteure des Branchen-Info-Service FREITAGmittag. Wöchentlich erscheinen dort die wichtigsten Meldungen aus der Bankenbranche – zusammengefasst in einem Newsletter.

Herr Schilbe, der ifo-Geschäftsklimaindex ist im April 2009 leicht gestiegen, der GfK-Konsumklimaindex zeigt sich mit 2,5 Punkten stabil. Wann geht es mit Deutschlands Konjunktur wieder aufwärts?
Im ersten Quartal 2009 dürfte die Abwärtsdynamik an ihrem Tiefpunkt angelangt sein, auf Sicht der kommenden Monate wird sich die Situation dann stabilisieren. Das als Aufschwung zu sehen, wäre aber noch zu früh. Deutschland kommt zwar zugute, dass wir, anders als z. B. die USA, keine überschuldete Volkswirtschaft im privaten Bereich haben. Die Realeinkommen steigen, die private Konsumtätigkeit bricht nicht weiter ein – aber leider nimmt sie auch nicht zu: Mit Blick auf die steigenden Arbeitslosigkeitszahlen legen die Leute ihr Geld lieber auf die hohe Kante, die Sparquote steht derzeit bei knapp 12%. In Deutschland rechnen wir deshalb für 2010 mit einem Konjunkturzuwachs von 0,2%, was im Grunde nicht mehr ist als eine schwarze Null. Erst 2011 besteht wohl die Chance auf höhere Wachstumsraten.

Bundesbankchef Axel Weber plädierte kürzlich dafür, die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft vom Exporthandel zu verringern. Benötigen wir ein grundlegend neues Wachstumsmodell?
Im Grunde ist unser Modell der hohen internationalen Wettbewerbsfähigkeit nicht schlecht. Ich glaube sogar, dass wir uns heute in einer noch wesentlich prekäreren Situation befänden, wenn wir international nicht konkurrenzfähig wären. Sobald sich die Weltwirtschaft stabilisiert, wird auch Deutschland auf den Wachstumspfad zurückkehren. Man sollte nun die binnenwirtschaftliche Nachfrage stärken und Leistungsanreize für Konsumenten schaffen.
Sinnvoll wäre es, das Steuersystem zu vereinfachen, es verständlicher und überschaubarer zu machen. Ordnungspolitisch bin ich ein Befürworter davon, Einkommenssteuersätze herabzusetzen und den Verbraucher entscheiden zu lassen, ob er sparen oder investieren will. Denn man wird kaum erwarten können, dass Unternehmen zur Konsumankurbelung Löhne aufstocken, deren Kosten sie auf lange Sicht wieder abbauen müssten.
Natürlich stellt sich die Frage, inwiefern Steuersenkungen tragbar sind, wenn gleichzeitig Konjunkturprogramme und Bankenhilfen zur Finanzierung anstehen. Die Haushaltslage hat sich durch die verschiedenen Programme definitiv verschlechtert. Hier muss man sich die Ausgabenseite vornehmen. Wir haben beispielsweise noch einen sehr breiten Subventionsbau, den man meiner Meinung nach kritisch überprüfen sollte.
In den USA platzt nach der Immobilien- nun die Kreditkartenblase. Wie Hypotheken- wurden auch Kreditkartendarlehen verbrieft und international verkauft – ihre Ausfälle bekommen also Investoren in aller Welt zu spüren. Löst dies eine neue, ähnlich fatale Kettenreaktion aus wie die Subprime-Krise 2007?
Eine fatale Kettenreaktion erwarte ich nicht. Die Hypothekenverschuldung in den USA war höher als das, was wir jetzt bei den Kreditkarten sehen. Allerdings steigen konjunkturbedingt die Ausfälle bei Kreditkarten stark an. Es werden also weitere Wertberichtigungen folgen und dies bei Banken rund um den Globus. Darunter leidet letztlich die Risikotragfähigkeit des Finanzsystems.

