Jetzt Mitglied werden
Artikel

Ackermanns Blick in die Zukunft der europäischen Banken

Von Thomas Seidel - 01. Juli 2011

Neue Chancen durch Besinnen auf eigene Stärken und Beseitigen von Hindernissen

Im Rahmen einer Veranstaltung des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität am 1. Juni 2011 in Frankfurt am Main ging, in einer ca. dreiviertelstündigen Rede, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank Josef Ackermann aus seiner Sicht auf die künftige Entwicklung der europäischen Banken im globalen Rahmengeschehen ein. Wie immer wenn der derzeitige Chef von Deutschlands größtem Bankhaus vor die Öffentlichkeit tritt, ist ihm eine zahlreiche Zuhörerschaft und ein fachkundiges Publikum gewiss. So auch diesmal im vollbesetzten Hermann-Josef-Abs-Saal am alten Sitz der Deutschen Bank in Frankfurt.

Ackermann gliederte seine Rede in drei Themen und begann mit der Verschiebung der ökonomischen Gewichte. Danach falle der Anteil Europas am globalen Bruttoinlandsprodukte in diesem Jahr unter 20 %. Drei- bis viermal so hohen Wachstumsraten bei der Finanzaktiva in den Entwicklungsregionen der Welt, stünde eine negative demoskopischen Bevölkerungsentwicklung in Europa entgegen, was die Aussichten in den Heimatmärkten der europäischen Banken trübe. Man müsse also in andere Regionen der Welt expandieren, was einigen europäischen Instituten auch gelinge. Ackermann zählt hier beispielhaft etwa spanische, britische und schweizerische Banken neben der Deutschen Bank auf. Dennoch warnt er vor Wettbewerbern aus den USA und den sogenannten Schwellenländern.

Das zweite Thema sei die Schuldenkrise in den entwickelten Ländern. Die Staatsverschuldung, bezogen auf das jeweilige Bruttoinlandsprodukt, sei in den entwickelten Ländern teilweise mehr als doppelt- und dreifach so hoch wie in den Schwellenländern, mit einer eher steigenden Tendenz. Ackermann sieht einen Zusammenhang zwischen der Verschuldung der Länder und dem Ergebnis der Banken, abzulesen u.a. in einer Korrelation der Credit-Default Swap-Spreads staatlicher Schuldner und den Refinanzierungskosten der dort residierenden Banken. Dies ginge einher mit einer höheren Steuerlast und verzerre die Wettbewerbschancen europäischer Banken zusätzlich. Schließlich beeinträchtige auch die Verschuldung privater Haushalte das Potential für neues Kreditgeschäft.

Im dritten Thema beschäftigt sich Ackermann mit den Auswirkungen der Regulierung auf den Finanzsektor, die er auch als Re-Regulierung beschreibt. Ackermann führt zunächst auf, was bereits alles von den Banken fertig gebracht worden ist, um den sich beschleunigenden Regulierungsregeln gerecht zu werden. Besonders geht er dabei auf die Problematik der Eigenkapitalausstattung ein. Dabei erwähnt Ackermann beispielhaft den Druck des Marktes auf die Banken bereits in 2013 erhöhte Eigenkapitalanforderungen zu realisieren, die offiziell eigentlich erst in 2019 umgesetzt sein müssten. Dabei erwähnt Ackermann allerdings nicht, dass die Kontrolle der Märkte auf ihre Akteure genau der Mechanismus ist, der als sogenannte Säule III von Basel II bereits vor der Finanzkrise etabliert worden war. Im Anschluss an diese eher etwas düster geschilderte Ausgangssituation gibt Ackermann Hinweise, wie aus seiner Sicht die Aufgaben für die Zukunft von Europas Banken angegangen werden sollten. Strategisch empfiehlt Ackermann eine solide Kapitalausstattung in Verbindung mit einem strikten Kapitalmanagement, was einher gehen müsste mit einem ebenso strikten Kostenmanagement. Weiter sei Expansion in wachsende Märkte wichtig, bei gleichzeitiger Konsolidierung in schwachen Märkten. Ackermann warnt vor einseitiger Überregulierung und beklagt in diesem Zusammenhang besonders die Umsetzung der Bankenabgabe, sowie die Gedankenspiele um eine Finanztransaktionssteuer. Hier kommt es ihm besonders auf eine harmonisierte Behandlung der Themen, vor allem im Rahmen der G 20 Staaten, an. Als Beispiel für eine im Ansatz gelungene europäische Initiative sieht Ackermann die Bemühungen um die europaeinheitliche Zahlungszone Single Euro Payments Area, kurz SEPA genannt, an. Doch fürchtet er gerade bei diesem Projekt Deutschland als nationalen Bremser bei der Weiterentwicklung des Systems. Überhaupt warnt Ackermann vor nationalen Egoismen bei der Integration der Europäischen Finanzmärkte. Er zählt auf, welche Fortschritte bereits heute im europäischen Finanzmarkt erzielt worden sind, nicht zuletzt um die Wettbewerbssituation im globalen Maßstab zu festigen. Ein Verlassen aus der Gemeinschaft führe ein einzelnes Land lediglich in die Bedeutungslosigkeit am Randgeschehen der Weltpolitik.

