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Für finanzielle Bildung ist es nie früh genug

Lehrermangel, Unterrichtsausfall, Technologie von gestern: Deutschlands Bildungssystem wird oft kritisiert. Und wie steht es um die finanzielle Bildung? Was machen Bildungseinrichtungen und Politik hierfür? Und machen Banken dabei überhaupt etwas?


Wie steht es um die finanzielle Bildung in Deutschland? Daily Über den Tellerrand

„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen“ – dieser Post einer Schülerin aus Köln löste 2015 eine heftige Debatte über finanzielle Bildung bei Kindern und Jugendlichen aus. Die dahinter stehende Frage: Bereitet die Schule junge Menschen überhaupt richtig auf das Leben vor?

Während früher Fächer wie Hauswirtschaftslehre oder Kochen angeboten wurden, konzentrieren sich Lehrpläne heute häufig auf Spracherwerb und abstrakte Problemstellungen. Natürlich schadet es nicht, den Abstand von Ebenen berechnen oder den berühmt-berüchtigten Citratzyklus aufsagen zu können – dennoch haben viele Schüler oft das Gefühl, dass ihr Unterricht durchaus am realen Leben vorbeigeht. Seneca hat eben Recht, man sollte nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen. Auch BANKINGCLUB-Gründer Thorsten Hahn kritisiert in „Freitags im Fahrstuhl“ das Fehlen von Fächern wie Wirtschaft in der Schule.

Und es zeigt sich: Wer die Grundlagen nicht frühzeitig vermittelt bekommt, hat es später umso schwerer, sie nachzuholen. Denn so gut wie jedes Jahr hört man von Fällen wie dem von der S&K-Gruppe – bei besserer finanzieller Vorbildung wären manche dieser Anlegerverluste vielleicht nicht vorgekommen. Thorsten Hahns Fazit: „Hier muss der Staat, Stichwort Bildung, mehr tun.“ Aber er sagt ebenso: „Und auch Banken kommt beim Thema Finanzielle Bildung, oder Financial Education, eine besondere Rolle zu, die sie bis heute nicht entsprechend ausfüllen.“

Finanzielle Bildung: Was tun Banken und Schulen?

Was machen Banken und Schulen für die finanzielle Bildung junger Menschen und wo liegt das Problem? Darauf angesprochen, sagt Burkhard Balz, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank im BANKINGNEWS-Interview: „Es ist doch so: Ökonomische Inhalte haben bereits mehr Raum in den Schulen erhalten. Doch die schulische Bildung allein scheint nicht auszureichen.“ Deshalb vermittle die Bundesbank auf vielfältige Weise Grundkenntnisse in den Bereichen Geld, Geldwertstabilität, Zentralbank und Finanzsystem. Balz ergänzt: „Die Bundesbank hat zum Beispiel mit ihrem Geldmuseum einen einzigartigen Lern- und Erlebnisraum geschaffen, der gerade von Jugendlichen sehr gut angenommen wird.“ Darüber hinaus bietet die Bundesbank auf ihrer Homepage unter der Rubrik „Schule und Bildung“ verschiedene Publikationen, Broschüren und Info-Blätter an, die Schüler, Eltern und Lehrer unterstützen sollen.

Auch an anderen Stellen im Finanzsektor wird ein Mangel an finanzieller Bildung, besonders bei jungen Menschen, erkannt. Auf die Frage, ob Kreditinstitute und Politik beim Thema Finanzbildung noch eine Schippe drauflegen müssen, sagt Vorstand Dr. Michael Meyer von der Sparkasse Düsseldorf im BANKINGNEWS-Interview: „Ja. Wenn Sie sich anschauen, mit welchem Curriculum man das Abitur absolviert, sind die lebensnahen Finanzthemen immer noch deutlich unterrepräsentiert. Bei finanzieller Bildung herrscht Verbesserungsbedarf.“

Im BANKINGNEWS-Interview sagt Dr. Reinhard Krafft, Geschäftsführer Rothschild & Co Vermögensverwaltung, dass es dabei ein „Zuviel“ an Verbesserung nicht geben kann: „Ich bin beim Thema Bildung ziemlich kompromisslos. Mehr ist grundsätzlich immer besser.“ Der promovierte Banker weist darauf hin, dass eine Promotion und ein CFA-Programm gute Möglichkeiten sind, das im Banking und gerade in der Vermögensverwaltung benötigte Fachwissen und Training zu erhalten.

Oftmals problematisches finanzielles Fehlverhalten

Natürlich braucht nicht nur die jüngere Generation Finanz-Nachhilfe: „Die Deutschen sparen häufig zu wenig für ihre Altersversorgung, ihre Geldanlagen sind unzureichend diversifiziert und oft renditeschwach. Zudem gelten fast zehn Prozent der Menschen als überschuldet; viele sind auch zu teuer verschuldet, weil sie beispielsweise permanent ihr Girokonto überziehen“, schrieben die Professoren Tim Kaiser und Lukas Menkhoff schon 2019 im Blog vom Bankenverband. Auch wenn deren Wirksamkeit oftmals in Frage gestellt würde: Finanzielle Bildung wirkt.

Dabei gäbe es bereits vielfältige Maßnahmen, die darunter fallen: etwa Schulmaterialien und spezielle Kurse. Aber auch die „Integration von Finanzthemen in den Mathematik-Unterricht oder die Eliminierung von ‚schlechten‘ Finanzprodukten mittels restriktiver Regulierung“ könnten das Finanzverhalten insgesamt verbessern, so Kaiser und Menkhoff.

Nahezu alle Banken betonen auf ihren Internetseiten die Wichtigkeit von finanzieller Bildung und klären über entsprechende Angebote auf. Damit sie auch wirklich ankommen, muss jedoch mehr getan werden als darauf hinzuweisen und bereits beim Bildungssystem und in der Erziehung darauf Wert gelegt werden. Denn klar ist: Je früher man mit finanzieller Bildung anfängt, desto besser. Das zahlt sich aus.

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