Jetzt Mitglied werden

„Die Honorarberatung ist leider noch kein Selbstläufer!“

Bereits in der letzten Ausgabe thematisierte BANKINGNEWS die Worte von Heiko Maas beim Jahresempfang deutscher Banken. Der Bundesminister für Justiz und Verbraucherschutz übte im Rahmen der Veranstaltung deutliche Kritik am Modell der Provisionsberatung. Ein „Hippokratischer Eid“ für Banken? BANKINGNEWS sprach in Berlin mit Staatssekretär Gerd Billen. Dieser sieht in der Honorarberatung den richtigen Weg zum Ziel, um Verbrauchern eine Alternative zur vorherrschenden Provisionsberatung zu schaffen.

Von Thorsten Hahn - 19. Oktober 2015

Staatssekretär Gerd Billen (60) studierte von 1972 bis 1979 Sozial-, Ernährungs- und Haushaltswissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Nach seiner Tätigkeit als freier Journalist war er in der Zeit von 1982 bis 1985 Pressesprecher des Bundesverbandes Bürgerinitiative Umweltschutz und bis 1993 Bundevorsitzender der Verbraucher Initiative e.V. 2005 wechselte Billen zur Otto Group und zeichnete sich für den Bereich Umwelt- und Gesellschaftspolitik verantwortlich. Im Anschluss wechselte er im August 2007 für sechs Jahre in den Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin. Seit Dezember 2013 ist Gerd Billen beamteter Staatssekretär im Bundeministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Bildnachweis: Frank Nürnberger

BANKINGNEWS: Herr Staatssekretär Billen, zum Jahresempfang des Bundesverbandes der deutschen Banken hat sich Heiko Maas für einen „Hippokratischen Eid“ für Banken stark gemacht. Fürchtet man beim Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz etwa, dass Moral und Ethik in heutigen Beratungen vollständig ausgeblendet werden?

Billen: Nein, natürlich nicht. In Banken gibt es ohne Frage gute Beraterinnen und Berater, die durch ihre Beratung ermöglichen, dass ihre Kunden informiert Finanzentscheidungen treffen können. Leider haben in der Vergangenheit auch immer wieder Kunden durch schlechte Beratung oder durch falsche Empfehlungen finanzielle Verluste erlitten. Hierdurch ist viel Vertrauen verspielt worden. Doch: Finanzprodukte sind Vertrauensprodukte! Anders als bei Konsumgütern kann der Verbraucher deren Nutzen und Gefahren häufig erst in der Zukunft erkennen. Zudem ist der Markt für Finanzprodukte sehr unübersichtlich. Verbraucherinnen und Verbraucher müssen sich deshalb darauf verlassen können, eine vertrauenswürdige Beratung zu bekommen, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen orientiert. Dies gilt besonders für langfristige Engagements wie Geldanlage, Altersvorsorge oder Eigenheimfinanzierung. Ziel des Gesetzgebers ist es daher, die Beratung von Kunden und die Transparenz von Produkten zu verbessern. Der Ausbau der Honorarberatung und jüngst das Kleinanlegerschutzgesetz sind hierfür Beispiele.

Ist das Modell „Honorarberatung“ der richtige Weg für das von Ihnen präferierte Ziel?

Die Honorarberatung ist nicht nur der richtige, sondern auch der von CDU, CSU und SPD im Koalitionsvertrag vereinbarte Weg zum Ziel, Verbraucherinnen und Verbrauchern eine echte Alternative zur vorherrschenden Provisionsberatung zu schaffen. Mit dem Honoraranlageberatungsgesetz haben wir erstmals den Begriff des Honoraranlageberaters definiert. Die Einführung dieses Berufsbildes vor gut einem Jahr ist ein großer Fortschritt für die unabhängige Geldanlageberatung. Die klare Unterscheidung macht dem Kunden deutlich, wer für die Anlageberatung zahlt. Dies eröffnet erst die Wahlfreiheit, sich zwischen der provisionsbasierten Anlageberatung und der nicht provisionsgestützten Honorar-Anlageberatung bewusst entscheiden zu können. Auch die Verwendung des Begriffs Honorar-Anlageberater bzw. Honorar-Finanzanlagenberater wird gesetzlich geregelt. Dadurch haben Anlegerinnen und Anleger eine transparente und rechtssichere Möglichkeit, zu erkennen, an wen sie sich wenden können, wenn sie eine unabhängige honorargestützte Anlageberatung in Anspruch nehmen möchten. Leider ist die Honorarberatung noch kein Selbstläufer. Wir arbeiten weiter daran, die Vorteile von Honorarberatung im Anlage-, aber auch in anderen Finanzbereichen in der Öffentlichkeit noch bekannter zu machen. Wir haben eine Broschüre sowie eine Informationsplattform im Internet hierzu gefördert. Der „Wegweiser Finanzberatung“ soll im unübersichtlichen Markt der Finanzberater und -vermittler für Aufklärung sorgen.