Schließlich blickt Ackermann dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft für Europas Banken. Dazu empfiehlt er noch nicht ausgeschöpftes Potenzial zu nutzen, etwa bei der Integration von Märkten, hier besonders den Retailmärkten. Weiter erkennt Ackermann große Möglichkeiten beim ökologischen Umbau, welchen er als eine neue industrielle Revolution bezeichnet, die ja finanziert werden will. Chancen gebe es sogar in der demoskopischen Entwicklung, so Ackermann. Der Bedarf an erhöhter privater kapitalgedeckter Altersvorsorge könne dazu beitragen die europäischen Kapitalmärkte zu vertiefen. Es läge in der eigenen Hand der europäischen Banken sich dem globalen Wettbewerb zu stellen und zu bestehen.

Insgesamt machte Ackermann deutlich, wie anachronistisch jeglicher nationaler Alleingang einzelner europäischer Länder in bestimmenden Fragen bereits heute wirkt. Nicht die Schwächung der europäischen Mechanismen, sondern nur ihre Stärkung schützt alle Mitglieder der EU vor den Herausforderungen in der Zukunft zu bestehen.

Lesen Sie auch

Ego-Probleme: Wer hat den größten Turm?

Von überall hört man es läuten: Filialen werden[…]

Christian Grosshardt

Fusionsdruck Rot

400 Sparkassen leisten sich knapp 170 weitere Unternehmen,[…]

Thorsten Hahn

Seitenwechsel – Jain zu Fintech

Anshu Jain kehrt den Banken den Rücken und[…]

Philipp Scherber

Targo-Chef vor die Tür gesetzt

Franz Josef Nick muss am Ende des Jahres[…]

Christian Grosshardt

Banken werden EU-Marionetten

Deutliche Einschnitte in die Kundenwahl müssen Banken ab[…]

Christian Grosshardt

Telekom-Konten gehackt!

In der vergangenen Woche soll es zu mehreren[…]

Christian Grosshardt

Probleme bei Paydirekt

Probleme über Probleme. Erst erklärten viele Händler, sie[…]

Julian Achleitner

Herber Rückschlag für Paydirekt

Da haben sich deutsche Banken endlich für einen[…]

Julian Achleitner

Niedrigzins trifft Bausparkassen

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) trifft nun[…]

Julian Achleitner

Credit Suisse steht vor Einigung

Credit Suisse kann schon einmal das Scheckbuch zücken.[…]

Julian Achleitner

Cryan läutet neues Zeitalter ein

Nun ist John Cryan schon seit fünf Wochen[…]

Julian Achleitner

Welche Vorteile bietet mir der BANKINGCLUB?

BANKINGCLUB ist einer der größten Wirtschaftsclubs für Mitarbeiter[…]

Thorsten Hahn

Nach Jenkins die Sinnflut

Knapp drei Jahre nach seinem Amtsantritt musste der[…]

Christian Grosshardt

Bankgeheimnis von EuGH gelockert

Erst Euphorie, dann die Ernüchterung: Man ersteigert zu[…]

Christian Grosshardt

Volksbank will Filialen schließen

Haben die Genossenschaftler der Volks- und Raiffeisenbanken zu[…]

Julian Achleitner

Apple Pay nun auch in Europa

In den USA können Verbraucher bereits seit Oktober[…]

Julian Achleitner

Bezahlen mit Selfie

Das ist mal innovativ. Vergessen Sie Bezahlen mit[…]

Julian Achleitner

Persona non grata – Varoufakis tritt zurück

Auf seinem Twitter-Account ist zu lesen: „Minister no[…]

Christian Grosshardt

Chapeau, Herr Neske!