Immer mehr Notenbanken sehen sich dazu gezwungen, im Kampf gegen die Rezession zu „unkonventionellen Maßnahmen“ zu greifen. Was sagen Sie zu den jüngsten Beschlüssen der Europäischen Zentralbank, nicht nur ihren Leitzins auf ein Rekordtief von 1% zu senken, sondern auch Refinanzierungsgeschäfte zu verlängern und besicherte Anleihen (Covered Bonds) zu kaufen?
Die EZB führt den Banken unlimitiert Liquidität zu. Das ist notwendig, weil Zinssenkungen allein nicht ausreichen, um die Geldversorgung zu verbessern, da sich die Finanzinstitute aufgrund bilanzieller Probleme sträuben, die Liquidität in den Wirtschaftskreislauf einzuspeisen. Das Ankaufprogramm für Covered Bonds zielt darauf ab, über eine verbesserte Kreditversorgung die Immobilienmärkte zu stabilisieren. Zwar ist die Größenordnung gering im Vergleich zu denen der Fed oder der Bank of England. Allerdings waren dort die Exzesse auch wesentlich größer. Konjunkturelle Indikatoren jedenfalls haben sich schon stabilisiert, z. B. der ZEW-Finanzmarktindex oder der europäische Einkaufsmanagerindex. Überall registriert man leichte Verbesserungen, in den USA wie auch in China. Die Euro-Zone ist später in die Krise gerutscht, entsprechend setzten Stabilisierungsmaßnahmen später ein, und so wird auch die Erholung hier zeitlich versetzt folgen. Aber die Schockstarre nach der Lehman-Pleite, die zwei Quartale anhielt, scheint sich zu lösen.

Nach den überraschend positiven Bilanzen einiger ausländischer Konkurrenten meldeten auch Postbank, DZ Bank und Deutsche Bank im Q1 2009 Gewinnsteigerungen. Alles nur Bilanzkosmetik oder hat Deutschlands Finanzwelt die Krise hinter sich?
Grosso modo gibt es Anzeichen, dass die Krise leicht nachlässt, die Situation am Geldmarkt beginnt sich zu entzerren. Doch natürlich ist das zum Teil Bilanzkosmetik, bewirkt durch eine Abwertung der Passivseite der Bankbilanzen. Man umgeht ein wenig die Problematik, dass nach wie vor Risiken bestehen und die Gewinne noch nicht ihre einstige Qualität erreichen. Zwar wirkt sich für Banken positiv aus, dass sie von der EZB günstig mit Liquidität versorgt werden; ihr Umfeld aber ist extrem schwierig. Das Investmentbanking etwa, der Handel mit strukturierten Produkten funktionieren nicht mehr, weil die Risikoaversion der Marktteilnehmer gewachsen ist.

Welche Risiken kommen dieses Jahr noch auf Kreditinstitute zu?

Stefan Schilbe: Vor allem konjunkturelle Risiken, z. B. Einbußen in der Realwirtschaft wie Unternehmens- oder Privatinsolvenzen. Diese führen zu weiteren Wertberichtigungen bei Krediten, sodass Banken ihre Geschäfte mit zusätzlichem Eigenkapital unterlegen müssen, das ihnen dann bei der Vergabe neuer Darlehen fehlt. Sie agieren also auch künftig extrem vorsichtig, zumal der Interbankenhandel noch immer lahmt und sie unzureichend mit Liquidität versorgt.

Welche Spuren wird die Finanzkrise in der deutschen Bankenlandschaft hinterlassen?
Geschäftsmodelle kommen auf den Prüfstand. Der Weg führt weg von der „Kernphysik“ intransparenter, strukturierter Produkte, weil es dafür einfach immer weniger Abnehmer gibt. Nicht mehr das Kapitalmarktgeschäft spielt die große Rolle, das Investmentbanking wird zunehmend schwierig, da die Zahl der Geschäftsabschlüsse schrumpft. Nach dem Motto „back to the basics“ besinnen sich Banken wieder auf ihre Aufgabe als Vermittler von Liquidität. Solide Institute mit vernünftiger Eigenkapitalbasis und einem tragfähigem Geschäftsmodell dürften langfristig gestärkt aus der Krise kommen.