Der Markt nimmt eine Honorarberatung derzeit überhaupt nicht an. Muss es zu einer Verpflichtung wie in Großbritannien kommen?

Es handelt sich ja um ein recht junges Gesetz. Für eine Abschätzung der Marktakzeptanz von Honorarberatung ist es daher noch zu früh. Die Einführung des Honoraranlageberatungsgesetzes war zudem der erste Schritt auf dem Weg, eine rechtlich abgesicherte Alternative zur bislang vorherrschenden Beratung auf Provisionsbasis für alle Finanzprodukte zur Verfügung zu stellen.
Es geht uns nicht darum, Markteingriffe vorzunehmen bzw. einen Vertriebsweg zu verbieten – weder bei Geldanlage, noch bei Versicherung. Es geht darum, die Möglichkeit einer unabhängigen Beratung zu schaffen.
Und: Es werden weitere Schritte folgen! Mit dem Gesetzentwurf zur Umsetzung der Wohnimmobilienkreditrichtlinie wollen wir den Honorarberater im Bereich der Immobiliar-Verbraucherdarlehen schaffen. Dieser muss bei der Beratung einen ausreichenden Marktüberblick zugrunde legen und darf sich die Erbringung der Beratungsleistung allein durch das Honorar des Kunden entgelten lassen.
Im nächsten Schritt gehen wir das Thema Versicherungsberatung und -vermittlung an. Wir müssen prüfen, wieviel Spielraum dem nationalen Gesetzgeber nach der Überarbeitung der EU-Versicherungsvertriebsrichtlinie bleibt und wie wir diesen sinnvoll nutzen. Am Ende soll ein Honorarfinanzberater aus einem Guss stehen.

Indes befürworten viele die detaillierte Dokumentation von Beratungen, während Berater über die Protokollpflicht stöhnen. Wer hat denn Recht?

Wir haben Ende Juni 2014 ein Gutachten veröffentlicht, das die Beratungsdokumentation im Geldanlage- und Versicherungsbereich umfangreich evaluiert hat. Im Gutachten wurde u. a. festgestellt, dass den Kunden nur in jedem vierten Fall eine Beratungsdokumentation bereitgestellt wurde. Gemeinsam mit dem Bundesfinanzministerium haben wir daraufhin ein Symposium zur Beratungsdokumentation durchgeführt, auf dem die Erkenntnisse des Gutachtens und die hieraus abzuleitenden Schlussfolgerungen diskutiert wurden.
Konsens bestand darüber, dass die Erfahrungen mit der Beratungsdokumentation in Deutschland in die europäischen Gremien eingebracht werden sollen. Deutschland ist Vorreiter bei der Beratungsdokumentation im Anlagebereich und Vorbild für die aktuelle europäische Rechtsetzung bei Wertpapieren. Bei der Beseitigung von Defiziten sehe ich in erster Linie die Branche selbst in der Pflicht. Es geht um die Einhaltung gesetzlicher Pflichten und um einen Service am Kunden. Beratungsprotokolle sollten als geeignetes Instrument angesehen werden, verlorenes Vertrauen wiederherzustellen. Sie müssen aber auch tatsächlich erstellt und dem Verbraucher ausgehändigt werden, damit sie ihm als Entscheidungshilfe dienen können.

Scheinbar ist aber auch der Kunde nicht begeistert. Wie reagiert die Politik?

