„KI kommt mit Macht auf uns zu“

Nachbericht zur Abendveranstaltung „KI – Magic Boost for Finance?“


Dr. Andreas Totok, Alexander Renner, Nadine Knur und Thorsten Hahn (v.l.) bei der abschließenden Podiumsdiskussion.

Sophia ist eine junge, aufgeschlossene Frau mit wachem Augenaufschlag und bemerkenswerter Ähnlichkeit zu Audrey Hepburn. Selbstbewusst schwärmt sie gegenüber ihren Zuhörern von den Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz und wie diese helfen können, Armut, Hunger und Korruption auf der Welt zu beenden. Das außergewöhnliche hieran: Sophia ist ein Roboter. Die von Hanson Robotics in Hong Kong entwickelte Maschine sieht aus wie ein Mensch, kann komplexe mathematische Probleme lösen und selbstständig einfache Unterhaltungen führen. Ob Roboter wie Sophia bald auch im Bankensektor zum Einsatz kommen, welche Rolle die Künstliche Intelligenz für dessen Zukunft spielt und wie wichtig Faktoren wie Empathie sind, waren zentrale Fragestellungen auf dem Event „KI: Magic Boost for Finance?“ am 09.08.2018 in Frankfurt.

Automation als Wettbewerbsvorteil

Zu Beginn der Abendveranstaltung gab Alexander Renner, Marketingleiter bei Finanz Informatik Technologie Service (FI-TS), eine Einschätzung zur bereits bestehenden Robotik- und KI-Landschaft. Neben Sophia stellte er auch Projekte wie den Allzweck-Roboter Atlas von Boston Dynamics vor, welcher mit der richtigen Programmierung die verschiedensten Arbeiten erledigen kann, gab aber gleichzeitig zu bedenken: „Programmierte Roboter entwickeln auf lange Sicht keine Intelligenz, keine Empathie“. Trotzdem kommen bei der FI-TS schon zahlreiche KI-gestützte Verfahren zum Einsatz, welche diese Komponenten nicht benötigen, z.B. in der Datenverarbeitung. Renner betonte die Wichtigkeit von Automation und Effizienz für sein Haus, immerhin sei man der einzige Dienstleister, der genau nach EZB-Vorschriften arbeite. Darüber hinaus habe man eine große Verantwortung gegenüber Banken, welche die Dienste von FI-TS nutzen, darunter sechs der wichtigsten systemrelevanten Häuser.

KI als Jobkiller?

Nadine Knur, Online Marketing Manager bei FI-TS, knüpfte mit ihrem Vortrag genau an dieser Stelle an. Sie stellte die momentan in den Medien viel diskutierte Frage nach dem „Jobkiller KI“ und skizzierte mögliche Einsatz- und Entwicklungsbereiche der Technologie. Am Beispiel des Mode-Versandhauses Zalando, welches jüngst 250 hauptsächlich administrativ eingesetzte Mitarbeiter aus dem Marketing-Bereich entließ, machte sie einen Trend vieler Unternehmen deutlich, immer mehr solcher Aufgaben von KI gesteuerten Prozessen übernehmen zu lassen. Dies sei deswegen sinnvoll, da Menschen bei sich stark wiederholender Arbeit besonders anfällig für Fehler würden. Sofern sie fehlerfrei programmiert seien, könnten Maschinen hier bessere Arbeit leisten.

Knur verglich die aktuelle Entwicklung in der Arbeitswelt mit den Veränderungen, welche die Erfindung des Webstuhls vor hunderten Jahren mit sich brachte. Das menschliche Gehirn sei zwar sehr effizient, würde sich aber auf Dauer gegen KI-Systeme, welche durch riesige Datenbanken und das Internet potenziell auf unendlich viele Informationen zurückgreifen könnten, nicht durchsetzen. Trotzdem seien Kernkompetenzen des Menschen wie kreatives Denken und Empathie nicht zu unterschätzende Vorteile gegenüber Maschinen. Die Fähigkeit, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen könne, „so von Robotern oder KI mittelfristig nicht gelöst werden“.

Wie können Banken profitieren?

Dem widersprach Dr. Andreas Totok, KI Evangelist bei Finanz Informatik Solutions Plus, und verwies auf die sogenannten „SoulMachines“, welche, basierend auf künstlichen Nervensystemen, sehr wohl zum Thema Empathie beitragen könnten. Die täuschend echt aussehenden digitalen Avatare werden bereits jetzt von der neuseeländischen Bank ANZ als Online-Kundenassistenten eingesetzt. Vor allem bei Robo Advisory oder der Vergabe von Krediten müssten Prozesse von KI jedoch stets nachvollziehbar und regulatorisch erklärbar sein. „KI ist marktreif und kommt mit Macht auf uns zu“, so sein Urteil direkt zu Anfang des Vortrags.

Totok, der als Geschäftsbereichsleiter Enterprise Information Management IT-Projekte in der Sparkassen-Finanzgruppe verantwortet, stellte einige interessante Use Cases aus der Praxis vor. So wurde zum Beispiel für den Bereich Konsumentenkredit ein neuronales Netz zum Auslesen von handschriftlich ausgefüllten Formularen entwickelt. Sollte dieses eine Handschrift nicht erkennen, kann ein Sachbearbeiter über ein spezielles Frontend nachhelfen und die fehlenden Informationen ergänzen, womit das System immer weiter trainiert und effizienter gemacht wird. Anstatt nur auf menschliche Mitarbeiter zu setzen, wurde also auch hier stark automatisiert.

Totok und sein Team arbeiten im eigenen Innovation-Lab, um neue Ideen ganz bewusst außerhalb der Grenzen klassischer Bank-IT zu testen, denn: „Nicht alles lässt sich sofort in einen produktiven Bankprozess integrieren“. Den großflächigen Durchbruch von KI-Methoden und Technologien sieht er in fünf bis zehn Jahren. Nicht die Erledigung der einfachen, sondern der wirklich anspruchsvollen Aufgaben werde dann besonders interessant, vor allem im Hinblick auf eine fruchtbare Zusammenarbeit von elektronischen Assistenten und menschlichen Spezialisten. Deren gesunden Menschenverstand sieht Totok momentan noch nicht ersetzt „und da würde ich auch nicht rangehen wollen“.