Lesen Sie auch

Familienangelegenheiten

Trotz guter Quartalszahlen droht der Commerzbank im September[…]

Daniel Fernandez

Handelsstreit mit USA schadet allen Beteiligten

US-Präsident Donald Trump setzt seinen Wahlspruch „America First“[…]

Marco Bargel

US-Geldpolitik: überschaubare Implikationen für Devisenkurse von Schwellenländern

Geraten die Devisenkurse von Schwellenländern mit der geldpolitischen[…]

Dr. Klaus Bauknecht

Krypto-Science-Fiction

Immer mehr Start-ups schießen sich in ferne Krypto-Galaxien,[…]

Redaktion

Deutsche Unternehmen überweisen 47 Milliarden Euro an Aktionäre

Der Blick auf die Kontoauszüge lässt viele Aktionäre[…]

Christian Kahler

Griff der Notenbanken lockert sich

Die Informationsfunktion von Marktpreisen wurde bislang durch den[…]

Ulrich Kater

Besser wird’s nicht mehr – Ausblick 2018

Die Stimmung der deutschen Unternehmen war noch nie[…]

Stefan Bielmeier

Aufklärung über die Mythen der Automatisierung

In Zeiten von selbstfahrenden Autos, Roboter-Operationen und Computern,[…]

Charles Ellis

Kryptowährungen – Technisch genial oder Blase fatal?

Bitcoin ist der bekannteste Vertreter unter den Kryptowährungen,[…]

Robert Halver

Vorteile aus zwei Welten für die Vermögensverwaltung

Neben der prognosebasierten Portfoliosteuerung hat sich bei der[…]

Christian Jasperneite

So kann es nicht mehr weitergehen

Der S&P 500 hat in den vergangenen dreißig[…]

Otmar Lang

Von Beruf: Liquiditätsspender

Werden Wertpapiere gehandelt, sind sie liquide. Eine Besonderheit[…]

Claus Stielenbach

Bewertung – Wachstum – Risikoaversion

Die Sommermonate waren ein unangenehmes Lehrstück, wie die[…]

Dr. Achim Hammerschmitt

Der Brexit und der Gewerbeimmobilienmarkt in Frankfurt

Der Austritt Großbritanniens aus der EU wird zu[…]

Gertrud Traud

Gebührenexzesse können nicht die Lösung sein

Eine Einführung oder Erhöhung von Gebühren ohne Verbesserung[…]

Robin Buschmann

Aktien oder Gold? Eine typisch deutsche Frage

Gold erfreut sich vor allem in Krisenzeiten großer[…]

Dr. Christoph Bruns

Soll ich jetzt noch Aktien kaufen?

Das fragen viele Kunden ihre Berater. Die deutschen[…]

Jochen Knoesel

Lehren aus der Frankreich-Wahl

Am Ende fiel der Sieg deutlicher aus als[…]

Uwe Burkert

„Es ist höchste Zeit, dass die Deutschen ihre Sparangewohnheiten ändern“

Die comdirect bank AG bietet mit cominvest ab[…]

Philipp Scherber
Erneuerbare Energien Onshore

Erneuerbare Energien – ein wachsendes Geschäftsfeld für Banken

Alle Länder der EU haben sich mit der[…]

Lars Quandel

Handelsbilanzüberschüsse als kulturelles Phänomen

Klarer kann es ein US-Präsident kaum ausdrücken: Trump[…]

Karsten Junius

Das Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten

Freud und Leid gehören bekanntermaßen schon seit eh[…]

Carsten Brzeski

Börsen am Scheideweg?

Nunmehr ist es acht Jahre her, dass die[…]

Dr. Christoph Bruns

Tipps für die Geldanlage während der Niedrigzinsphase

Anzeige Durch clevere Investments können Anleger nicht nur[…]

David Gunner

TARGOBANK startet Depoteröffnung für online-affine Kunden

Düsseldorf – Was beim Kreditangebot „Direkt-Geld“ schon lange[…]

Christian Grosshardt

Wie repräsentativ sind Indizes?