Im Rahmen des bereits erwähnten Gutachtens wurden insgesamt 1.003 Verbraucherinnen und Verbraucher online befragt. Eine Schlussfolgerung aus dem Ergebnis der Verbraucher-Befragung war, dass die Dokumentationspflicht beibehalten werden sollte. Die Mehrheit der Befragten will auf die Dokumentation nicht verzichten, da sie sich absichern möchte. Die Bundesregierung wird die Regelungen über die Beratungsdokumentation im Geldanlagebereich anpassen.
Darüber hinaus wird noch in diesem Jahr die „Versicherungsvertriebsrichtlinie“ verabschiedet. Diese ist als Mindestharmonisierungsrichtlinie konzipiert. Welcher Spielraum uns zur Verbesserung des Verbraucherschutzes im Versicherungsbereich verbleibt, ist daher noch zu prüfen.

Wir haben vier Vertreter aus der Banken-, Finanz- und Versicherungsbranche zu ihrer Meinung zum Thema Honorarberatung gefragt. Um sie zu lesen, klicken Sie bitte HIER.

Lesen Sie auch

Laschet: „Regulierung muss mit mehr Augenmaß erfolgen“

Auf dem ersten Bankentag NRW lobt Ministerpräsident Armin[…]

Tobias Schenkel

Die EU darf keine Schuldenunion werden

In der EU wächst der Widerstand gegen eine[…]

Hermann Otto Solms

Ausgewählte Neuerungen zum Thema Auslagerungen in der 5. MaRisk-Novelle

Am 27. Oktober 2017 veröffentlichte die Bundesanstalt für[…]

Christian Gudat

Das Ende der Banken

Autor: Jonathan McMillan Preis: 29,80 € 304 Seiten, gebunden ISBN: 978-3-593-50841-2 Campus[…]

Philipp Scherber

Politische Rückendeckung für die Schlüsselspieler

Die Zahl der Kreditinstitute in Deutschland schrumpft stetig.[…]

Christian Grosshardt

Paradise lost

„Wo die Freiheit wohnt, da ist mein Vaterland“,[…]

Tobias Schenkel

Ein Kreuz für die Bildung

Nicht zuletzt wegen des Wahlprogramms der FDP ist[…]

Daniel Fernandez

Auf dem Weg zu einer Small Banking Box

In Bezug auf die zunehmende Regulierung wird seit[…]

Dr. Andreas Dombret

„Unsere inhaltliche Skepsis ist weiter gewachsen“

Die bevorstehende Bundestagswahl gibt Anlass dazu, auch globale[…]

Philipp Scherber

Wer steht wofür? Finanzpolitik der Parteien im Vergleich

Was sagen die Experten der Parteien zu den[…]

Redaktion

Und täglich grüßt …

... das Murmeltier namens Regulierung: Die Debatte wird[…]

Redaktion

Präzedenzfall Reutlingen

Der erste Kredit mit einem negativen Zins für[…]

Thorsten Hahn

Inklusion

In|klu|si|on, die, [lat. für „Einschließen“, „Enthaltensein“], bedeutet, dass[…]

Thorsten Hahn
Die EU – Ein Teenager mit Selbstzweifeln

Die EU – ein Teenager mit Selbstzweifeln

Der Ex-EU-Parlamentarier Martin Schulz will Bundeskanzler werden, der[…]

Daniel Fernandez

Deckel drauf

Kommt nach dem Mindestlohn für die niedrigsten Gehälter[…]

Thorsten Hahn

Tipps für die Geldanlage während der Niedrigzinsphase

Anzeige Durch clevere Investments können Anleger nicht nur[…]

David Gunner

Trotz Niedrigzinsen: Deutsche sparen noch mehr als zuvor

Bonn – Die erste Jahresbilanz nach der Nullzins-Entscheidung[…]

Daniel Fernandez

DSGV: Mittelstand muss sich Herausforderungen der Digitalisierung stellen

Bei der Digitalisierung müssen mittelständische „Unternehmen insgesamt schneller[…]

Daniel Fernandez

„European Private Equity Outlook“ sieht chinesische Investoren auf dem Vormarsch

Schon lange stellt die Bundesregierung Überlegungen an, wie[…]

Daniel Fernandez

Allianz-Chefberater El-Erian kritisiert Bundesregierung

Berlin – „Das System ist nicht so stabil,[…]

Daniel Fernandez

Rückkehr der Euro-Krise? „Deutschland wird zahlen müssen“

Berlin – Deutschland werde als Gläubiger im Euro-Raum[…]

Daniel Fernandez

Mittelstand gegen Abschaffung des Bargeldes

„Bargeld muss bleiben!“, das findet nicht nur Mario[…]

