,

Die Talfahrt des Euro: Welche Ursachen stehen dahinter?

Kriege und Krisen haben nicht nur Auswirkungen auf Industrie und Privathaushalte, sondern auch auf Währungen. Welche geldpolitischen und wirtschaftlichen Entwicklungen Einfluss auf den Euro-Einbruch haben, erläutert Daniel Winkler von der H&A Global Investment Management GmbH.


Euro

Die Parität des Euros zum US-Dollar wurde das letzte Mal im November 2002 erreicht. Kurz zuvor tauchte die zu diesem Zeitpunkt noch junge Gemeinschaftswährung temporär knapp unter die Marke von 0,90 US-Dollar. Dieses Muster hat sich seitdem nicht wiederholt.

Im Gegenteil: Der Dollarkurs des Euros hat im Laufe der Zeit geschwankt, manchmal bis auf 1,60 Dollar, lag aber immer √ľber dem symbolisch wichtigen Wert von 1 US-Dollar. Bis jetzt, denn Mitte Juli 2022 sackte das W√§hrungspaar im Handelsverlauf kurzfristig unter die Parit√§tsmarke. Seitdem oszilliert der meistgehandelte Cross um die Marke von 1,01. Also sind Euro und US-Dollar in etwa gleich stark.

Die meisten modernen Analysen von Wechselkursen beruhen auf dem Klassiker ‚ÄěExpectations and Exchange Rate Dynamics‚Äú (Erwartungen und Wechselkursdynamik) des Wirtschaftswissenschaftlers R√ľdiger Dornbusch vom Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Dornbusch zufolge werden die Wechselkurse langfristig durch die Fundamentaldaten bestimmt. Demnach tendiert die Währung eines Landes also dazu, sich auf dem Niveau einzupendeln, auf dem seine Industrie auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig ist.

Der Einfluss geldpolitischer Manöver

Jedoch kann die Geldpolitik eine W√§hrung vor√ľbergehend von diesem langfristigen Wert wegbewegen. Erh√∂ht beispielsweise die Federal Reserve (Fed) die Fed Funds Target Range, w√§hrend die Europ√§ische Zentralbank (EZB) dies nicht tut, passiert Folgendes: Die h√∂heren Renditen auf Dollaranlagen werden Investitionen in die Vereinigten Staaten anziehen und den Wert des Dollars (in Relation zum Euro) in die H√∂he treiben.

In der Regel rechnen Investoren in einem solchen Szenario aber damit, dass der Dollar irgendwann wieder zu seinem langfristigen Wert zur√ľckkehrt. Die h√∂heren Renditen auf Dollar-Anlagen werden dabei durch die erwarteten Kapitalverluste aus k√ľnftigen Dollar-R√ľckg√§ngen ausgeglichen.

Trifft dies auf die geldpolitischen Manöver in der ersten Jahreshälfte 2022 beiderseits des Atlantiks zu? Auf den ersten Blick ja. Denn die Fed hat ihre Fed Funds Target Range in diesem Jahr wiederholt erhöht, während die EZB dies 2022 bislang erst einmal getan hat, verwässert durch eine gewohnt zögerliche Rhetorik. Allerdings ist das schon einmal vorgekommen.

Von 2016 bis 2019 hat die Fed die Zinss√§tze st√§rker angehoben, als sie es bislang in diesem Jahr getan hat. Die US-Zentralbank bef√ľrchtete eine √úberhitzung der Wirtschaft, w√§hrend die EZB keine derartigen Ma√ünahmen ergriff. Aber ein Einbruch des Euro vom Ausma√ü der Talfahrt im Jahr 2022 blieb damals aus.

Lektion des Pandemie-Schocks

Auf den zweiten Blick ist die signifikante Talfahrt des Euros jedoch das Ergebnis einer tiefergehenden wirtschaftlichen Malaise der Eurozone. Vereinfacht gesagt, wurden der Wohlstand Deutschlands und Europas in den vergangenen Jahren auf zwei S√§ulen aufgebaut. Zum einen auf dem billigen Erdgas aus Russland und zum anderen den Exporten von Industrieg√ľtern nach China, wenn auch in geringerem Ma√üe.

Eine dieser S√§ulen ist mit dem Ukraine-Krieg eingebrochen. Die andere S√§ule br√∂ckelt jedoch ebenso, da die chinesische Wirtschaft ins Straucheln geraten ist. Das ist nicht zuletzt auf eine unberechenbare COVID-Politik wie auch auf die schwer kalkulierbaren regulatorischen Eingriffe Chinas zur√ľckzuf√ľhren. Somit ist eine erhebliche Abw√§rtskorrektur in der Einsch√§tzung der Investoren √ľber die europ√§ische Wettbewerbsf√§higkeit und damit √ľber den vermeintlich langfristig nachhaltigen Wert der europ√§ischen W√§hrung am Werk ‚Äď die erste gro√üe Erkl√§rung f√ľr die j√ľngste Euro-Talfahrt.

Dar√ľber hinaus ist seit dem Pandemie-Schock die Bedeutung einer gemeinsamen europ√§ischen Fiskalpolitik nicht mehr von der Hand zu weisen. Im Zuge des Ukraine-Krieges und der damit zutage getretenen Energiesicherheits-Problematik ist dieser Umstand nochmals untermauert worden ‚Äď dies ist unseres Erachtens die zweite gro√üe Erkl√§rung der aktuellen Euro-Talfahrt. Die Dimension des Energie-Schocks macht einen zweiten Europ√§ischen Wiederaufbaufonds respektive einen Energie-Transformationsfonds notwendig, finanziert durch eine erneute Ausgabe von EU-Bonds.

Dies sollte jedoch nur ein weiterer Schritt in Richtung einer gemeinsamen europäischen Fiskalpolitik sein. Und zwar aus folgendem Grund: In dem Moment, in dem die Finanzmärkte die fehlende Tragfähigkeit der Peripherie-Schulden der Europäischen Währungsunion (EWU) erkennen, zerfällt der EWU-Finanzmarkt erneut in seine regionalen Bestandteile.

In einem souver√§nen W√§hrungsraum mit einem gemeinsamen Finanzministerium w√ľrde dieses in einem solchen Fall einschreiten und die klammen Regionen unterst√ľtzen ‚Äď wie es in Deutschland etwa mit dem Solidarpakt f√ľr die neuen Bundesl√§nder geschieht.

Wenn also der EZB eine europ√§ische Fiskalbeh√∂rde an die Seite gestellt w√ľrde, die √ľber hinreichende Steuermittel verf√ľgt, um eine Stabilisierungsfunktion wahrnehmen zu k√∂nnen, d√ľrfte die strukturelle Schw√§che des Euros der Vergangenheit angeh√∂ren. Bis dahin fungieren alle Anti-Fragmentierungs-Mechanismen der EWU-W√§hrungsh√ľter lediglich als √úberbr√ľckungshilfe.

Zum Ende des Jahres 2022 rechnen wir √§u√üerst mit einem EUR/USD-Kurs von 1,05 ‚Äď gegebenenfalls, es kommt zu keinem vollst√§ndigen und abrupten Energielieferstopp sowie einem zweiten Zinsschritt der EZB in H√∂he von 50 Basispunkten.

Tipps: Sie möchten gerne weitere Marktkommentare lesen? Dann erfahren Sie hier mehr zur Zeitenwende im Asset Management oder hier mehr zur Zukunft der Krypto-Assets.