„Je länger der Krieg dauert, desto schwerer können mögliche Einschnitte sein“

Was bedeutet der Ukraine-Krieg für die Weltwirtschaft? Friedrich Mostböck, Head of Group Research bei der Erste Group Bank AG, über Energieimporte, die Unterschiede der Zentralbanken und die Konjunktur der BRICS-Staaten.


Krieg, Weltwirtschaft

BANKINGNEWS: Auf Corona folgt mit dem russischen Angriff auf die Ukraine der nächste Dämpfer für die Weltwirtschaft. Welche Risikobewertung bereitet Ihnen aus analytischer Perspektive derzeit das größte Kopfzerbrechen?
Friedrich Mostböck: Das größte Risiko für die Weltwirtschaft, aber auch für die Finanzmärkte ist die Dauer des Krieges. Bis dato haben die wesentlichen Weltwirtschaften und auch die Finanzmärkte die aktuellen Herausforderungen halbwegs verdauen können. Aber je länger der Krieg dauert, desto schwerer können mögliche Einschnitte sein. Das heißt, die Revisionstätigkeit kann bei Fortdauer des Krieges sowohl für die BIP-Wachstumsraten als auch für die Gewinne börsennotierter Unternehmen nach unten gerichtet sein. Es kann aber keiner wirklich beantworten, wann der Krieg enden wird. Denn selbst die NATO geht ja davon aus, dass der Konflikt im schlimmsten Fall noch Jahre anhalten kann.

Deutschland und Österreich sind stark abhängig von russischen Energieimporten. Wo sehen Sie hier Parallelen und wo Unterschiede?
Eigentlich ist ganz Europa stark abhängig von Energieimporten, vornehmlich russischem Gas. Meines Wissens sind es in Europa etwa 40 Prozent, in Deutschland sind es 35 Prozent und in Österreich sogar an die 80 Prozent. Man sieht, dass man über die letzten Jahrzehnte eigentlich mit einem Klumpen-Risiko gelebt hat, weshalb man sich verstärkt um Alternativenergiequellen bemühen muss. Das ist aber nicht passiert. Jetzt gibt es ohnehin eine Energie- beziehungsweise Transformationswende in Europa. Die wird sich massiv beschleunigen. So schnell wird man umgekehrt aber von herkömmlichen Energiequellen auch nicht wegkommen. Daher bemühen sich alle europäischen Staaten darum, von anderen Staaten mit Gas und Öl versorgt zu werden. Österreich ist beispielsweise im Austausch mit den arabischen Staaten.

Der Europäischen Zentralbank wird oft vorgeworfen, dass sie durch ihre Zurückhaltung in der Zinspolitik Preisstabilität vernachlässige und das Szenario einer Stagflation begünstige. Wie sehen Sie das?
Die EZB hat im Vergleich zu anderen Notenbanken vielleicht die Inflationsentwicklung unterschätzt. Man kann ihr aber nicht vorwerfen, dass sie die Preisstabilität vernachlässigt und ein Szenario der Stagflation begünstigt. Warum? Weil der Krieg dazwischengekommen ist. Es wäre vorher eine Überlegung wert gewesen, etwas früher an der Zinsschraube zu drehen. Mit dem Ausbruch des Krieges kommt aber noch ein Sonderfaktor hinzu, weil er das Wirtschaftswachstum belastet und sich damit wahrscheinlich auch das Konsumentenverhalten wieder verschiebt. Andererseits ist es aber so, dass durch die Situation vor allem die Energiepreis-Komponenten steigen. Das wird man in weiterer Folge beurteilen müssen. Wir denken, dass sich die EZB das genau anschauen wird und wahrscheinlich in weiterer Zukunft und im zweiten Halbjahr 2022 Zinserhöhungen vornehmen wird. Der Zug fährt auf jeden Fall in Richtung Zinserhöhungen, wir rechnen nach Juli auch mit weiteren Erhöhungen im September und Dezember.