Daniel Fernandez

Null-Komma-Drei Prozent

Nein, heute geht es nicht um das Niedrigzins-Dilemma[…]

Thorsten Hahn

Trump-Dekret schickt Dollar auf Talfahrt

„Unser Dollar ist zu stark“ beschwerte sich Präsident[…]

Daniel Fernandez

Zukünftiger US-Finanzminister Steven Mnuchin verschweigt Vermögen

Während einer Anhörung vor dem Finanzausschuss des US-Senats[…]

Daniel Fernandez

Theresa May kündigt harten Brexit-Kurs an

London – Die britische Premierministerin Theresa May hat[…]

Daniel Fernandez

2016 – Von Strafzinsen bis zur US-Wahl

Die Welt verändert sich. Was trivial anmutet, sollte[…]

Christian Grosshardt

Geschafft!

Brexit auf der Insel, ein Milliardär wird Präsident[…]

Thorsten Hahn

US-Wahl gibt für den BVR „Anlass zur Besorgnis“

Berlin – Angesichts des Wahlausgangs in den USA[…]

Christian Grosshardt

Transparenz und Gerechtigkeit

Verbraucherschützer werfen Banken immer gerne mangelnde Transparenz vor[…]

Thorsten Hahn

Auf dem Prüfstand: Geldpolitik auf Jahrestagung des IWF und der Weltbank

Für eine entschlossenere Wirtschafts- und Finanzpolitik hat Georg[…]

Christian Grosshardt

Genossenschaften für die Moderne der Generationen nach dem Internet

Genossenschaften gibt es seit über 200 Jahren und[…]

Jürgen P. Müller

Einführung der Bargeldobergrenze

In Deutschland wird die mögliche Einführung einer Bargeldobergrenze[…]

Anna Stötzer

Supercrash. Das Zeitalter der Selbstsucht

Autor: Darryl Cunningham Euro: 19,90 240 Seiten, broschiert[…]

Anna Stötzer

Im Recht. Einlassungen von Deutschlands bekanntestem Strafrichter

Autor: Thomas Fischer Euro: 19,99 330 Seiten, gebunden[…]

Philipp Scherber

Die EZB: Hengst, Wallach oder Esel?

In schwierigen Konjunkturzeiten wie diesen müssen Geld- und[…]

Robert Halver

Die „überforderte“ Bankenwelt: Wie Kreditinstitute einfach ihre Bilanzen bereinigen

In den Bilanzen vieler europäischer Kreditinstitute schlummern offene[…]

Timur Peters

Carsten Kengeter

Ausverkauf! Der Große schließt sich mit dem Kleinen[…]

Thorsten Hahn

Seitenwechsel – Jain zu Fintech

Anshu Jain kehrt den Banken den Rücken und[…]

Philipp Scherber

Enorme Senkung der Boni

Wahrscheinlich gilt der gemeine Investmentbanker beim Laien immer[…]

Christian Grosshardt

Existenzgründung lohnt sich

Dass eine eigene Praxis oder Apotheke sich lohnt,[…]

Stefan Seyler

2015 – von Blockupy bis Kulturwandel

Für die Bank- und Finanzbranche war 2015 ein[…]

Christian Grosshardt

Aller guten Dinge sind fünf

Nicht weniger als vier Versuche sind beim Versuch,[…]

Thorsten Hahn

Parlament beschließt Rekordkredit zur Rettung der HSH Nordbank

Schon seit einiger Zeit galt die HSH Nordbank[…]

Christian Grosshardt

Finsternis vor der Dämmerung

Bereits Anfang des Monats kündigte der neue Co-Chef[…]

Christian Grosshardt

Stellenstreichungen bei der Deutschen Bank

Das ist mal eine Hausnummer. Die Deutsche Bank[…]

Julian Achleitner

Banken werden EU-Marionetten

Deutliche Einschnitte in die Kundenwahl müssen Banken ab[…]

Christian Grosshardt

Rating Agentur oekom research: DKB ist nachhaltigste Bank

Nachhaltigkeit ist nicht erst seit heute ein Thema,[…]

Christian Grosshardt

Fed-Beben

Erdbeben verursachen häufig auch weit vom Epizentrum entfernt[…]

Ludovic Subran

Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt

Autor: Barry Eichengreen Euro: 34,99 560 Seiten, gebunden[…]

Christian Grosshardt