Was für eine Schlagzeile heute Morgen in der[…]

Thorsten Hahn

Vorstand beschließt: Postbank steht zum Verkauf

Nach Tagen des Spekulierens ist zumindest eine Vorentscheidung[…]

Christian Grosshardt

Milliarden durch EZB verloren

Die Niedrigzins-Politik der EZB ist vielen ein Dorn[…]

Christian Grosshardt

Kritik an Deutschland

Wir stehen mal wieder in der Schusslinie! Die[…]

Christian Grosshardt

400 Kunden in die Wüste geschickt

Wer nicht hören will, muss fühlen. Wie SPIEGEL[…]

Christian Grosshardt

Amtlich: Der Euro wird abgeschafft!

Jetzt ist es spruchreif: Nachdem sich die führenden[…]

Christian Grosshardt

Der Dollar ist zurück

Wer hätte das gedacht? Dollar und Euro bewegen[…]

Christian Grosshardt

Gemeinsames Online-Bezahlsystem auf dem Weg

In Zeiten von Fintechs, die extern teilweise Online-Bezahldienste[…]

Christian Grosshardt

Lufthansa mit enormen Verlusten an der Börse

Der gestrige Absturz eines Airbus A320 hat viele[…]

Christian Grosshardt

Radikale Maßnahme bei der Deutschen Bank

Seit einiger Zeit berät die Deutsche Bank in[…]

Christian Grosshardt

Tag 1 nach Blockupy

Unfassbare Bilder boten sich uns gestern aus der[…]

Christian Grosshardt

Blockupy – Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei

Man rechnete mit dem Schlimmsten, aber die Befürchtungen[…]

Christian Grosshardt

Geldwäsche treibt Bank in die Pleite

Banco Madrid ist insolvent. US-Behörden werfender Bank vor[…]

Thorsten Hahn

Den Kunden dort abholen, wo er ist – im Netz

Über 28 Millionen Deutsche erledigen ihre Bankgeschäfte online:[…]

Juliane Hartmann

Turnschuhe sind zum Turnen da

Ein altes Sprichwort besagt: „Kleider machen Leute.“ Dieses[…]

Julian Achleitner

DAX 30 CFD-Trading

Experten raten in diesen harten Zeiten des Niedrigzinses[…]

Julian Achleitner

Finanzprodukte – einfach unterhaltsam

Wie Erklärfilme komplexe Finanzprodukte begreifbar machen und zu[…]

Julian Achleitner

Austerität. Politik der Sparsamkeit: Die kurze Geschichte eines großen Fehlers

Autor: Florian Schui Euro: 19,99 256 Seiten, broschiert[…]

Julian Achleitner

Die BIZ als Wahrsager?

Im Oktober mussten die Aktienkurse einen enormen Einbruch[…]

Christian Grosshardt

Mario "Two-Face" Draghis neuer Job

Auf die Europäische Zentralbank und Mario Draghi wartet[…]

Christian Grosshardt

Bevormundung erwachsener Bürger

In einer freiheitlichen Grundordnung müsste die Eigenverantwortlichkeit des[…]

Julian Achleitner

Maßnahmen gegen Steuerflucht

In drei Jahren wird mit offenen Karten gespielt:[…]

Julian Achleitner

Fintech mal anders

Die Zukunft des Zahlens hat schon längst begonnen.[…]

Julian Achleitner

Ein Tag, der die Welt veränderte

Vor 85 Jahren sorgte der berüchtigte „Black Thursday“[…]

Julian Achleitner

Algorithmen oder das vermeintliche Ende des Beraters

Kann die Maschine Menschen ersetzen? Diese Frage wird[…]

Julian Achleitner

Regionale Werbung mit internationalem Flair

Mehrere Tausend Werbebotschaften versuchen täglich, die Aufmerksamkeit der[…]

Christian Dorn

Auf Wanderschaft

Schon praktisch diese Rucksäcke. Man hat die Hände[…]

Thorsten Hahn

MaRisk-konformer Einsatz des iPads in der Bank

Der Siegeszug des iPad ist nicht aufzuahlten, auch[…]

Thorsten Jekel

„Der Fokus liegt auf der Online-Präsenz“

Im Interview mit den BANKINGNEWS spricht Kai Fürderer,[…]

Thorsten Hahn

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Über 200 Vergleichsportale gibt es heute bereits. Das[…]

Thorsten Hahn

Das Mitarbeitergespräch: Führung oder Flop?

Es ist Herbst. Die Tage werden kürzer. Zeit[…]

Niels Pfläging

„Du bist, was Du teilst!“

You are what you share! „Du bist, was[…]

Prof. Martina Dalla Vecchia

Outsourcing von Kreditanalysen

Zeiten ändern sich. Dieser berühmte Satz kann problemlos[…]

Markus Diehl