Mit der steigenden Beliebtheit von Exchange Traded Funds[…]

Thomas Kettner

Erfolgreich anlegen mit ETFs

Autor: Michael Huber u.a. Euro: 24,99 192 Seiten,[…]

Christian Grosshardt

Trump verunsichert auch weiterhin Anleger

Frankfurt – Die groß angekündigte Pressekonferenz des künftigen[…]

Daniel Fernandez

Aktien mit wenig Potenzial, Anleihen mit erheblichen Risiken

Das Börsenjahr 2016 wurde vor allem von den[…]

Carsten Mumm

Zins-Zäsur verlangt Umsteuern bei der finanziellen Altersvorsorge

Mittlerweile pfeifen es die Spatzen von den Dächern:[…]

Dr. Christoph Bruns

Anlageberatung im Nullzinsumfeld: Neue Konzepte braucht das Land

Die Tatsache, dass Staatsanleihen keine risikolose Rendite mehr[…]

Jochen Knoesel

Long live the King: Der US-Dollar regiert die Welt!

Warum ist der US-Dollar für die Entwicklung der[…]

Andreas Lesniewicz

Warum in die Ferne schweifen?

Am deutschen Aktienmarkt tummelt sich eine Vielzahl attraktiver[…]

Oliver Maslowksi

„Kampfschwadron Apache Hubschrauber“ – was hat es mit „Helikoptergeld“ auf sich?

Die geldpolitischen Maßnahmen scheinen bald ausgereizt zu sein.[…]

Florian Müller

Alles bleibt anders

Nach schwachem Jahresauftakt haben sich die Börsen zuletzt[…]

Carsten Klude

Gute Aussichten bis ins 2. Halbjahr

Die Ankündigungen der EZB im März hatten es[…]

Dr. Harald Preißler

DAX-Analyse: Alles halb so schlimm?

Die Rückkehr der Risikofreude bei den Anlegern führte[…]

Stefan Böhm

The bear is growling!

In den Medien hört man oft, dass man[…]

Roman Kurevic

Es gibt sie doch, die Finanzexperten!

In den letzten Ausgaben der Bankingnews kritisierten André[…]

Vasily Nekrasov

Wahrsager und Kristallkugeln

Hier meine Vorhersage: Auch im kommenden Jahr werden[…]

Lucy O'Carroll

Sind die Börsenschwankungen im Jahr 2015 noch normal?

Die Schwankungen an der Börse verursachte so manchem[…]

Florian Müller

Schwein gehabt!

Das Fahrradschloss „Lock8“ schließt noch nicht. 742 Unterstützer[…]

Thorsten Hahn

Fed-Beben

Erdbeben verursachen häufig auch weit vom Epizentrum entfernt[…]

Ludovic Subran

Banken können ETFs zur Kundenbindung einsetzen

Der zunehmende, von der Regulierung forcierte Verbraucherschutz und[…]

Simon Klein

Postbank: Hauptversammlung beschließt, Aktien von der Börse zu nehmen

Die Jahreshauptversammlung der Postbank beschloss gegen den Willen[…]

Julian Achleitner

Passion Investment: Leidenschaft und Anlageprodukt

Was der eine aus Leidenschaft sammelt, ist für[…]

Julian Achleitner

Nachhaltiges Investieren

Öko ist in! Öko ist sexy! Öko ist[…]

Julian Achleitner

Steht an den Aktienmärkten ein gewaltiger Bärenmarkt vor der Tür?

Wie lange können Aktienmärkte die negativen Fundamentaldaten ignorieren?[…]

Roman Kurevic

Zweitmarkt für Lebensversicherungen: Reformgesetz sorgt für Wachstum

Die Beteiligung der Bewertungsreserven ausscheidender Versicherungsnehmer in der[…]

Matthias Wühle