Glauben Sie, dass die Federal Reserve und die Bank of England durch ihr schnelleres Vorgehen auch Druck auf die EZB ausüben?
Die Fed hat vielleicht teilweise andere Zielsetzungen, aber sie geht in der Regel auch schneller bei Zinsmaßnahmen vor. Meistens ist die konjunkturelle Entwicklung in den USA eine vorgelagerte. Das heißt, wenn weltweit Wachstum erfolgt, ist es in den USA oft schneller spürbar als in der Eurozone. Sie hinkt da hinterher, vielleicht auch aufgrund der Verschiedenartigkeit der einzelnen Länder. Im Wesentlichen sind die Entscheidungen der Fed eher wachstumsorientiert. Wohingegen die EZB eher stabilitätsorientiert oder inflationsorientiert vorgeht. Also gibt es da aufgrund der zugrunde liegenden Volkswirtschaften und der unterschiedlichen Ansätze der Notenbanken von vornherein Unterschiede.

Schrittweise werden die Folgen des Lockdowns in Shanghai auf die internationalen Lieferketten sichtbar. Was glauben Sie, was passiert, wenn der Lockdown andauert?
China geht überhaupt radikaler gegen das Corona-Virus vor, als das beispielsweise in europäischen Staaten der Fall ist. Würden sich die Lockdowns verlängern, hätte das ganz sicher einen weiteren negativen Effekt für Lieferketten. Weil sie aber regional unterschiedlich sind, auch innerhalb Chinas, muss man zunächst beobachten, in welchen Regionen die No-Covid-Maßnahmen erfolgen und dann dementsprechend evaluieren, welche Lieferketten davon betroffen wären. Dass die Lieferketten teilweise schon unterbrochen sind, ist unbestritten. Die Autoindustrie ist ein prägnantes Beispiel.

China haben wir angesprochen. Welche Rolle spielen die BRICS-Staaten insgesamt für die Konjunkturerwartungen der Weltwirtschaft?
Da muss man innerhalb der Staaten differenzieren, Brasilien und vor allem Russland sind inkludiert. Russland ist massiv von Sanktionen betroffen und wird längerfristig starke wirtschaftliche Einschnitte verkraften müssen. Brasilien hat schwächelnde wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu verdauen, wird aber wohl auch eher von der Rohstoff- und Energieknappheit profitieren. Südafrika hat mit knapp zwei Prozent ebenfalls vergleichsweise verhaltene Wachstumsraten. China besitzt mit Sicherheit den größten Wachstumsmotor, wenn auch auf gedämpften Niveau. Wir erwarten für 2022 und für das darauffolgende Jahr BIP-Wachstumsraten von etwa fünf Prozent. Das ist weit weniger als in der Vergangenheit. Bei Indien erwarten wir für 2022 noch neun Prozent und für 2023 etwa sieben Prozent. Aus den BRICS-Staaten sind China und Indien jene Länder, die signifikante globale Wertschöpfungsbeiträge beziehungsweise Wachstum bringen.

Welches Resümee ziehen Sie?
Insgesamt werden die Märkte volatil bleiben. Es ist ein ständiges Auf und Ab an den Finanzmärkten, weil man nicht weiß, ob der Krieg nicht doch vielleicht ein baldiges Ende finden kann. Und das wird wohl davon abhängig sein, inwieweit Russland einlenkt und aufgrund des bisherigen Fortschritts auch einlenken muss, um die eigene wirtschaftliche Existenz und die innere Stabilität nicht auf lange Zeit zu gefährden.

Interview: Milan Herrmann und Laura Kracht

Tipps: Sie möchten weitere spannende Einblicke in die Entwicklung der Märkte erhalten? Dann lesen Sie hier mehr zur Zeitenwende im Asset-Management oder erfahren Sie, wieso ESG allein nicht vor Marktrisiken schützt.